Die elfte Ars Nobilis in Berlin

Horror Vacui auf zwei Etagen

Stefan Kobel
9. November 2010

Ars Nobilis – Automobil Forum Unter den Linden, Berlin. Vom 5. bis 14. November 2010

Mit ihrer elften Ausgabe gehört die „Kunst- und Antiquitätenausstellung“ Ars Nobilis mittlerweile zum festen Programm der Hauptstadt. Messe darf sie sich nicht nennen, dafür ist die Veranstaltung mit ihren 26 Teilnehmern zu klein. Im Unter- und Obergeschoss des „Automobil Forum Unter den Linden“ drängen sich die Stände wie jedes Jahr zu einer mehr oder weniger gelungenen Schau. Diesjährig schwebt ein Banner mit dem Motto „Zukunft begegnet Vergangenheit“ über dem Ganzen. Beim Betreten der beiden Ausstellungsräume – im oberen noch mehr als im unteren – wird die negative Interpretationsmöglichkeit des Slogans sofort augenfällig. Der erste Eindruck liefert ein gutes Argument gegen das Sammeln alter Kunst. So vollgestopft wirken manche der Vitrinen und Wände, dass man an den Horror Vacui der Großelterngeneration erinnert wird.

Viele Aussteller scheinen nach dem Prinzip „viel hilft viel“ zu verfahren und bringen an ihrem architektonisch offen gestalteten Stand unter, was gerade eben noch so unterzubringen ist. Irgendetwas davon wird das Sammlerinteresse schon treffen. Dieses Vorgehen ist verständlich, handelt es sich doch um eine Verkaufsausstellung, an der teilzunehmen mit 7.000 Euro zwar vergleichsweise preiswert, aber eben doch nicht kostenlos ist. Attraktiv wirkt das nicht, wohl am wenigsten auf jüngere Generationen, auf die der Antiquitätenhandel doch so dringend angewiesen ist.

„Wir haben hier einen Platz, von dem wir hoffen, dass wir ihn aufbauen können“, erzählt Achim Schürenberg aus Aachen, der seinen Kunsthandel mit Glas vor einigen Jahren an seinen Sohn Joschua übergeben hat. „In Mitte hat man ein Publikum, das aufgrund seiner Geschichte nicht immer aus richtigen Sammlern besteht. Ansonsten kommen hier ein paar Spandauer oder Charlottenburger her, die ein oder zweimal im Jahr in den Osten fahren“, beschreibt er die Besucher. „Aber ein oder zwei junge Sammler haben wir hier in den ganzen Jahren vielleicht gewonnen.“ Das allerdings ist kein spezifisches Problem der Messe, sondern des gesamten Sammelgebietes. Sammler unter 50 Jahren gehören hier zum Nachwuchs. Immerhin, es gibt Hoffnung: „Ich habe den Eindruck, dass das, was man heute unter dem Begriff Design subsumiert, immer wichtiger wird.“

Diesem Trend öffnen sich auch die alerteren Möbelhändler. Reduziertes Design und überraschende Kombinationen lassen die Antiquitäten erstaunlich frisch wirken. So hat Daniel Becht, der erst kürzlich sein Geschäft in Bamberg eröffnete, zeitgenössische Porzellanobjekte auf seinen zumeist protestantischen Biedermeiermöbeln drapiert. „Die Masse, mit der häufig auf Messen um sich geschmissen wird, ist mir mitunter einfach zuviel.“

Zuviel scheint auch die Sonderschau, bei der noch einmal 15 zusätzliche Aussteller an Wänden und in Vitrinen Objekte zum Thema „Liebe“ präsentieren. Mit Verkäufen wird hier wohl kaum gerechnet. Die Händler sind noch nicht einmal anwesend. Der Berliner Markt ist bekanntermaßen schwierig und scheint sich nur langsam zu entwickeln. Doch Volker Wurster von der Bremer Galerie Neuse meint: „Ich finde Berlin wird immer lebendiger. Auch die ungeliebte Mitte hat an Zulauf gewonnen. Ob daraus auch Käufer werden, muss die Zeit erweisen.“ Zur aktuellen Ausgabe hätten die sich allerdings noch nicht eingestellt: „Wir gehören ja nicht zu den Preiswertesten. Da muss man den Leuten Zeit geben, und das tun wird.“ Als Kontaktbörse sei die Ars Nobilis jedoch erfolgreich: „Da steht dann plötzlich jemand vor einem, der sich als so kenntnisreicher und kapitaler Sammler erweist, dass man sich wundert, warum man dem noch nicht früher begegnet ist.“

Auf viele Bestandskunden kann hingegen Horst Glass aus Jülich verweisen. An einen von ihnen hat er gerade eine Ledertapete für die komplette Decke eines Zimmers in einer Grunewald-Villa verkauft. Erfolgreich war ebenfalls Dr. Thomas Schmitz-Avila aus Bad Breisig, der einen Konsoltisch von J.H. Hoppenhaupt an einen jungen Spontankäufer aus Berlin abgab, womit dieser gleich einer ganzen Reihe von zögerlichen Interessenten zuvorkam.

„Das Publikum ist durch den freien Eintritt natürlich vielfältig“, meint ein Händler. „Dazwischen sind aber immer wieder interessierte Leute dabei.“ Ob das Konzept einer Gratismesse mit langer Laufzeit und durch die Dichte etwas unaufgeräumt wirkendem Erscheinungsbild als zukunftsweisendes Vermittlungsmodell von Alter Kunst und Antiquitäten dienen kann, darf jedoch bezweifelt werden. Doch solange es keine tragfähige Veranstaltung in größerem Stil gibt, dürfte die Ars Nobilis die feinste Adresse Berlins bleiben.


Weitere Artikel von Stefan Kobel


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken