27. Oktober 2004
In Dresden liegen die Meßlatten hoch. Sehr hoch. Und das hat seinen guten Grund: Hier wird seit Jahrhunderten Kunst auf Weltniveau gesammelt, verwaltet und ausgestellt. Zuletzt sorgten das Kupferstichkabinett, das Grüne Gewölbe im neu-alten Residenzschloß und Gerhard Richters Dauerleihgabe im Albertinum für weltweite Schlagzeilen. Und wer es vorher noch nicht wusste, dem sei an dieser Stelle mitgeteilt: Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (DH-MD) ist nicht nur ein Unikum, gleich am Großen Garten hinter der ehemaligen Sekundogenitur gelegen, es hat ebenfalls Weltniveau. In der zu neuem Glanz erweckten neu-sachlichen, vom Bauhaus inspirierten Architektur werden wahre Wunder in Bezug auf nichts weniger als DEN Menschen vollbracht. Stets auf höchstem ästhetischem wie didaktischem Niveau, manchmal brillant verpackt oder in bezauberndes Hightech eingewickelt, werden auch komplexe Themen wie DNS oder die menschliche Sexualität im Allgemeinen angepackt.
Die hier anzuzeigende Sonderausstellung Die zehn Gebote hat und hatte sich demzufolge an Herkulischem zu messen – und scheitert an sich und ihrem eigenen Anspruch. Dabei gibt es einen stupenden Katalog mit ungeheuer gelehrten Beiträgen. Es gibt auch ein bemerkenswertes Begleitprogramm und eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, in der nicht nur gute Kunst von bedeutenden Künstlern zu bestaunen ist. Die von Klaus Biesenbach kuratierte Schau versammelt – um hier mal quasi biblisch zu werden, was die Ausstellung trotz ihres titelgebenden Dekalogs (= Die zehn Gebote) fast peinlich vermeidet – den Kanon der heuer tonangebenden Künstler. Dass diese überwiegend Westler oder westlich geprägte Künstler sind, ist allgemein bekannt. Was jedoch jemanden ärgern kann, der/die kam, um die zehn Gebote durch (zeitgenössische) Künstleraugen betrachtet vorgestellt zu bekommen, ist die unglaubliche Willkür, in der hier Positionen unter das judeo-christlich-abendländische Erbe des alten Testaments gehievt werden.
Der Dekalog kommt im Titel vor. Und im Katalog. Sonst irgendwie fast gar nicht. Aber wem beim Plakatieren der Wände nicht auffällt, dass das Adjektiv nun mal alttestamentlich ist, dem fällt dann auch nicht auf, dass da, wo die Ordnungszahl zehn beschworen wird, elf Paneele hängen, um eine angebliche Orientierung zu geben. Ich erinnere mich nicht, die Verantwortlichen um ein Zehn-Gebote-Feature gebeten zu haben. Odol – mehr als nur marginal im DH-MD vertreten – hätte ebenso gut den Titel abgeben können. Man hätte die Kunstwerke auch nach dem Prinzip der Mundhygiene durchdeklinieren können. Und da hilft es furchtbar wenig, wenn eingangs, quasi als disclaimer, angegeben wird, so wörtlich wolle man es mit dem Titel nun auch nicht nehmen. Ja, warum titelt Ihr denn Die zehn Gebote, werte Herren, und lasst die Schere aus Anspruch und Wirklichkeit so rasend auseinanderklaffen?!
Die anfangs vorgestellten Statistiken werfen viele relevante Fragen auf, geben aber wenig verlässliche Quellen an und führen letztlich zu einem Methodenspagat, bei dem allein Hans der Maler mit seinen leicht provinziellen Zehn Geboten (1528) auch wörtlich dem Titel nachspürt. Ganz im Duktus der Reformationsdebatten ausgeführt, liegen diese frühneuzeitlichen Darstellungen voll im Fahrwasser der Produkte der zeitgleichen Cranachwerkstatt und sind nur eben etwas schlechter als die besseren Cranachs der Zeit. Im Schummer des ersten Raumes scheint die Verantwortlichen ihr eigener Ausstellungstitel auch noch interessiert zu haben. Wunderbare historische Zeugnisse von Juden, Christen, Muslimen sind einander gegenübergestellt. Sie lassen uns gespannt sein.
Dann ist es jedoch wie in einem Film, wo zwei Rollen verwechselt wurden und ein Anschlussfehler dazu führt, dass mensch sich eigentlich im falschen Film wähnt! Denn dann macht Herr Biesenbach seine Büchse auf und stellt seine Favoriten vor, bei deren durchaus respektablen Arbeiten es schon mancher Mühe bedarf, den Bezug zu den Geboten herzustellen. Nun: Diejenigen Künstler, die sich in der Tat dem Dekalog zuwenden, haben sich zu dieser Schlagerparade offenbar nicht qualifizieren können. Wer wollte schon Dali in Silbermedaillen oder Ikebana-inspiriertes Makramee in Naturfarben, sprich die reguläre Kirchenkunst anschauen? Auch darüber hätte man reden können. Denn viele, viele gute Christenmenschen illustrieren, schneiden in Holz, Kartoffel, Linoleum des Herrn Worte. Ist das keine Kunst und wenn nicht, warum nicht? Ansonsten sei die Gegenfrage erlaubt: Warum heißt die Ausstellung nicht „Die Freuden des Mundwassers Odol“?
Freilich ist es wunderbar, Mauricio Cattelans ungeheuer frech-sarkastische Spermini zu sehen, die herangezogen werden, um „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ zu illustrieren. Karikierende Masken mit Selbstbildcharakter, die Spermini, sind wandfüllend auf der Suche nach bzw. auf der Pilgerfahrt zur zu befruchtenden Eizelle, wie wir vermuten. Aber ohne Exegese und/oder Kontextualisierung erwachen die Cattelanspermien eben doch zu keinem weiteren Leben als sie im Diskurs der zeitgenössischen Kunstproduktion sowieso haben. Im Gegensatz zu dem gehaltvollen Katalog sind auch die Wandtexte eher Fertigpackung als Brühe vom Knochen oder zumindest Brühwürfel! Dem weinenden, lebensgroßen Ich von Olaf Nicolais Portrait of the Artist As a Weeping Narcissus hätte neben der Stippvisite beim Alleinherrschaftsanspruch Gottes natürlich auch ein Gastspiel beim diesjährigen Bloomsday zu Ehren von James Joyce und bei der Sonderschau zu Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray zugestanden. „Assoziieren sie frei“, rief einst Peter Rühmkorf, um dann später zu konstatieren: „Der Mensch ist schließlich kein Klavierhocker. Schraube im Arsch zum Rauf- und Runterdrehen.“
Es ist erfreulich, Pier Paolo Pasolinis komplexe Position zum Thema Patriarchat und bürgerliche Gesellschaftsstrukturen vorgestellt zu bekommen (Theorema – Geometrie der Liebe, 1968). Aber der Besucher hat irgendwie mehr verdient, als Platitüden, wenn es da heißt, hier gehe es um „das Auseinanderbrechen des traditionellen Familienzusammenhangs.“ Kein Wort zum Alter der Gebote, auch des Ehebruchgebots. Kein Wort zum kulturellen Zusammenhang im fruchtbaren Halbmond vor dreitausend Jahren in halbnomadischen Gesellschaften, zu neueren Erkenntnissen von Patriarchat versus Matriarchat. Ganz zu schweigen von Pasolini, der sich eben auf hundert Worte reduziert schlicht nicht erklären lässt. Es ist ja auch der Menschheit zumutbar, dass es Sachverhalte gibt, die so komplex sind, dass man sie im heutigen Amüsierbetrieb nicht unterbringt. Was so schade ist: Im selben Haus werden wie selbstverständlich komplexe Zusammenhänge auf fast spielerische Weise anschaulich gemacht. Solche kleinen Wunder vollbringt auch Herr Biesenbach vereinzelt. Die Installation von Alfredo Jaar zu den Tutsimorden ist ein solcher Glücksfall im Zusammenhang mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“.
Die Krönung in Bezug auf Thema, Kontext und Kunstwerk befindet sich in einem Extraraum und lässt sich visuell fast nicht fassen: Es ist Janet Cardiffs Forty Part Motet von 2001. Hier wird bravourös der Bogen geschlagen zu Hans dem Maler und dem Jahrhundert der Reformation. Hier ergibt sich ein sonst vermisster Zusammenhang mit Thema und Ort. Trotz des potentiellen Pathos: Zum Raum wird hier die Zeit, wo, im Kostüm des 21. Jahrhunderts, eine Künstlerin die Kriegswunden der Stadt Dresden in völligem Antischmuck und ohne jede Berührungsangst zeigt und gleichsam in stringenter Form den titelgebenden Anlass auslotet. „Spem in alium - In niemanden sonst setze ich meine Hoffnung außer in Dich, Gott Israel“, tönt es in dieser Motette, hallt wider von unverputzten Klinker-Beton-Wänden. Ein technoides Klangerlebnis, in welchem aus 40 installierten Lautsprechern insgesamt 40 Menschenstimmen erklingen. In Variationen aus dieser Melodie hätte man sich die ganze Ausstellung gewünscht. So bleiben viele stimulierende Kunstwerke und an unser Reflexionsvermögen appellierende Bilder, die jedoch mit dem Dekalog fast nichts zu tun haben. Und es bleibt die Behauptung: „Odol macht sympathischen Atem.“
Im Hygienemuseum Dresden vom 19. Juni 2004 bis zum 02. Januar 2005.
Der Katalog zur Ausstellung erscheint bei Hatje Cantz Verlag, ISBN: 3-7757-1453-7, zum Preis von 24,80 €. Er enthält die Beiträge von Dennis Altman, Kevin Bales, Klaus Biesenbach, Gabriele Cleve, Frank Crüsemann, Isabelle Graw, Christiane Grefe, Geneviève Hesse, Christian Höller, Dietmar Mieth, Ulf Poschardt, Navid Kermani, Hartmut Krauss, Roger N. Lancaster, Christiane Leidinger, Niklas Maak, Alexander Meschnig, Desmond Morris, Ilona Ostner, Linda Singer, Susan Sontag und Jan Verwoert.
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