28. Mai 2008
Banu Cennetoglu und Philippine Hoegen - "Masist Gül", im Schinkel-Pavillon, Berlin. Im Rahmen der 5. berlin biennale für zeitgenössische Kunst - "When things cast no shadow". Vom 23. Mai bis 8. Juni 2008"Warum ist nicht alles schon verschwunden?" fragte sich Jean Baudrillard in seinem letzten Text. Und dann schrieb er noch einmal über die ewigen Reibereien zwischen Realität und Sein, über die Intelligenz des Bösen und über das, was das Gute wach hält. Wenn es derzeit einen Ort in Berlin gibt, der daran erinnert, diesen ebenso kurzen wie genialen Essay noch einmal zu lesen, dann ist es der Schinkel-Pavillon in der Oberwallstraße. Dort geht es um die Geschichte von Masist Gül, einem türkischen Mann armenischer Herkunft, der sich in seiner Heimatstadt als Schauspieler, Statist und Bodybuilder durchs Leben schlug. Er war 56 Jahre alt, als er 2003 in Istanbul starb. Bis dahin stand in mehr als dreihundert türkischen Filmen sein Name im Abspann - ziemlich weit unten allerdings. Das allein wäre wohl nur als statistische Tatsache geblieben, die man fünf Jahre nach seinem Tod wahrscheinlich auch längst schon wieder vergessen hätte.
Aber Masist Gül spielte noch eine andere, eher geheimnisvolle Rolle. Jenseits der Scheinwerfer. Das war keine Nebenrolle mit schlechter Gage am Katzentisch der Filmsets, sondern eine heimliche Heldenrolle, die ihn zu einer schier unerschöpflichen, nahezu manischen visuellen Produktivität verführt hat: Er war Regisseur einer fortgesetzten Comic-Produktion auf Lebenszeit. Alle handelnden Figuren, vor allem den schnauzbärtigen Helden, schuf er selbst. Wurde nicht müde, wenn sich der Plot der Geschichte in engen Zeilen weiter spann. Schrieb tags wie nachts in dieser gleichmäßigen, gedrängten, winzigen Schrift. Und zog einen Strich, wenn er die Szenen zuschnitt - weil die ganze Arbeit nur bei ihm im Kopfkino ablief.
Doch hat sich Masist Gül damit unverwechselbar und unverlierbar gemacht: Er wurde zum geistigen Vater des türkischen Comic-Unikats Rinnsteinmythen - Das Leben des Rinnsteinwolfs(Kaldirim Destani - Kaldirimlar Kurdunun Hayati). Von dieser autodidaktischen Arbeit als Dichter, Zeichner und Buchgestalter in einsamer Personalunion wussten bis zu seinem Tod nur die allernächsten Freunde. Sie werden kaum spekuliert haben, wie nahe sich der Comic-Held Kaldarim Fahri ("Rinnstein Fahri") und sein geistiger Vater Masist Gül in Wirklichkeit standen. Die Mengen an Heften, Kladden, Collagen und Bildern, alle Plakate und Fotografien zusammengenommen, die unzähligen Porträts - alles das wurde in seiner Gesamtheit zum visuellen Protokoll einer im Rückblick mit aller Tragik und Komik ausgestatteten Rolle.
Es war ein kleines Wunder unter der Regie von Vater Zufall, dass sich der Nachlass überhaupt noch auffinden ließ und dass sich jetzt eine überschaubare Auswahl daraus im Schinkel-Pavillon befindet. Mit drei Vitrinen, einer Wand in Petersburger Hängung und einem Video-Loop, der das Durchblättern eines der originalen Hefte dokumentiert, wird Einblick in das Schaffen des Autodidakten Masist Gül gegeben. Alles in allem die würdigende Erinnerung an ein undeklariertes Künstlerleben. Zu verdanken ist die Entdeckung der Rinnsteinmythen der türkischen Künstlerin Banu Cennetoglu, die gemeinsam mit der niederländischen Künstlerin Philippine Hoegen im Jahr 2006 diesen bis dato unbekannten türkischen Comic als Faksimile-Druck in der türkischen Künstlerbuch-Reihe "Bent" in Istanbul herausgab.
Ihre Auswahl für Berlin fügt sich nun als vierte Ausstellung in eine fünfteilige Reihe, für die Künstlerinnen und Künstler den achteckigen Pavillon hinterm Kronprinzenpalais mit der Präsentation eines von ihnen ausgesuchten Protagonisten bespielen. Der Pavillon als Ort ist allein schon eine Herausforderung. Dem Problem sind die beiden Kuratorinnen beherzt zu Leibe gerückt und - entschieden konsequenterweise bleibt der Pavillon leer. Warum denn, fragt man sich im ersten Moment, schaffen es die Arbeiten gerade mal bis in den Vorraum? Selbst wenn wir es Studio nennen - wird die Ausstellung damit nicht vor die Tür gesetzt oder hintangestellt? Und wieso versperrt eine Holzwand den Blick in den von Licht durchfluteten, fensterreichen Innenraum? Vielleicht soll gerade die Leere im gläsernen Oktagon für den fokussierten Blick in die Vitrinen des Vorraums sorgen. Es gibt keinerlei Ablenkung. Man senkt den Kopf und sieht halb irritiert, sich dann aber immer mehr in die Details und Blätter verlierend, auf Güls märchenhafte, naturalistische oder surreale Szenen und Skizzen. Seine Hefte, Schreibbücher und grafischen Blätter stellte er zu handgefertigten Büchern zusammen. Dabei folgte er unbeirrt den lang erprobten Comic-Klischees.Â
Der Weg des Helden ist ein umkämpfter Aufstieg. Vom Underdog zum Rinnstein-Wolf. Seitenlanger Text erzählt die detaillierte Geschichte. Seite für Seite und umfangreich wie ein Romanstoff, der zur "graphic novel" wird. Verstehen und nicht Verstehen wechseln sich ab, denn dem türkischunkundigen Publikum sind nur die gezeichneten Bilder lesbar. Auf den türkischen Text blickt die Mehrheit des an die Kunstbetriebssprachen gewöhnten Publikums so hilflos wie der analphabetische Jahrmarktsbesucher im Hochmittelalter auf die Spruchbänder bebilderter Heiligengeschichten. Oder auch genauso ratlos wie der Europäer in Tokio auf einen japanischen Manga im Original.
Doch mal abgesehen von Worten, die das Wichtigste eh nur selten erzählen - was bleibt eigentlich unbegreiflich von den großen Fragen in Güls Comic-Universum? Die haben sich ja seit Prinz Eisenherz, von Max und Moritz bis Tim und Struppi, von Hokusei bis Wilhelm Busch im Grunde nur oberflächlich verändert. Grundthematisch sind sie gleich geblieben. So geht es natürlich auch bei Gül um die Suche nach Glück, den Kampf um Liebe, um die ewige Frage "Wer bin ich?" und "Warum?" Gerade die Identifikationssuche seines Helden kristallisiert sich als das Grundthema der Gülschen Fortsetzungsgeschichte heraus. Der Rinnstein-Wolf träumt und ringt, leidet und triumphiert, zweifelt und posiert und wird dabei als türkischer Cousin von Superman, als Hauptheld eines türkischen Comic-Traums, immer wieder geboren. Ein Unikat eben - und noch eine Entdeckung der 5. berlin biennale, die ihre eindrucksvollsten Momente an Nebenschauplätzen und in verstreuten Einzelpositionen erlebt. Masist Gül in der von ihren eigenen türkischen Realitäten geprägten Stadt Berlin ist eine davon.