30. September 2011
Dexter Dalwood: „Drogen und Dichter“ – Galerie Nolan Judin, Berlin. Vom 10. September bis 22. Oktober 2011
Und noch eine Galerie in der Potsdamer Straße: Nolan Judin feiert die Eröffnung der neuen Räume mit großformatigen Farbtableaus des britischen Post-Pop Künstlers Dexter Dalwood. „Auf der Suche nach einem Atelier“, erläutert Juerg Judin, habe er diese Räumlichkeiten entdeckt. Nachdem der gebürtige Schweizer, der einst die Galerie Haunch of Venison in Zürich leitete, seine Location in der Heidestraße im Juni geschlossen hat, ist der Umzug in die monumentalen Hallen nun ein gelungenes Bekenntnis zu Berlin.
Mit Dexter Dalwoods Arbeiten hält Judin dann auch gleich mit einem der führenden britischen Künstler Einstand, der sonst Kunstmarkt-Taikoonen wie Gagosian oder Saatchi vorbehalten ist. In seiner ersten europäischen Einzelausstellung mit dem Titel „Drogen und Dichter“, nach seiner Retrospektive in der Tate St Ives (2010), bringt Dalwood, der von sich behauptet kein Historienmaler zu sein, die Gattung scheinbar neuerlich zum schwingen. In zehn neuen Gemälden in Ölfarbe und als Siebdruck sowie acht Collagen verarbeitet er medial verbreitete und ins kollektive Gedächtnis eingesunkene Bilder aus der Geschichte, Literatur und Alltagssituationen. Mit Gemäldetiteln wie Heinrich von Kleist, Ezra Pound und Rimbaud in Exile, wird die Nähe zu Drogen und Dichtern verständlich.
In den großformatigen Werken schweben gemalte Bildsequenzen – afrikanische Landschaften, Gondeln oder Picknickszenen – collageartig umher. Die farbstarken Bildwelten Dalwoods arbeiten mit typischen Pop-Praktiken zur Aneignung kultureller Archive. Dafür importiert der britische Künstler Zitate aus Bildern anderer Maler wie Édouard Manet, Caspar David Friedrich oder Sigmar Polke in seine Arbeiten, um sie mit Elementen der Alltagskultur in Bildräume der High-Art umzuwandeln. Dalwood verwendet darin erstmals die serielle Siebdrucktechnik, die im Kontrast zur schweren Ölmalerei steht.
Wie die Umwälzung eines kulturellen Archivs funktioniert, zeigen diese schwebend-lyrischen Traumlandschaften. Ein Demokratisierungsprozess setzt ein, in dem die Elemente enthierarchisiert, gleichwertig nebeneinander in den Bildraum gesetzt sind und im Kontext der neuen Aneignung ihre Rezeptionsgeschichte umschreiben.
„The medium is the message“ schrieb in den Sechzigerjahren der Medientheoretiker Marshall McLuhan. Doch bei Dalwood geht es weniger um Schrift-Bild-Hybride als vielmehr um Bildbastarde, in denen Bilder mit Stimmungen aus lyrischen Referenzen und Rauscherfahrungen oder Schwebezuständen kombiniert werden. Er praktiziert in seinen Bildern Grenzüberschreitungen, in denen Stimmungswerte und Motive schwer zu definieren sind. Das erinnert an die Theorien Michel Foucaults, der 1967 in seinem Vortrag „Des espaces autres“ solche Zwischenwelten mit „Heterotopien“ bezeichnete. Damit meinte er Räume und Orte, die eher einem Durchqueren und Übertreten von Grenzen gleichen. Sie sind gekennzeichnet durch mehrdeutige Ordnungen, ohne Trennungen. Die Bildwelten Dalwoods sind solche Übergangsräume oder Passagen, die den Betrachter mit seinen inneren Strömungswelten verbindet.
Auch Dalwoods kleine, kraftvolle Collagen, die als Studien der Malerei zur Seite gestellt sind, tragen Titel, die sich auf Schriftsteller beziehen: Mary Schelley, Frankenstein (2001), Truman Capote (2004) oder William Borroughs (2004). Interieurdarstellungen, Gartenszenen und Nachtdarstellungen en miniature sind die bevorzugten Themen der Collagen, in denen es immer um Abwesenheit geht. Verlassene Badezimmer mit schäumendem Wasser in der Wanne, vom Mondlicht erhellte Salons und Abendstimmungen im Freien werfen durch ihre Leerstellen Fragen auf. Der Mensch fehlt hier, der vom Titel suggerierte Bewohner ist absent. Auch in diesen komprimierten Räumen baut sich eine Instabilität auf, die eher Verunsicherung des Betrachters zur Folge hat. Die Stille ist hier regelrecht fühlbar und gleichermaßen anziehend wie abschreckend. Somit sollten durch ihre starke kompositorische Konstruktion, die Collagen eher als Einzelwerke, denn als vorbereitende „Skizzen“ zum Bild verstanden werden.