19. Februar 2008
In einem Interview im Jahre 1998 sagte der deutsche Fotograf
Andreas Gursky, „dass es mit der Digitalisierung des fotografischen Mediums unmöglich geworden ist, den Begriff „Fotografie“ noch eindeutig zu definieren“. Seine Aussage spiegelt das Denken vieler Fotografietheoretiker wider, die nach dem Auftauchen digitaler Bildbearbeitungsprogramme in den 1980er Jahren verkündeten, dass das Medium in die Agonie einer Identitätskrise gestürzt worden sei. Die Krise hat verschiedene Namen erhalten, darunter „post-medialer Zustand“, „Fotografie nach der Fotografie“, „Post-Fotografie“ und „Tod der Fotografie“. Nicht wenige meinen, dass die Digitalisierung des Bildes das Medium dazu gebracht habe, den Kontakt mit seiner wichtigsten Eigenschaft zu verlieren: sein veristisches Verhältnis zur „Wahrheit“.
Ein genauer Blick in die Geschichte der Fotografie jedoch verrät, dass schon lange vor der Einführung der Digitaltechnik bearbeitete Bilder durch Doppelbelichtung, Fotocollage, Fotomontage und Langbelichtungstechniken - also die Manipulation und Kombination von Einzelbildern - hergestellt worden sind. Wegbereiter dieser Techniken waren im 19. Jahrhundert William Henry Fox Talbot, Hippolyte Bayard, Édouard-Denis Baldus und Gustave LeGray. Im 20. Jahrhundert sind sie durch Oscar Rejlander, Henry Peach Robinson sowie den Dada-Künstlern weiterentwickelt worden und bis heute in Verwendung. Mit den digitalen Medien wurden den Fotografen daher lediglich neue Werkzeuge in die Hände gelegt, um modifizierte Bilder herzustellen, die Tradition der prä-digitalen - oder analogen - Fotografie weiter zu führen und die Natur der „fotografischen Wahrheit“ zu hinterfragen.
Während die fotografische Ideologiekritik sich also noch an Manipulationsmöglichkeiten abarbeitet, die so neu nicht sind, ist es um so verwunderlicher, dass die digitalen „Whole Earth“-Fotografien, Porträts des Planeten Erde also, wie sie immer wieder von der National Aeronautics and Space Administration (NASA) verbreitet werden, weithin unangefochten als wahrheitsgemäße wissenschaftliche Aufzeichnungen angesehen werden. Dabei sind diese Bilder der NASA nichts anderes als Fotomontagen. Sie sind das Ergebnis der nahtlosen digitalen Verknüpfung von Einzelfotos, die sich alle auf verschiedene Zeitpunkte beziehen, zu einem montierten Bild, das aussieht, als sei darauf ein einziger Zeitpunkt dargestellt. Diese Bilder werden mit Hilfe einer Software hergestellt, die Fotos von Dutzenden von Satellitenbildern so miteinander vermischt, dass am Ende ein Bild der Erde entsteht, wie sie aussehen könnte. Dann nämlich, wenn es keine Wolken gäbe und der Planet im vollen Sonnenlicht badete.
Die digitalen „Whole Earth“-Bilder werden durch ein Computerprogramm hergestellt, das Satellitendaten über das Aussehen der Erdoberfläche sammelt und die Informationen so verbindet, dass eine Fotomontage entsteht. Die NASA ist Kunde von ARC Science Simulations, einer der Firmen, die derartige Software herstellen. Der Website von ARC zufolge ist es das erklärte Ziel ihrer Programme, „fotorealistische“, „akkurate, qualitätsvolle Bilder der Erde“ herzustellen, die „sich erstaunlich gut vergleichen lassen mit Fotos aus dem Weltraum.“
Die „Whole Earth“-Fotos generierenden Computerprogramme produzieren Bilder auf der Grundlage der mathematischen „Wahrscheinlichkeit des Aussehens“ eines Gegenstands. Wolken etwa kommen nicht einfach nach Willkür und Laune der Natur vor. Mathematische Berechnungen, die das Computerprogramm durchführt, bestimmen die Wahrscheinlichkeit der Wolkenposition ausgehend von Informationen über die Wolkenlage, welche von Satelliten über eine gewisse Zeitspanne gesammelt wurden. Diese Zeitspanne ist subjektiv. Sie wird durch die Länge der Zeit bestimmt, die es braucht, um Daten von jedem Teil der Erdoberfläche zu sammeln. Das Bild aus dem Jahr 1996 (NASA, The New World: GOES, Clouds over the Face of the Earth, Aug. 2, 1996) wurde aus einer Datenmenge von vier Monaten generiert. Bei dem Bild aus dem Jahr 2000 (Reto Stöckli, Big Blue Marble: Next Generation, Digitales Kompositbild auf der Basis von MODIS-Daten) hingegen wurde schnellere Technologie eingesetzt, die es ermöglichte, einen ganzen Datensatz in nur einer Woche zu sammeln.
Der Anwender der Software kann sich aber auch über das computergenerierte „gemittelte Erscheinungsbild“ der Wolkenformation hinwegsetzen, das sich aus der Datenmenge und den mathematischen Schemata (den sogenannten „Entscheidungsbäumen“ des Computers) ergeben hat. So kann man ein leicht bewölktes oder auch ein wolkenfreies Bild der Erde herstellen. (Was durchaus wissenschaftlichen Zwecken dienen kann, beispielsweise um Oberflächenphänomene wie die Erosion der Küsten zu überwachen.)
Das so bereinigte digitale „Whole Earth“-Foto ist leicht mit einem einmal belichteten, unmanipulierten Foto zu verwechseln. Dabei steht diese Fotomontage in einem ganz anderen Verhältnis zur Zeit. So wie wir ihn auf diesem Foto sehen, hat der Planet Erde nie existiert. The New World ist - wie alle digitalen „Whole Earth“-Fotomontagen - eine Abstraktion.
Bei The New World geschieht die Abstraktion auf mehreren Ebenen des Produktionsprozesses. Zuerst wird das reflektierte Licht, das die Erdoberfläche vor einigen Sekundenbruchteilen in der Vergangenheit verlassen hat, als Chronofotografie aufgezeichnet - als jene Fotografie also, der eine besonders immanente Beziehung zur Vergangenheit nachgesagt wird. Doch die „Whole Earth“-Fotografie führt die Verschränkung der Zeiten der Chronofotografie noch einen Schritt weiter. Da sogar all jene Erdbewegungen und Oberflächenaktivitäten, die so schwach sind, dass sie weder vom menschlichen Auge noch von der Kamera entdeckt werden können, im Bild gegenwärtig sind. Mit anderen Worten, auch die Dauer von Zeit wird in der Menge der chronofotografischen Einzelbilder von sich abprägendem Licht aus der Vergangenheit verkörpert.
Das Zusammenknüpfen eines Bildgewebes aus Satellitendaten von verschiedenen Zeiten und Orten sowie die Konvertierung dieser Daten in mathematische Schemata, um ein Produkt zu fabrizieren, das nicht auf der tatsächlichen sondern der gemittelten Erscheinung beruht, bedeutet, ein Bild von einer hypothetischen, abstrakten Erde zu schaffen. Die Zeitlichkeit, welche die digitale „Whole-Earth“ Fotomontage von NASA darstellt, ist eine simulierte, synthetische Zeit. The New World und andere „Whole Earth“-Bilder repräsentieren eine durch den technologischen Fortschritt möglich gemachte Synthese der Zeit. Diese Zeitabstraktionen sind Produkte einer Kultur der „Informediation“ und „Simulation“, die erst durch die Computertechnologie möglich geworden ist.
Der Medienkritiker Kimon Valaskakis vertritt die Ansicht, dass uns das digitale Zeitalter ermöglicht hat, einen Stand der „Informediation“ zu erreichen, in dem eine erstaunlich realistische Simulation und Synthese von Ereignissen und Gegenständen möglich ist. „Whole Earth“-Fotografie ist dafür ein Beispiel. Valaskakis warnt aber auch davor, dass das Phänomen der „Informediation“ - wenn es nicht deutlich als abstrakte und hypothetische Veranschaulichung gekennzeichnet wird - nicht ohne Folgen bleiben wird. So warnt er vor der „größeren Wahrscheinlichkeit einer Realitätsverschleierung, die man als voranschreitende Verwischung des Unterschieds zwischen Wahrheit und Fiktion, Realität und Fantasie, Tatsache und Möglichkeit definieren könnte“.
Die „Whole Earth“-Fotografie ist ein prägnantes Beispiel für Valaskakis Beschreibung der Auswirkungen der „Informediation“. Denn wenn die Fotomontagen The New World und Big Blue Marble:Next Generation ohne Bildunterschriften erscheinen, welche sie als Abstraktionen ausweisen, werden sie den Betrachter dazu verleiten, Fakt und Fiktion zu vermischen. ARC Science Simulations macht geltend, dass „Foto-Realismus“ - oder das Verwischen der Grenze zwischen Fakt und Fiktion - gerade das beabsichtige Ziel der „Whole Earth“ Fotografie ist. The New World, zum Teil ein Produkt der ARC Software und Daten, ist eine überzeugend reale Abstraktion, die das Flair von wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit umgibt. Es ist beides, eine Abstraktion und eine Realitätsverschleierung, die auf Mathematik und Computerwissenschaft basieren, welche gemeinhin als Produkte eines positivistisch verstandenen technologischen Fortschritts angesehen werden.
Die Beschleunigung der Zeit ist nicht ausschließlich das Produkt des digitalen Zeitalters. In das Jahrzehnt der Enthüllung der Fotografie fällt die Einführung des Personenzuges (1830), des Rechengeräts (1833) und des transatlantischen Telegrafen (1844). Es folgten das Telefon (1876), das Automobil (1890er), das Kino (1894), das Radio (1900-1910), das Flugzeug (1903), das Fernsehen (1939), das Internet (1969), der erste weit verbreitete PC (1976) und das Mobiltelefon (1982). So wurde die Zeit selbst zum Gegenstand der theoretischen Reflexion, Spekulation und Beunruhigung.
Indem The New World die Unterschiede zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschleiert, gibt es dem Gefühl Ausdruck, im Zeitalter der Moderne und Post-Moderne zu leben. Jenem Zeitalter also, in dem Henri Bergson, Alfred Einstein und Sigmund Freud darauf hingewiesen haben, dass Zeit außergewöhnlich subjektiv geworden und Schwankungen in ihrer Wertschätzung und der Qualität ihres Erlebens unterlegen sei. Und zwar trotz aller beharrlichen Versuche, die Zeitmessung zu „regulieren“ (etwa durch die Einführung der allgemein verbindlichen „Eisenbahn-Zeit“ im 19. und der Schaffung von globalen Zeitzonen im 20. Jahrhundert). Martin Heidegger hat zudem die Auffassung vertreten, die Gegenwart werde beständig sowohl von der in sie übertretenden Vergangenheit als auch von der Zukunft geformt. „Whole Earth“-Fotografien sind ein materielles Exempel für Heideggers Vorstellung von der sich gegenseitig durchdringenden modernen Zeit.
In seinem Buch Liquid Modernity beschreibt der Soziologe Zygmunt Bauman die Moderne anhand ihrer Besessenheit von der Zeit, „der Beschleunigung und der daraus folgenden Fähigkeit, die Zeit zu manipulieren.“ Indem Zeit gedehnt, montiert, komprimiert und neu verpackt wird, um eine neu idealisierte, unmittelbare Version der Zeit in „Whole Earth“-Bildern zu schaffen, werden die Gesetze der Zeit, ihre Widersprüche und Abläufe als technologisches Konstrukt erfahrbar. Die „Zeit-Abstraktionen“ der NASA sind Ausdruck der Ängste einer Kultur, die lernt, mit der Allgegenwart der Beschleunigung und dem Kollabieren der Zeit umzugehen - Pänomene, die erst durch jene technischen Hilfsmittel möglich wurden, die bei der Herstellung dieser Fotomontagen Verwendung finden. Daher kann man die „Whole Earth“-Fotografie nicht nur als einzigartigen Kommentar zu dem Instrumentarium begreifen, mit dem sie geschaffen werden. Sondern auch als Abbild der der Moderne und Post-Moderne überhaupt.