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Die 39. Art Basel – Teil II

Dancing Queen

Gerrit Gohlke, Stefan Kobel
6. Juni 2008
Art|39|Basel, Messegelände Basel. Vom 4. bis 8. Juni 2008

Die Nummer Eins der Kunstmessen zu sein, bedeutet Segen und Fluch zugleich. Einerseits ist es natürlich schön, wenn sich die ganze Kunstwelt um das Zentrum Basel dreht und der Sammler hier das Beste zu sehen bekommt, was die Kunstproduktion der letzten 100 Jahre zu bieten hat. Andererseits liegt nicht nur für die Veranstalter die Messlatte ziemlich hoch. Der kleinste Patzer wird sofort erfasst und medial verstärkt in alle Welt getragen. Die Besucher sind angesichts des Auftriebs mehr mit sich selbst und ihresgleichen beschäftigt, so dass wenig Zeit für die Kunst bleibt. Und die Händler schließlich stehen unter einem ungeheuren Druck, da die Teilnahme viel Geld kostet und überdies mit dem Machtzuwachs der Messen und besonders der Art Basel ein erheblicher, wenn nicht der größte Teil des Jahresumsatzes am Messestand verdient werden muss.

Gerade in diesem wirtschaftlich unsicheren Jahr ist die Art Basel das Barometer, auf das alle starren. Immerhin kann jetzt Entwarnung gegeben werden: Wie erwartet läuft das obere Segment gut. Allerdings wachsen die Bäume nicht mehr überall in den Himmel. Zwar gab es die berühmten Käufe in den ersten fünf Minuten nach Eröffnung, doch ließ sich längst nicht mehr alles so flüssig absetzen wie noch im letzten Jahr. Das muss nicht unbedingt von Nachteil sein. Georg Kargl aus Wien bleibt gelassen, auch wenn er einige der teuren Arbeiten wie die von Rudolf Stingel noch nicht vermittelt hat. Irgendwann werde er sie schon verkaufen, meint er. Auch Thomas Schulte aus Berlin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: "Ich möchte die jungen Kollegen mal sehen, wenn sie ihre erste Rezession durchgemacht haben." Zunehmend spricht sich aber auch unter Galeristen die Befürchtung herum, denen unlängst sogar Vertreter des Sekundärmarktes wie der Sotheby's-Auktionator Tobias Meyer Ausdruck gegeben haben: Der Preisschub bedroht die Basis. Selbst junge, konzeptuell anspruchsvolle Positionen sind für kleines Geld nicht mehr zu haben. Wer mit begrenztem Budget inhaltlich sammelt, findet nicht nur in Basel viele unerreichbar taxierte Werke. Der Kaufrausch fordert seine Opfer, was sich vielleicht nicht in den aktuellen Erträgen, langfristig aber möglicherweise strukturell bemerkbar macht. Es könnte noch gefährlich werden für Galerien klassischen Typs mit anspruchsvollen künstlerischen Positionen. Dann nämlich, wenn langfristig verlässliche Sammler aus dem Markt verdrängt werden.

Noch aber ist die Rekordsucht ungebrochen und mischt sich seit einiger Zeit auch auf den Messen mit einem ausgeprägten Hunger nach Prominenz. Solange Marlboroughaus Zürich und London ihre Francis-Bacon-Triptychen mit schöner Regelmäßigkeit immer in der Nähe des aktuellen Auktionsrekords auspreisen, ist die Welt im Top-Segment des Secondary Market jedenfalls noch in Ordnung. Vor zwei Wochen hat Roman Abramowitsch etwas mehr als 86 Millionen Dollar für das Triptych aus dem Jahr 1976 bei Sotheby's bezahlt, da hebt die Galerie den Preis für Three Studies of the Human Body von 1970 auf 50 Mio. Euro. Die Spekulation geht also munter weiter. Das lässt sich auch bei kleineren Beträgen beobachten. Natalie Seroussi aus Paris etwa, die bereits eine eher schwache Skulptur von Niki de Saint Phalle für etwas weniger als eine Million Euro an französische Sammler verkauft hat, verlangt für eine Nägel überspannende Leinwand von Enrico Castellani 400.000 Euro. Gekostet hat das Bild vor zwei Jahren bei Lempertz 138.000 Euro netto. Abramowitsch lässt sich von diesen Kapriolen allerdings nicht abschrecken. Er wurde am Eröffnungstag erstmals auf der Messe gesichtet, nachdem er bisher ausschließlich auf Auktionen gekauft hatte und selbst in Fachblättern in einem Atemzug mit Brad Pitt und anderen Unterhaltungsgrößen genannt wird. Auch der Prominenzgrad der Käufer trägt inzwischen zu Legende und Aura künstlerischer Werke bei.

Vielleicht ist also diese zunehmende Fixierung auf den Rekord und das gleichmütige Vertrauen auf die ewige Expansion dafür verantwortlich, dass die 39. Art Basel qualitative Einbrüche im mittleren Segment zu verzeichnen hat - gemeint sind mittlere Formate und mittlere Preise. Dort gibt es ein deutliches Überangebot mittelprächtiger Malerei, was bereits zu leichten Nervositätsanzeichen bei alteingesessenen Händlern führt. Man schaut mit Argwohn auf die große Anzahl schnell produzierter Markenprodukte. Mancher mag vor Augen haben, wie rasch die Auktionsmärkte zweitklassige Ware abstrafen, sobald Rezessionserscheinungen zu beobachten sind oder die Käufer von der überteuerten Nachschubproduktion Abstand nehmen. Sammler täten in Basel gut daran, sich auf die wirklichen Premiumarbeiten zu konzentrieren - aber werden sie sich diese auch leisten können? Droht vielleicht von hier, aus dem Vakuum in der stabilitätsbedürftigen Mitte des Marktes, Gefahr für ein so erfolgreiches Modell wie Basel?

Noch sind das leise Töne des Zweifels, die eher am Rande der Verkaufsgespräche oder aus dem Publikum der einen oder anderen Diskussionsveranstaltung ausgesprochen werden. Zumal es keine Liquiditätsmängel zu beklagen gibt. Zwei Partner des russischen Aurora Fine Art Fund etwa - einem geschlossenen Fonds mit Sitz auf den Virgin Islands, an dem Viktor Vekselberg maßgeblich beteiligt sein soll - waren ebenfalls auf Einkaufstour, im steten Blick auf den Preisvergleich zwischen der Messe hier und dort den Auktionen. Der Primärmarkt bietet in Basel zwar keine Schnäppchen, dennoch kann man dort bisweilen preiswerter kaufen als auf Auktionen in London oder New York - wenn man eine Zuteilung vom Galeristen erhält.

Hauser & Wirth aus Zürich und London verfügen wohl über die beste Vermarktungsmaschine und verkaufen am laufenden Band. Von Paul McCarthys Monumentalskulptur mit dem wortspielerischen Titel Captain Ballsack wurden gleich alle drei Exemplare für jeweils 1,8 Mio. Dollar verkauft. Erstaunlicher und aussagekräftiger in Bezug auf den Zustand des globalisierten Kunstmarktes ist allerdings der Verkauf eines Gemäldes von Guillermo Kuitca. Der 1941 geborene Argentinier ist hauptsächlich in der spanisch sprechenden Welt bekannt. Gleichwohl musste für sein Bild der Preis von 450.000 Euro bezahlt werden. Das Beispiel zeigt, dass in einer immer größer werdenden Kunstwelt die Fäden nach wie vor in Basel zusammenlaufen. Und dass regionale Konjunkturdellen nur einen begrenzten Einfluss auf die oberste Kategorie des Kunstmarktes haben.


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