26. Juni 2009
Berlin ist eine unübersichtliche Stadt. Auf fast 900 Quadratkilometern leben 3,4 Millionen Menschen. Es gibt mehr als 450 Galerien und mehr Ausstellungshäuser als Polizeiabschnitte, da verliert man schon mal den Überblick.
Dieter Rosenkranz zum Beispiel, der Stifter und Mäzen der
Temporären Kunsthalle Berlin auf dem Berliner Schlossplatz, deren spannendster Beitrag zum Berliner Kulturleben eine öffentlich aufgeführte Personalgroteske ist. Rosenkranz hat sich in einem Zeitungsinterview zu der interessanten Aussage verleiten lassen, was Berlin und die Kunsthalle brauchten, seien „Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst, die für jedermann verständlich sind.“ Die temporäre Kunsthalle, einst als Experimentallabor für zukunftsweisende Ausstellungsformen angetreten, sei nicht hinreichend populär. „Dass die Kunsthalle bislang nicht so funktionierte wie wir gehofft hatten,“ erklärt Rosenkranz der Berliner Morgenpost, „lag auch daran, dass die Einzelausstellungen auf ein kunstverständiges Publikum, ja auf Kenner, zugeschnitten waren.“ Das große Publikum war nicht da. Künftig regiert das Marketing.
War also die Temporäre Kunsthalle Berlin, die sich nun vom Schwierigen verabschieden will, weil es nicht jedem verständlich ist, vor allem ein Missverständnis? Die Berliner Künstler, die Galeristen, die jüngeren Kuratoren – eine ganze kulturelle Schicht hatte geglaubt, die Temporäre Kunsthalle werde das kuratorische Experimentallabor, das die Potentiale des Standortes Berlin veranschaulichen sollte. Alles, was in den Ateliers gedacht, was in den Galerien produziert werde, aber auf dem Weg in die verkrusteten Berliner Museen und Kunstvereine verloren gehe, würde nun am Schlossplatz gezeigt. Zwei Jahre lang werde fröhliche Utopie in der Stadtmitte herrschen. Einmal nun werde nicht nach dem Diktat der Sammler oder den Agenden der Kulturförderung gearbeitet. Der private Mäzen werde die verödete staatliche Mitte der untergegangen DDR zur Agora einer kreativen Szene machen – einer Szene, die längst ein bestimmender Wirtschaftsfaktor ist, aber nie ein über die Stadtgrenzen hinausweisendes Forum gefunden hat. Schließlich wusste jeder, woran das lag. Eine Mischung aus Abhängigkeit und Risikoangst, aus öffentlicher Sparsamkeit und personeller Stagnation hatte das öffentliche Ausstellungsgeschäft zum Minimalkonsens verdammt. Alle wirklichen Impulse hingegen waren in Berlin selbstorganisiert. Entweder vom vielverachteten Markt oder von improvisierten Projektemachern, manchmal aber auch von den Künstlern selbst, wie etwa 2005, als zwei Kuratorinnen den Maler Thomas Scheibitz anriefen, um den Palast der Republik kurz vor seinem Abriss zum Schaufenster der Berliner Szene zu machen. Die Kettenreaktion der von Scheibitz, Constanze Kleiner und Coco Kühn zusammengetrommelten Künstler wurde zu „White Cube“, dem Vorläufermodell und der Keimzelle der heutigen Kunsthalle auf Zeit. Rosenkranz ist heute der Gastgeber dieser Idee künstlerischer Selbstorganisation, hat die Herkunft seines Projekts aber offenbar vergessen. Schon die ersten drei hochglanzpolierten Einzelausstellungen zeigten zwar Einzelpositionen aus der Berliner Künstlerschaft, waren aber ein Verrat an dem eigentlich angestrebten Prinzip: Unbeschnittener künstlerischer Komplexität, dem Kapital von dem auch Stifter zehren.
So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nachdem man sich zunächst ängstigen musste, Rosenkranz und sein künstlerischer Beirat wollten am Schlossplatz den Hamburger Bahnhof nachbilden, Berlins mutlosestes Museum, das immer nur zeigt, was die Stadt schon kennt, muss man nun befürchten, er eifere den Hamburger Deichtorhallen nach und plane Massenwirksamkeit ohne kunsthistorisches Fundament. Es gibt viele Fehler, die eine Institution machen kann. Am Schlossplatz aber droht Berlin ein besonders kompaktes Negativbeispiel für die gerade wieder erhitzt geführte Debatte um die 2014 zu eröffnende ständige Kunsthalle am Humboldthafen, wo der Senat sich anschickt, die glücklose Temporäre Kunsthalle von ihrem gegenwärtig einzigen Segen zu befreien, nämlich der Befristung ihrer Existenz.
Am Dienstag konnte man von dieser Gefahr eine Vorahnung bekommen, als Volker Heller, Abteilungsleiter für Kultur in der Senatskanzlei, nicht einmal andeutungsweise beantworten konnte, was eigentlich die neue ständige Kunsthalle, die der Senat nun nahezu beschlossen hat, von anderen Institutionen unterscheiden werde. Während der Veranstaltung, die von der Temporären Kunsthalle Berlin, der Heinrich Böll Stiftung und der Inititiative Berliner Kunsthalle getragen wurde, verwies Heller hilflos auf die öffentliche Diskussion der vergangenen Jahre, in der nahezu jeder eine Kunsthalle gefordert hatte. Doch mit welchem Konzept soll sich diese Forderung nun realisieren? Hatte Charlotte Klonk vom Institut für Kunst- und Bildwissenschaftender Humboldt-Universität denn etwa Unrecht, die forderte, eine neue Institution müsse ihre Räume von innen heraus entwickeln, solle also gewissermaßen um eine existierende kuratorische Idee herum entwickelt werden. Das Publikum, in dem nahezu alle Unterstützer des „White Cube“-Projekts von 2005 fehlten, folgte der Debatte mit größer Spannung, in der die Kritikerin Claudia Wahjudi ihrer Stadt „gekränkten Narzißmus“ bescheinigte, weil über Hüllen wie über Statussymbole geredet werde, aber nicht über den Prozess, der zu wirklich neuen Konzepten führe. Meinte sie damit auch die Kunstbox, deren Gast sie war? Thomas W. Eller, der gerade gefeuerte künstlerische Geschäftsführer, moderierte in seiner letzten Amtshandlung durch die Vorwürfe wie durch immer dichteren Nebel hindurch. Vielleicht kannte er schon die Populismus-Forderungen, die sein Mäzen tags drauf als neues Programm seines Hauses proklamieren würde. Eller war schweigsam. So kam Heller mit seinen diffusen Analysen der Berliner Institutionslandschaft fast ungeschoren davon.
Wirkliche Antworten verlangte in dieser Diskussion nur das Publikum. Dort saßen die Advokaten der Erneuerung. Der Galerist Oliver Körner von Gustorf fragte mit staatsanwaltlicher Insistenz nach den Impulsen, die eine ständige Kunsthalle in die geschlossene Gesellschaft des Kunstbetriebs hereintragen könne. Andere Stimmen sahen in der Temporären Kunsthalle mit ihrem einflusslosen Programm ein Menetekel für das neue, hochsubventionierte Senats-Projekt. Weithin herrschte auch Einigkeit über die viel zu geringe Ausstellungsfläche der künftigen ständigen Halle, der nur 2.000 Quadratmeter in Aussicht gestellt werden, gerade so viel Fläche wie sie das beengt behauste KW Institute for Contemporary Art („Kunst-Werke“) sein eigen nennt.
Ein Zuhörer kam am Ende eher beiläufig auf den Punkt. Wenn die Stärke der Berliner Kulturszene aus der lokalen Produktion komme, wenn der Senat das in seinen Wirtschaftspapieren und Projektplänen auch so sehe, wenn Berlins magnetische Anziehung also von den Galerien und Ateliers ausgehe – warum enthielten all die neuen Pläne dann keine Antwort darauf? Darauf wussten auch die Vertreter der Inititiative Berliner Kunsthalle um Alice Ströver (Kultur- und Medienpolitische Sprecherin Fraktion Bündnis90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus) keine Antwort, die der Humboldthafenidee des Senats symmetrisch die Kreuzbeergidee einer soziokulturell gefärbten Stadtteillaufwertung entgegenhielten.
Ende Vom Lied. Aus der Kunsthalle ist bei den einen ein Stück sozialere Stadtplanung, bei den anderen ein bezugsloses Stück Stadtmarketing und beim Stifter Rosenkranz ein Schauspiel ungemilderter Egozentrik geworden. All dies hat mit der Kunst selbst nichts zu tun. Das war auch schon 2007 so, als die Initiatoren der Temporären Kunsthalle Berlin ihr Konzept vorstellten und aus der Kettenreaktion des „White Cube“-Projekts ein reinliches Schaufenster für Berliner Solo-Stars gemacht hatten. Seither redet die Stadt über Hüllen. Seither verweigert sie sich der Frage von Charlotte Klonk, um welche Vision herum die neue Hülle wachsen soll. Vision? Als warnendes Beispiel muss nun wider Willen der Mäzen Rosenkranz dienen, dessen Vision neuerdings die Besucherquote ist. Er liefert damit nicht nur ein Exempel für die Risiken, die aus der Machtfülle eines falsch beratenen Stiftertums drohen. Er zeigt auch, wem man in den letzten beiden Jahren zum allgemeinen Unglück nicht mehr zugehört hat: Den Künstlern.
Es ist Zeit für einen Aufruf an die stummen Zeugen des „White Cube“-Aufbruchs von 2005, die im Moment von überhaupt niemandem vertreten werden. Was ist ihre Vision? Was sind ihre Forschungsansätze? Was ist Idee der Künstler, der Theoretiker und Kritiker, mit denen sie reden? Was sind ihre Ansprüche von morgen? Wo im übrigen ist die Antwort auf die Qualitätsdebatte im Kunstmarkt mit ihrer Suche nach Alternativen zu den Übertreibungen des Starsystems? Berlin hat die Kunsthallendebatte 2005 nicht zu Ende geführt, 2007 verdrängt und 2009 bereits vergessen. Wenn die Uhren am Schlossplatz schon zurückgedreht werden sollen, dann doch bitte gleich richtig. Vielleicht ruft jemand die Künstler an, die 2005 kurzerhand gegen die Berliner Ausstellungslandschaft rebellierten. Es gibt wieder etwas zu tun.