Die dritte Ausgabe der Art Dubai

An der Erwartungsschraube gedreht

Henrike Thomsen
19. März 2009
Als der Berliner Galerist Volker Diehl letztes Jahr nach Dubai kam, setzte er auf indische Künstler wie Shilpa Gupta und Chinesen wie Zhang Huan. Auf der Art Dubai 2009 präsentiert er erstmals den Ägypter Youssef Nabil, gemeinsam mit glamourös- melancholischen Fotos von Shirin Neshat und anderen Künstlern aus dem arabischen Raum. Der 36-jährige Nabil trat zuerst in der nicht kommerziellen Kairoer Townhouse Gallery hervor, später in der Dubaier Galerie The Third Line. Ob Diehl bei der letzten Messe auf ihn gestoßen ist oder angeblich durch einen befreundeten Kurator, ist letztlich egal – unübersehbar ist, dass der neue Hype um Künstler aus der arabischen Region schnell an Fahrt gewinnt und sich zum nächsten Kunstmarkt-Phänomen auswächst. Die Art Dubai ist für diese Entwicklung seit ihrer ersten Ausgabe 2007 zentral. Und obwohl die Geschäftsprognosen zu Beginn am Dienstag vorsichtig waren wie überall, überrascht das deutlich verbesserte Niveau. Von arabischen, besonders persischen Künstlern dominiert und durch die Präsentation von wenigen oder einem Künstler pro Koje konzentriert, wirkt die Messe einheitlicher und anspruchsvoller.

2008 waren, wie berichtet, die Programme der westlichen Galeristen und der Kunsthändler aus den arabischen und asiatischen Regionen teilweise stark voneinander abgewichen: amerikanisch und europäisch inspirierte Pop Art und Konzeptkunst einerseits, dekorative Kunst (häufiger) andererseits. In diesem Jahr hat sich das Bild stark gewandelt. Neu dabei sind etwa Galerien wie Waterhouse & Dodd Contemporary und Green Cardamom aus London oder Leila Taghinia-Milani Heller aus New York, und sie profilieren sich mit arabischen Künstlern. Auch aus der arabischen Region selbst sind anspruchsvolle Player dazugekommen. Hier ist vor allem die Townhouse Gallery zu nennen, deren Teilnahme von der Messeleitung und einigen Galeristen gesponsert wird, und die Künstler wie Wael Shawky und Doa Aly zeigt (mit dem Performance-Video A Tress of Hair, 6.000 EUR). Beide werden kommerziell von den Galerien Sfeir-Semler aus Hamburg und Kamel Mennour aus Paris vertreten, die ebenfalls an der Messe teilnehmen. Bei Mennour gibt es zudem die minimalistischen, politisch aussagestarken Installationen von Latifa Echakhch zu entdecken.

Bei Waterhouse & Dodd operiert man – wie bei der gleichfalls erstmals vertretenen Groß-Galerie Haunch of Venison – in einer Grauzone zwischen Primär- und Sekundärmarkt. Waterhouse & Dodd hatte zuvor Beobachter zur Art Dubai geschickt. Offenbar mit Erfolg: Inzwischen berate man Scheich Muhammed bin Raschid Al Maktoum für seine Sammlung, verrät Jeminah Patterson. Als neue Beutestücke für Dubais Herrscher und Messepatron böten sich dekorative Werke aus der älteren iranischen Künstler-Generation an, z.B. eine ornamentale Spiegelskulptur von Monir SharoudyFarmanfarmaian (30.000 EUR) und kalligrafische Gemälde von Mohammad Ehsai (52.000 EUR). Green Cardamom zeigt mit dem pakistanischen Künstler Anwar Shemza (1928 – 1985) ein wichtiges Vorbild für Jungstars wie Rashid Rana. Die „Pyrographien“ – in Holz eingebrannte Grafiken mit einem wiederkehrenden Wurzel-Motiv – kosten 24.000 USD (ca. 18.600 EUR). Zu den spannenden Gegenwartskünstlern zählt hier Sophie Ernst, die auch auf der parallel stattfindenden 9. Sharjah Biennale zu sehen ist.

Die iranisch-stämmige Leila Taghinia-Milani Heller handelt mit Werken der klassischen Moderne und mit zeitgenössischen Künstlern. Vergeblich habe man sich bisher um eine Zulassung zur Art Dubai bemüht, berichtet ihre Mitarbeiterin Mary Morris am Stand. Dass es in diesem Jahr klappte, dürfte mit dem erstmals präsentierten Gemeinschaftsprojekt von Shoja Azari undShahram Karimi zusammenhängen. Die beiden Künstler haben Gemälde von kuwaitischen Ölfeldern mit Projektionen von bewegtem Feuer oder Regen kombiniert, eine spannungsvolle, beunruhigende Montage (18.000 – 28.000 USD/ca. 13.900 – 21.700 EUR). Es mag aber auch daran liegen, dass es offenbar etwas mühsam war, die beiden Messehallen im Veranstaltungszentrum Madinat Jumeirah angesichts der Wirtschaftskrise zu füllen. Bei der Sakshi Gallery aus Mumbai wird beispielsweise angedeutet, dass sie zur Teilnahme überredet werden musste, nachdem die Messe im Vorjahr nicht zufriedenstellend verlaufen war. Mit der offenbar großzügigeren Zulassungspolitik kommt die Art Dubai 2009 auf insgesamt 69 Galerien.

Aber die klassischen „Big Seller“ sind nicht völlig ausgeblieben. Die Londoner Lisson Gallery, die im Herbst auf der Frieze Art mit den Metall-Skulpturen von Anish Kapoor beste Umsätze erzielte, ist mit zwei neuen, suggestiven Blickfängern des Künstlers angereist. Dass man die gewohnten Preise von 850.000 GBP (ca. 868.000 EUR) halten kann, bezweifelte Galeriechef Nicholas Logsdail am Eröffnungsabend allerdings. Sammler aus England, Indien und Katar hätten sich interessiert gezeigt, aber wahrscheinlich müsse man nachlassen. „Das werden wir gerne tun“, erklärte Logsdail. Ein weiterer hochpreisiger Dubai-Debütant, Max Protetch aus New York, war da schon ungeduldiger. Er hat einen seltenen großformatigen Siebdruck von Henri Matisse aus dem Jahr 1946 mitgebracht. Bei einem Preis von 2,5 Millionen USD (ca. 1,9 Millionen EUR) sprang jedoch der erste Interessent ab, am Dienstagabend hoffte Protech dann auf den Ankauf durch ein Museum. Leichter hat er es vielleicht mit einer Aluminium-Skulptur der Architektin Zaha Hadid, die derzeit stark in Dubai und Abu Dhabi engagiert ist (225.000 USD/ca. 174.000 EUR).

Allgemein wurden die Erwartungen vorsichtshalber heruntergeschraubt. Dennoch berichteten einzelne Galeristen schon am Dienstag von guten Verkäufen, darunter Michael Schultz aus Berlin und Goff + Rosenthal, die wegen mangelnden Zulaufs jüngst ihre Berliner Dependance geschlossen haben, aber weiter in New York präsent sind. Goff + Rosenthal setzen in Dubai ausschließlich auf die großformatigen Ölgemälde von Ahmed Alsoudani, die hinter der scheinbar dekorativen Oberfläche eine gewaltsam aufgeladene Atmosphäre à la Francis Bacon offenbaren. Der gebürtige Iraker Alsoudani lebt in Berlin und erhielt zuletzt in der Ausstellung „Unveiled – Art from the Middle East“ in der Londoner Saatchi Gallery viel Raum. „Das hat sicher geholfen“, gibt Robert Goff freimütig zu. Denn ihm gelang in diesen angespannten Zeiten ein kleines Wunder: Schon im Vorfeld der Eröffnung wurden alle Bilder (55.000 – 65.000 USD/ca. 42.000 – 50.000 EUR) reserviert. Ein einziges hielt Goff zurück: „Damit wir überhaupt noch etwas zum Verkaufen haben.“

Art Dubai, Madinat Jumeirah, Dubai. Vom 18. bis 21. März 2009


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