26. Oktober 2011
„Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde“ – K20 / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Vom 22. Oktober bis 15. Januar 2012
Was muss diese Frau doch für eine herausfordernde Erscheinung gewesen sein. Noch heute staunt man über ihre provokative Verwandlungskunst. Claude Cahun inszenierte sich in ihren erst Ende der 1980er-Jahre wiederentdeckten Selbstporträts als Matrose und männlicher Dandy, als übertrieben geschminkte Puppenfrau, aber auch als ein kahlköpfiges, vampirähnliches Wesen, das sich keinerlei Geschlecht zuordnen ließ. Ihr Blick blieb dabei stets kühl, intelligent und ungemein selbstbewusst. Vor dem Vergessen schützte er sie trotzdem nicht. Als Lucy Schwob in eine jüdische Literatenfamilie geboren, nahm sie den zweigeschlechtlichen Namen Claude an und ging bereits mit 15 Jahren die Beziehung ihres Lebens ein: zu ihrer späteren Stiefschwester Suzanne Malherbe. Obwohl der Surrealismus eine Männerdomäne blieb und den Frauen nicht etwa die Rolle der ebenbürtigen Mitspielerin, sondern weiterhin die der Muse oder des erotischen Sehnsuchtsobjekts zuwies, nahm sich die Französin einiges heraus. Weder ließ sie sich zum Anhängsel noch zur Trophäe reduzieren, stellte sich als eigenständige Künstlerin ins Rampenlicht und lebte offen jenseits der vorgegebenen Konventionen. Ein damals schockierender Lebenswandel, der von Breton und seinem Männerzirkel gerade noch so toleriert werden konnte. Dabei verfasste Claude Cahun Kurzgeschichten und Lyrik, während sie Fotografie als Nebenprodukt betrachtete. In den Dreißigerjahren ging sie dann dazu über, Objekte zu bizarren Szenen zu collagieren. Ihr größter Beitrag zur Avantgarde bleibt aber sie selbst, mit ihren atemberaubenden Porträts, deren Großteil der Vernichtung anheimfiel, als Cahun, nach Jahren in der Résistance, auf der Kanalinsel Jersey von der Gestapo verhaftet wurde. Im Gegensatz zu Cindy Sherman, die mit den Stereotypen von Weiblichkeit spielt, ging sie einen Schritt weiter. Sie wollte sich erst gar nicht zuordnen lassen und blieb lieber zwischen allen Stühlen, auch politisch. Bereits 1936 kritisierte sie Stalin, dem Breton indes Lobeshymnen widmete. Nicht zuletzt ihre visionäre Modernität ließ Cahun zur Ikone aufsteigen. Unzählige Bildbände sind in dem vergangenen Jahrzehnt erschienen. Zuletzt widmete das Pariser Jeu de Paume der großen Außenseiterin eine Retrospektive.
In der Düsseldorfer Ausstellung „Die andere Seite des Mondes“, die sich den lange vernachlässigten Künstlerinnen der Zwischenkriegszeit widmet, ist sie eine von insgesamt acht Leidensgenossinnen und stiehlt ihnen mit ihrer radikalen Identitätssuche sogleich die Schau. Kein Grund zur Sorge, denn auch die anderen, in den Hauptstädten Europas überaus mobilen Damen, verfügen über genügend Irritationspotenzial. Die Skulpturen von Katarzyna Kobro etwa, die in Moskau im Kontakt mit Kazimir Malevič und El Lissitzky stand, entwickeln das konstruktivistische Raumkonzept mit hängenden Konstruktionen weiter, die in ihrer kalten Eleganz magisch die Blicke auf sich ziehen. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen Natalia Goncharova oder Liubov Popova geriet die Polin in den Wirren des Krieges aus dem Blickfeld der von männlichen Stimmen dominierten Kunstgeschichte und erfreut sich gerade einer Neurezeption. Damit ist der Fokus der von Susanne Meyer-Büser kuratierten Schau klar umrissen: Es geht vor allem um Frauen, denen die Anerkennung ihrer offensichtlichen Leistungen viel zu lange verwehrt wurde.
So zum Beispiel auch Germaine Dulac: Die Tatsache, dass es diese Französin war, die den ersten surrealistischen Streifen schuf, und nicht Luis Buñuel mit seinem „andalusischen Hund“, scheint sich bisher noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Filmpionierin ist ein veritables Faszinosum – Theater- und Filmkritikerin, Produzentin, Regisseurin, Theoretikerin, Leiterin der französischen Filmclubbewegung und Feministin – die Bandbreite ihres Schaffens macht auch heute noch Eindruck. Als Kettenraucherin mit modischem Kurzhaarschnitt war sie eine Institution im Pariser Kulturleben der 1920er- und 1930er-Jahre, und bereits 1916 hatte sie ihre eigene Filmgesellschaft gegründet. Dulacs klein budgetierte Filme zeichneten sich vor allem durch große Experimentierfreude aus: Doppel- und Mehrfachbelichtungen, Zeitraffer und beschleunigte Montage gehörten zu ihrem visuellen Repertoire, bevor sie erst Jahrzehnte später den Weg in den Mainstream fanden. Vor allem der in der Ausstellung gezeigte Stummfilm La coquille et le clergyman (Die Muschel und der Kleriker) nimmt die surrealistischen Klassiker aus Männerhand vorweg. Die Thematik eines in ödipalen Angstträumen gefangenen jungen Geistlichen war zur Entstehungszeit des Films ebenso skandalträchtig wie die Destruktion traditioneller Männlichkeitsbilder. Dulac lässt den Geistlichen zügellos auf allen Vieren durch die Stadt kriechen und einer jungen Frau mit aus Muscheln geformtem Büstenhalter nachstellen. Dunkle Gänge geben die Kulisse für sadomasochistische Unterwerfungsfantasien ab und dem freien Lauf der Assoziationen werden keine Grenzen gesetzt. Breton war übrigens nicht amüsiert und schloss die Filmfrau aus seiner Bewegung aus.
Auf wenig Gegenliebe traf auch Dora Maar mit ihrem fotografischen Werk bei Picasso. Die Überfigur der Klassischen Moderne und zugleich ihr Geliebter hielt die albtraumhaften Dekors aus dem Unterbewusstsein für Zeitverschwendung und verordnete ihr einen Kurswechsel hin zur vermeintlich höherwertigen Malerei, der ihr bekanntlich nicht bekam. Vom Meister verlassen versank sie in Depressionen und schleuderte sich selbst aus der kunsthistorischen Umlaufbahn.
Erfreulicher dagegen die Karriere der russisch-französischen Malerin Sonia Delaunay. Auch wenn sie zunächst an der Seite ihres Ehemanns Robert zur Unsichtbarkeit verdammt war, lief sie nach seinem Tod zur Hochform auf und wurde sogar aufgrund ihres erfolgreichen abstrakten Modedesigns zu Lebzeiten mit der Mitgliedschaft in der französischen Ehrenlegion belohnt. Ob die Dadaistinnen Hannah Höch und Sophie Taeuber-Arp, deren kunterbunte Bar Aubette gleich am Eingang rekonstruiert wurde, oder die für ihre humorvollen Spiegelbilder berühmte Fotografin Florence Henri – sie alle erweisen sich mit ihren bewegten Biographien als kosmopolitische Netzwerkerinnen, ihrer Zeit weit voraus und auch dank dieser bemerkenswerten und liebevoll ausgestatteten Schau endlich befreit vom Schattendasein auf der anderen Seite des Mondes.