Die documenta-Künstlerin Olga Neuwirth

Trompetenklänge ins Grüne hinein

Sabine B. Vogel
24. Mai 2007
Sie ist die bekannteste junge Komponistin für zeitgenössische, ernste Musik in Österreich, begann mit sieben Jahren Trompete zu spielen und studierte Mitte der 1980er Jahre in Kalifornien einige Semester lang gleichzeitig Musik, Malerei und Film. Zurück in Wien ließ Olga Neuwirth 1988 bei einem Konzert im Musikhaus den Schlagzeugspieler per Video live aus dem Nachbarzimmer ins Publikum einspielen. Dieses Ineinandergreifen von Visuellem und Akustischem kennzeichnet seither viele ihrer Werke.

Ihre Kompositionen basieren auf Klangmustern, die sie in unerwarteten Schnitten oder Überlagerungen verfremdet, oft in Kombination von Instrumenten und eingespielten, elektronischen Elementen. Von der „Enthüllung des Irrationellen“ durch „Wut und Ungehorsam“ ist auf ihrer Homepage die Rede. Dabei greift sie auch Themen auf, die tabuisiert sind und provozieren, etwa wenn sie zusammen mit Elfriede Jelinek in ihrer – dann leider nie aufgeführten – Opern-Variation von Don Juan den Verführten zum Verführer werden lässt.

Eine Oper für New York, ein Trompetenkonzert für die Salzburger Festspiele, selbst Popsongs schrieb Neuwirth bereits. Auf Einladung des Centre Pompidou installierte sie 2005 eine interaktive Klangskulptur auf dem Igor-Strawinsky-Platz in Paris. Sie ließ den Platz mit harmonischen Klängen beschallen, die von Störgeräuschen zerstört wurden, gesteuert von einer „motion-capture“-Kamera, die auf die zunehmende Menschenmenge auf dem Platz reagierte. Für das artnet Magazin sprach Sabine B. Vogel mit der Tonkünstlerin über ihr für die documenta 12 geplantes Projekt.

artnet Magazin: Du bist zur documenta 12 eingeladen – wirst Du dort ein Konzert aufführen?

Olga Neuwirth: Nein, denn ich will auf keinen Fall Lautsprecher einfach nur hinstellen. Ich habe mich gefragt, was die visuellen Elemente meiner Arbeit sind und werde einen Film über den langwierigen Prozess des Schreibens  und das Skizzieren einer Komposition zeigen. Aufgenommen mit einer Kamera von unten, durch durchsichtiges Papier hindurch, sieht man, wie sich die anfängliche Skizze langsam entwickelt, instrumentiert wird, zu einer Komposition verdichtet. Man hört den Bleistift und Klänge aus meinem Trompetenkonzert …miramondo multiplo…, also „Die Welt aus verschienenden Blickwinkeln betrachtend“. Die Sequenzen stammen aus dem 2. und 4. Satz, aufgeführt mit den Wiener Philharmonikern unter Pieere Boulez bei den Salzburger Festspielen. Die Passagen sind verzerrt, als wären sie noch in meinem Kopf. Zum Schluss kommt dann die große Geste der Solo-Trompete, gespielt von Håkan Hardenberger – die befreite Trompete allein im unendlichen Raum, ein Bild für das Komponistendasein in unserer Gesellschaft und auch für das Schreiben.

Ich sollte mir Gedanken machen über den italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Meine Antwort darauf ist das Schreiben als Aufbruch, als Utopie, ins Offene hinein. Dazu mische ich Texte von Hannah Arendt – ihre so wunderbare Stimme im Original – und Walter Benjamin, die im weitesten Sinne von der Fragilität des Schreiben und Denkens handeln, und lege darüber diffuse Glasklänge. Tieffrequente Klänge werden per Zufallsgenerator eingespielt, die all die Fragilität und Offenheit des Entstehenden gewaltsam stören.

artnet Magazin: Wirst Du das Video auf die Wand projizieren?

Olga Neuwirth: Es darf keine Projektion geben – es gibt viele Reglementierungen von Seiten der documenta. Es muss ein Plasmabildschirm sein. Schade daran ist, dass das Sichtbarmachen des Schreibens als ein utopischer Raum, ein U-Topos, der ins Offene weisen möge – ein zentrales Thema im Video – dadurch beschnitten wird. Dazu sollte mein Raum blau sein, was erst überhaupt nicht möglich war. Jetzt muss der Raum grün sein, weil der ganze Gang vereinheitlicht wird. Aber mein zentrales Interesse, Welten zu suchen, fantasieren zu können und dabei die Offenheit und ihre Bedrohung zu thematisieren, bekommt unter verschärften Produktionsbedingungen ja noch zusätzliche Bedeutungsebenen.


Mehr im Dossier  documenta 12

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