Die 12. Paris Photo im Carrousel du Louvre

Mit Vintage gegen die Krise

Nicole Büsing, Heiko Klaas
13. November 2008
Paris Photo. The international fair for 19th century, modern and contemporary photography, Carrousel du Louvre, Paris. 13. bis 16. November 2008.

Lange Besucherschlangen am Kassenhäuschen der Paris Photo vor dem Carrousel du Louvre. Bereits eine Stunde vor Öffnung der Messe am Donnerstag warten viele Fotoenthusiasten geduldig auf Einlass: Junge Fotobegeisterte, passionierte Sammler auf der Suche nach Vintage Prints oder nach längst vom Markt verschwundenen Fotobüchern, Fotografen mit teuren Kameras vor der Brust. Das Publikum der Paris Photo ist international. Sammler und Kuratoren kommen aus New York, Los Angeles und Cincinnati, aus allen Ländern Europas und in diesem Jahr vor allem aus Fernost. Das Gastland der 12. Paris Photo ist Japan, an der Seine vertreten mit 14 Galerien und fünf Verlagen. Auch viele andere der 107 Teilnehmer aus 19 Ländern, davon 86 Galerien und 21 Verlage, haben japanische oder asiatische Fotografen mit an den Stand gebracht. Messedirektor Guillaume Piens ist mit dieser Fokussierung vollauf zufrieden: „Das ist die größte Präsentation japanischer Fotografie, die bisher außerhalb Japans stattgefunden hat. 55 japanische Fotografen sind extra angereist, darunter einige Fotografie-Legenden, die Japan noch nie verlassen haben.“

Paris Photo bietet Fotokunst von den Anfängen des Mediums bis in die unmittelbare Gegenwart. Die New Yorker Galerie Hans P. Krauss jr. beispielsweise offeriert Werke des Fotografiepioniers William Henry Fox Talbot aus den 1840er Jahren: Aufnahmen von englischen Schlössern, Pariser Kirchen und aufgrund der damals üblichen langen Belichtungszeiten menschenleer wirkenden Straßenszenen werden als Salzdrucke zu Preisen zwischen 75.000 und 135.000 USD angeboten. Bisher verkauft war allerdings nur die kleine Aufnahme eines liegenden Hundes für 7.500 USD.

Sind die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Fotografiemarkt auf der weltweit wichtigsten Spezialmesse für Fotografie bereits zu spüren? Messedirektor Guillaume Piens äußert sich vorsichtig optimistisch:„Ich denke, es ist Teil der Krise, dass Sammler jetzt lieber in Vintage Fotografie investieren“, hat er beobachtet. „Emerging Artists haben es zur Zeit etwas schwerer.“ Dennoch wird gekauft, etwas zurückhaltender vielleicht und wesentlich bewusster. Piens: „Die Leute kaufen jetzt nur noch Dinge, von denen sie wirklich überzeugt sind. Sie stellen viele Fragen, und sie entscheiden jetzt nicht mehr so sehr aus dem Impuls heraus. Viele wollen historische Werte in Museumsqualität.“

Insofern hat es sich als sinnvoll herausgestellt, den Blick auf ein Fotoland wie Japan zu richten, in dem die Fotografie sowohl im Alltag als auch in der Kunst praktisch seit den Anfängen des Mediums eine große Rolle spielt. In Europa ist bisher nur die Spitze dieses riesigen Eisbergs wirklich bekannt: „Ich bin sehr vorsichtig, aber ich denke, die japanische Szene ist sehr interessant und noch nicht extrem überteuert“, so Guillaume Piens. „Das sind Meisterwerke. Rare Prints von Eikoh Hosoe zum Beispiel sind bereits für 24.000 Euro zu haben. Ein Sugimoto-Bild kann allerdings manchmal bis zu 1 Million Euro kosten.“ Statt auf den Hiroshi Sugimoto-Hype zu setzen, sollten sich Sammler vielleicht lieber mit seinen weniger bekannten Vorläufern beschäftigen. Zum Beispiel mit den Aufnahmen des Künstlerpaares Iwao und Michiko Yamawaki bei der New Yorker Galerie Howard Greenberg. Die beiden verbrachten die Zeit zwischen 1930 und 1932 amBauhaus. Iwao Yamawaki ist prominent in der Sammlung von Karl Lagerfeld vertreten. Seine bauhaustypischen Stillleben und Architekturaufnahmen sind zu Preisen zwischen 5.000 und 7.500 USD erhältlich. Die Aufnahmen seiner weniger bekannten Frau Michiko von Passanten und Ladenfronten auf der Tokioter Prachtstraße Ginza sind bereits für 3.000 USD zu haben. Alle Aufnahmen sind Unikate aus einer japanischen Sammlung. Es gab etliche Reservierungen. Bisher verkauft war allerdings bis Donnerstagmittag nur eine kleine Aufnahme von Michiko Yamawaki.

Die Kölner Galeristin Priska Pasquer, regelmäßige Teilnehmerin der Paris Photo, gehört zu den Initiatoren des diesjährigen Japan-Schwerpunkts. Neben den DeutschenAugust Sander und Albert Renger-Patzsch zeigt sie fast ausschließlich Klassiker der japanischen Schwarz-Weiß-Fotografie. So etwa Aufnahmen von Shomei Tomatsu. „Tomatsu“, so Pasquer, „ist einer der Überflieger der japanischen Fotografie, vergleichbar mit den Bechers bei uns. Jeder Sammler in diesem Sektor träumt davon, einen Tomatsu zu haben.“ Seine Aufnahmen von Objekten, die beim Atombombenangriff auf Hiroshima zusammengeschmolzen sind, kosten zur Zeit 26.000 Euro. „In ein paar Jahren“, so Priska Pasquer, „dürften sie die Marke von 80.000 bis 100.000 Euro erreichen.“ Der 78-jährige Fotograf trenne sich nur sehr ungern von seinen Arbeiten. Ohne einen direkten Kontakt, über den sie verfüge, sei da gar nichts zu machen. Ebenfalls am Stand: Sehr präzise und poetische Schwarz-Weiß-Fotografie von Issei Suda, Jahrgang 1940. Er zeigt Porträts von Frauen in traditioneller Kleidung, eine Schlange, die eine Tür hinaufkriecht oder ein kleines Haus, das sich hinter einem wogenden Mohnfeld versteckt. Sein Markenzeichen: Auf fast jedem Bild befindet sich eine einzelne kleine Wolke. Die Aufnahmen kosten 4.000 und 6.000 Euro. Angesprochen auf die Auflagen, betont Pasquer den Unterschied zu westlichen Fotografen. Die meisten Aufnahmen entstehen in sehr, sehr kleiner Stückzahl, meist unter fünf Exemplaren. Mit genauen Angaben arbeiten die Japaner jedoch nicht, abgesehen von den ganz jungen. Priska Pasquer weist auf einen weiteren wichtigen Unterschied zum Westen hin. Erst seit kurzem werde Fotografie in Japan als „Wandware“ rezipiert. Die meisten klassischen japanischen Fotografen haben in erster Linie für das in Japan weit verbreitete Medium Fotobuch gearbeitet. Die Enge der japanischen Wohnungen sei für Bücherregale einfach besser geeignet als für große Abzüge an der Wand. Eine Tatsache, der auch die Paris Photo Rechnung trägt. Etliche japanische Verlage sind hier mit repräsentativen Ständen vertreten.

„Letztes Jahr hatten viele das Gefühl, dass die Zeitgenossen-Sektion sehr schwach war“, berichtet Guillaume Piens. „Immer dieselben Galerien, Werke und Künstler. Es gab die Tendenz hin zu einem dekorativen Trend. Das wollten wir in diesem Jahr ändern. Denn Fotografie ist keine dekorative Kunst. Unsere Messe ist in diesem Jahr viel fokussierter geworden. Wir setzen verstärkt auf One-Man-Shows.“ 37 Galerien wurden daher ausgetauscht. Frischer Wind, neue Namen, eine stärkere Durchmischung sind das Ergebnis dieses radikalen Aussiebeprozesses. Die Weinstein Gallery aus Minneapolis präsentiert die 2008 entstandene Serie „The Last Days of W.“ von Alec Soth, Jahrgang 1969. Der Magnum-Fotograf reiste durch die USA und schuf ein eindrucksvolles Panorama des Landes und seiner Bewohner am Ende der Bush-Ära. Die Aufnahmen in Achter-Auflage kosten zwischen 9.000 und 17.500 USD.

Die Zukunftsaussichten der Paris Photo, die sich nach einem missglückten Ausflug nach London wieder ganz auf den Standort Paris konzentriert, beurteilt die Messeleitung jedenfalls recht optimistisch. Das Gastland öffne ganz neue Horizonte, heißt es dort. Piens denkt „in Zukunft auch an Indien, Korea und Australien.“ Man verlasse jetzt Europa. Nächstes Jahr werde arabische und iranische Fotografie zu sehen sein. Als Kuratorin habe man bereits Catherine David verpflichtet, die für die künstlerische Qualität und Stringenz des Angebots garantieren soll. Das entspricht dann wohl auch dem Gebrauch, den ein großer Teil des Publikums von der Messe macht. Angesichts der überwiegend sehr jungen Besucher gewinnt man den Eindruck, dass viele der traditionell fotografiebegeisterten Pariser die Messe einfach als eine großartige Ausstellung betrachten.

www.parisphoto.fr – 2009 wird die Messe vom 19. bis zum 22. November stattfinden.


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