Die documenta-Künstlerin Yael Bartana

Verlorene Sehfähigkeit

Belinda Grace Gardner
18. Mai 2007
Im Juni 2006 eröffnete der Hamburger Kunstverein die erste große Einzelausstellung von Videoinstallationen der israelischen Künstlerin Yael Bartana in Deutschland, gefolgt von einer weiteren umfangreichen Schau im Fridericianum in Kassel. Zu entdecken war hierzulande eine Protagonistin der Videokunst, die mit ihrer ganz eigenen Form, Dokumentation und poetische Verdichtung ineinander zu verschränken, bereits internationale Anerkennung - unter anderem mit Ausstellungen im New Yorker P.S.1, im Museum St. Gallen, in der Warschauer Foksal Gallery und im Stedelijk van Abbe Museum, Eindhoven sowie mit Teilnahmen an etlichen Biennalen und anderen Gruppenevents - erlangt hatte.

Widersprüchlichkeiten, Redundanzen und das Nebeneinander disparater Inhalte sind kennzeichnend für die sich oft in zeitlupenhafter Langsamkeit bewegenden Bilder der 1970 geborenen Künstlerin. Ihre Filmarbeiten kreisen um gesellschaftliche Rituale in dem von Ausnahmezuständen geprägten Alltag Israels. Und verweisen gleichzeitig über den konkreten soziopolitischen Ort und seine Regelsysteme hinaus auf jene Verhaltensnormen, die dem menschlichen Dasein allgemein zugrunde liegen. „Es geht dabei um die Archetypen der Conditio humana“, sagt Bartana. „Ich versuche ein lokales Ereignis in eine universale Situation hinein zu öffnen. Die menschlichen Grundverhaltensweisen sind für mich wie ein Laboratorium.“

Dieser Ansatz sorgt für reichlich Reflexionsstoff im Sinne des documenta 12-Schwerpunkts „Das bloße Leben“. Klare Botschaften sind dabei von der Künstlerin ebenso wenig zu erwarten wie eindeutige Stellungnahmen zum Stand der Dinge in ihrem Heimatland: viel zu komplex ist die dortige Wirklichkeit, viel zu komplex auch die eigene Haltung zum israelischen Staat mit seiner historisch verwurzelten und bedingten Problematik, die sich immer wieder in territorialen und innergesellschaftlichen Konflikten manifestiert. Damit erfüllt sie den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Teilnehmenden der aktuellen documenta: eine grundsätzliche Uneinvernehmbarkeit und Resistenz gegen die Einordnung in feste Kategorien, gepaart mit der Erzeugung einer Schönheit der anderen Art, die aus Reibungen und Paradoxien ihre Kraft bezieht.

In der Kunstszene ist Yael Bartana trotz ihres Erfolges noch eine relativ junge Erscheinung. Während ihres Studiums in Jerusalem konzentrierte sie sich zunächst auf die Photographie – ein Medium, das ihre Videoarbeiten auch heute noch in Gestalt von collageartig zusammengestellten Momentaufnahmen und Film-Stills begleitet und aufgrund seiner Fähigkeit, „multiple Aussagen durch ein Einzelbild zu vermitteln“ für sie nicht an Faszination verloren hat. Zum Film wechselte sie im Rahmen eines Studienaufenthalts in Toronto. Nach Abschluss an der Akademie in Jerusalem, wo sie nebenher auch Kurse an der Academy of Music and Dance belegt hatte, ging Bartana in die USA und arbeitete dort zweieinhalb Jahre vorwiegend in der Werbefilmbranche und Webindustrie.

Die Rückkehr zur Kunst kam mit ihrer Aufnahme an der Rijksakademie in Amsterdam. Hier entstand 2000 Profile, die filmische Darstellung einer Schießübung von israelischen Soldatinnen, in deren Verlauf sich aus dem kollektiven/anonymen Griff zur Waffe das individuelle Profil einer jungen Frau mit ernster Miene herauskristallisiert, die auf Befehl die Zielscheibe ins Visier nimmt und feuert. Bartana, die selbst, wie in Israel üblich, ihren Militärdienst absolviert hat, nimmt hier den paradoxen Standpunkt einer außenstehenden Insiderin ein, die objektive Beobachterin und Mitfühlende in einem ist.

Durch die langen Aufenthalte in den USA und Holland hat sich ihr Blick auf Israel und auf die dort kuranten Rituale geschärft, die in ihren Videobildern zwischen scharfkantigem Tag und weich gezeichnetem Traum Gestalt annehmen. Von überwältigender Intensität ist beispielsweise Trembling Time von 2001: Auf dunkler mehrspuriger Straße gefriert in Etappen der Verkehrsfluss. Türen öffnen sich, Menschen steigen aus - Schweigeminute am Gedenktag für die Gefallenen der israelischen Kriege. Der Moment kollektiver Einkehr hat auch etwas Beklemmendes.

Dies gilt ebenso für ihr Video Kings of the Hill (2003), wo in der atemberaubenden Kulisse einer abendlichen Dünenlandschaft in Israel ein Wettkampf zwischen Geländewagen-Fahrern stattfindet. Das atavistische Ritual der Stärkedemonstration mutiert implizit zum seltsam entrückten Nebenkriegsschauplatz. In Wild Seeds (2005) wiederum spielen Jugendliche die Evakuierung jüdischer Siedler aus der Gilad-Kolonie durch die israelische Armee nach: In die spielerische Ausgelassenheit mischt sich der Ernst des realen Bezugs.

In einer der formal interessantesten Arbeiten der Künstlerin, Low Relief II von 2004, sind israelische und palästinensische Jugendliche bei einer gemeinsamen, friedlichen Demonstration in der Anmutung eines sich verflüssigenden steinernen Reliefs zu sehen. Die wie aus weiter Ferne in der dichten grauen Materie der bearbeiteten Filmbilder agierenden Polizeiangehörigen und Demonstranten sind gleichermaßen Gefangene ein und derselben Situation.

Wie sie in einem Interview erklärt hat, glaubt Bartana, dass ihre Arbeiten grundsätzlich auch ohne Kenntnis des israelischen Kontexts gelesen werden können. „In all meinen Arbeiten kommt ein Gruppenmotiv, ein Kollektiv vor – ob hinsichtlich Klassenzugehörigkeit, Religion oder Nationalität -, wobei die Kamera die Aktionen eines Individuums innerhalb der jeweiligen Gruppe zu isolieren sucht.“ Während sie an Israel Eigenschaften schätzt wie „das modernistische utopische Denken, das dem Zeitlauf nicht standhalten kann“, geht es ihr immer um die größere Frage der Identitäts- und Bedeutungsstiftung im Kontext der existenziellen Daseinserfahrung aller Menschen. So sucht sie im kollektiven Ereignis einer Demonstration oder einer in wahrhaft archetypischen Bildern festgehaltenen Schnäppchenjagd im Kaufhaus (Odds and Ends von 2005) stets die „interpersonalen Gesten, die menschliche Situation.“

Ähnlich wie der in New York lebende chilenische Künstler Alfredo Jaar, der dieses Thema bei der documenta 11 in der Installation Lament of the Images auf seine Weise zur Anschauung brachte, leben wir aus Yael Bartanas Sicht in einer „Augen-Gesellschaft“, die die Fähigkeit verloren hat, zu sehen. Ebenso wie Jaar glaubt sie, dass unsere von visuellen Informationen überflutete Gesellschaft Blindheit „und ein mangelndes Bewusstsein für das, was wichtig und was nicht wichtig ist“, erzeugt.  Ob im Shopping-Center, beim Autorennen, in gemeinsamer Gedenk- oder Feierstunde oder gar im kollektiven Kampf für mehr Gerechtigkeit: Yael Bartanas Videobilder, die gemeinschaftliche Rituale im Strom der Zeit anhalten und für einen Moment im Bewusstsein der Betrachtenden kristallisieren, deuten stets auf das „bloße Leben“, die im Kollektiv unternommene Suche nach individuellem Glück, Sinnstiftung, Identität, die - aller Vergeblichkeit und Absurdität zum Trotz - die Würde der menschlichen Existenz konstituiert und im Kleinen, Unspektakulären begründet ist.

Mehr im Dossier  documenta 12

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