Die documenta 12 als kuratorisches Abendmahl

Verstehen kann nur, wer auch isst

Gerrit Gohlke
14. Juni 2007
Es gibt keine Brücke zwischen Kassel und Heiligendamm. So hat Roger M. Buergel es unlängst in einem Interview beschieden, das vor allem durch die große Behutsamkeit des Interviewten mit sich selbst auffiel. Buergel sprach darin seine ästhetischen Verheißungen wie ein Zen-Meister aus, in aller Demut gegenüber der großen Sache zwar, doch von den Tagespflichten unberührt. Er verhieß dem Publikum Politisierung durch Schönheit, Spannung und Komplexität, ließ dabei aber offen, wie diesmal gelänge, was kaum einem irdischen Museum derzeit zu gelingen scheint: Die fundamentale Umwälzung der halbseidenen Hochstapeleibetriebs Kunst in eine Schule der sinnlichen Gegenerfahrung.

Buergel verspricht dabei nicht weniger als eine Revolution des gegenwärtigen Ausstellungsgeschäfts. Das Bildungs-Versprechen „documenta“ soll sich vom Mythos in Wirklichkeit wandeln. Die erste Bedingung dafür soll sein, dass nichts mehr „zerredet“ wird, wie Buergel dem irritierten Journalisten offenbart. Das Ergebnis leuchte ein, oder nicht? Was aber, wenn die Erleuchtung sich nicht einstellen will? Auf diese Frage gibt es bisher keine Antwort. Buergel und Ruth Noack, seine mit ihm verheiratete Ko-Kuratorin, lauschen so intensiv ihren eigenen Erfahrungen und Erlösungshoffnungen nach, dass man den verzweifelt um Handfestigkeit kämpfenden Interviewpartner bereits mit gesenkter Stimme imaginiert. Es spricht hier ein heiliger Vater zu den Massen. Er will dem Gemeindesprengel die alte Liturgie wiedergeben. Wohlklang und schöne Form werden walten. Und daraus wird alles gut.

Und so ist es eben kein Widerspruch zum kuratorischen Generalleitbild der unterschwelligen „Haltungsänderung“, wenn der künstlerische Leiter dem Publikum die Anschauung dann und wann als Geschenk darreicht. Wo die ästhetische Kontemplation abseits des Redens als intuitive Gnade erscheint, kann kuratorische Praxis auch einmal in Gestalt eines Gnadenerweises erscheinen. Es darf also also auch nicht Wunder nehmen, wenn Roger M. Buergel laut einem Bulletin seines Kasseler Pressebüros an den bevorstehenden 100 Tagen auf dem Ausstellungsparcours „willkürlich BesucherInnen auswählt und fragt, ob sie nicht Lust auf die authentische Erfahrung eines Abendessens“ bei Ferran Adrià hätten.

Eigentlich ging das Gerücht, Adrià, dem spanischen Gastro-Star, sei der Zirkus zu viel geworden und er habe die documenta-Teilnahme abgesagt. Quatsch, sagt Buergel, den dieser Zweifel an der Gewalt der kuratorischen Verwandlungsmacht gewundert haben muss. Kurzerhand hatte er doch das Restaurant Adriàs – inzwischen auch eine Ideenschmiede für so unkünstlerische Lizenzpartner wie Pepsico und United Biscuits – zum permanenten Ausstellungsort erklärt. „Damit werden über 100 Tage die 50 Gäste, die Adrià allabendlich im stets ausgebuchten elBulli empfängt, auch zu BesucherInnen“ des Kasseler Ausstellungsprojekts, wie die Presseerklärung knapp und bündig erklärt. Wenn das berühmte elBulli ein Ausstellungsbeitrag ist, dehnt sich die Ausstellung eben ins höchst intime und recht exklusive elBulli aus.

Wie angekündigt die „Form seines künstlerischen Beitrags von Null auf zu entwickeln", heißt für Adrià nun, weiterzukochen wie eh und je. „Jede andere Form, die auf die einzigartige Erfahrung eines Besuchs von elBulli verzichtet hätte,“ bedeutet die documenta-Leitung den Nicht-Initiierten, „wäre Ferran Adriàs komplexer Kochkunst nämlich nicht gerecht geworden“ – denn, so sagt es Adrià, verstehen könne nur, „wer auch isst". Bislang sind keine ernst gemeinten Proteste gegen diese Ausübung kuratorischer Titulargewalt laut geworden. Und wirklich, nur eine flache Autobahn führt nach Heiligendamm. Das Schöne vermochte auch dort der siechen Weltpolitik seine leichte Hand nicht aufzulegen. Vielleicht aber führt eine Brücke von Kassel zum Vatikan. Vielleicht kann das Publikum auf dem Regenbogen nach Cala Montjoi wandern. Vielleicht beginnt in Kassel der kuratorische Ernst auch erst am Tag nach dem Eröffnungsfest.

Mehr im Dossier  documenta 12

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