Die Auktionssaison 2010 im Rückblick

Ein hoher Preis für gute Zahlen

Stefan Kobel
22. Dezember 2010

Für den Marktführer Lempertz war 2010 kein gutes Jahr, obwohl der Jahresumsatz nach Unternehmensangaben um satte 40 Prozent auf 49 Millionen Euro angestiegen ist. Der Fälschungsskandal um die vorgebliche Sammlung Jäger hat hier als erstes und am heftigsten eingeschlagen. Zwar sind die Kölner nicht das einzige Auktionshaus, das der Bande aufgesessen ist, doch detonierten dort mit vorgeblichen Gemälden von Ernst Ludwig Kirchner und Heinrich Campendonk die ersten der wohl schon seit den 1990er-Jahren in den Kunsthandel eingeschleusten Zeitbomben. An der Moderne hatte das Haus also nicht viel Freude, zumal das vermeintlich bedeutendste Los der ersten Abendauktion, Ernst Ludwig Kirchners Mädchen in Südwester die Erwartungen von 1,5 bis 1,8 Millionen Euro nicht erfüllte und mit 1,3 Millionen Euro nur unter Vorbehalt zugeschlagen werden konnte. Daher musste es wieder einmal Pablo Picasso richten. Seine farbige Zeichnung Femme et jeune garçon nus, mardi 3 juin 1969 wurde unter Verdoppelung der unteren Taxe mit einem Ergebnis von 1.128.000 Euro inklusive Aufgeld zum teuersten Los der Abteilung. Das teuerste Los des Jahres verbuchen die Kölner überraschenderweise unter der Sparte Altmeister. Das der Nachfolge Pieter Brueghel d. Ä. zugeschriebene Gemälde Der Alchemist stammte vielleicht doch aus der Hand des Meisters und war nach der Auktion statt angepeilter 150.000 bis 200.000 Euro ganze 1.680.000 Euro inklusive Aufgeld teuer.

Die Höhepunkte der Villa Grisebach in diesem Herbst waren diesmal keine Millionenzuschläge. Emil Noldes Landschaft mit ruhenden Kühen brachte es mit 1.037.000 Euro gerade noch über die magische Grenze, allerdings nur inklusive Aufgeld. Max Beckmanns extremes Hochformat Kleines Varieté (In Mauve und Blau) aus dem Jahr 1933 enttäuschte etwas und brachte mit 915.000 Euro inklusive Aufgeld nur die untere Taxe. Beachtlicher war das Ergebnis der kleinen Sonderauktion Lesser Ury, die bei einer Schätzsumme von 830.000 ein Ergebnis von 1.827.560 Euro einspielte. London im Nebel war dabei mit einem Zuschlag bei 451.400 Euro (Taxe 150.000 bis 200.000 Euro) das Spitzenlos und ging an einen Londoner Sammler. Mit einem Jahresumsatz von gut 32 Millionen konnte die Villa Grisebach den Vorjahreswert von knapp 26 Millionen Euro deutlich übertreffen und an das erfolgreichere Jahr 2008 anknüpfen. Doch ist der Abstand zu den Nächstkleineren geringer geworden. Die größte Nachricht der Berliner ist ihr Personalzugang. Der Erfinder der „Generation Golf“ und der „Monopol – Magazin für Kunst und Leben“ wird neuer Teilhaber und Geschäftsführer. Florian Illies verlässt die Wochenzeitung „Zeit“, deren Feuilletonchef er war, und wird ab nächstem Jahr die neue Abteilung des 19. Jahrhunderts in der Fasanenstraße leiten.

Für zwei Häuser hingegen war das Jahr 2010 das beste ihrer bisherigen Unternehmensgeschichte. 26 Millionen erlöste Ketterer Kunst in München nach eigenen Angaben, davon alleine 20 Millionen Euro mit den Abteilungen „Moderne“ und „Zeitgenössische Kunst“. „Damit haben wir sogar das Top-Niveau von 2007, dem bisherigen Rekordjahr in unserer Firmengeschichte, übertroffen“, erklärt Inhaber Robert Ketterer in einer Pressemitteilung. Dabei wurden ein Viertel weniger Objekte durch die Abteilungen geschleust, was zur Umsatzsteigerung eine Kostensenkung bringt. Mindestens ebenso dürften sich die Bayern darüber freuen, dass dieses Jahr die Trophäe des teuersten Auktionsloses ihnen gebührt. Das Kinderköpfchen Ernst Ludwig Kirchners aus dem Jahr 1906 war einem Sammler 1.450.000 Euro ohne Aufgeld wert. Der Einlieferer durfte sich daher über eine außerordentlich schöne Rendite freuen: Das Gemälde hatte in den 1950er-Jahren gerade einmal 450 D-Mark gekostet. Der Abgesandte des griechischen Sammlers, der seit einigen Jahren dem deutschen Auktionshandel im Alleingang einen Höhenflug beschert, war als Unterbieter mitverantwortlich für einen beachtlichen Rekord. Richard Zieglers neusachliches Bild Die Polizei verzehnfachte seine Taxe von 50.000 auf 500.000 Euro.

Auch Van Ham in Köln setzte seinen Aufwärtstrend des ersten Halbjahres fort. Während die Abteilung Alte Kunst etwas schwächelte, ergibt sich nach Unternehmensangaben für die Moderne und Zeitgenossen eine Steigerung um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Gesamtergebnis von 24 Millionen Euro macht 2010 zum umsatzstärksten Jahr in der Unternehmensgeschichte. Mit dem Holstentor hatte Van Ham in Köln ein für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich hochpreisiges Werk von Andy Warhol im Angebot, dessen Aufruf mit Spannung erwartet wurde. Der Schätzpreis von 500.000 bis 800.000 Euro galt als sehr ambitioniert. Gleichwohl investierte ein österreichischer Sammler genau die untere Taxe und zahlte inklusive Aufgeld 611.500 Euro, eine Summe die angesichts des seit Jahren anhaltenden Warhol-Booms vielleicht gar nicht einmal leichtsinnig angelegt sein dürfte. Nach dem Auktionsrekord für Rudolf Bauers Pink Circle bei 440.000 Euro (Taxe 100.000 Euro) im Frühjahr konnten die Kölner jetzt als Follow-up das Gemälde Yellow Spuare auf Rang Zwei platzieren. Der bereits erwähnte griechische Sammler erwarb es für 245.000 Euro netto (100.000 Euro) ebenso wie Heinrich Hoerles Fabrikarbeiterin, für die er den Rekordpreis von 172.000 Euro (55.000 Euro) genehmigte.


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