Design Miami 2009

Glück ist wie ein Schmetterling

Gerrit Gohlke
11. Dezember 2009
Die kurioseste Meldung von der Art Basel Miami Beach hatte etwas mit der Verwechslung von Kunst und Leben zu tun. Irgendwo an der Kreuzung zwischen Collins Avenue und 21. Straße, mitten im Vergnügungsdistrikt des aufgeputschten Promenadendorfs Miami Beach, hatte ein Hauseigentümer persönliche Verantwortung für den Kapitalismus gezeigt. Er hatte kurzerhand ein systemkritisches Kunstwerk von seiner Hauswand entfernen lassen. Das in Paris ansässige Duo Claire Fontaine (James Thornhill und Fulvia Carnevale) hatte dort im Auftrag der Messe ein Neon-Menetekel in den Farben der Trikolore erstrahlen lassen, das allerdings der westlichen Ökonomie eine veritable Beziehungsstörung attestierte. „Capitalism Kills Love” mussten Passanten dort lesen. Das war dem Kapitalisten schließlich zu viel, dabei fände sich wohl das eine oder andere Argument für ein solches Statement auf dem hochspekulativen Immobilienmarkt entlang dem Ocean Drive. Die dekorative Schrift jedenfalls wurde abgeschraubt und andernorts installiert.

Vielleicht war hier einfach der erstaunliche Sonderfall eingetreten, dass mitten im 21. Jahrhundert ein Betrachter die Kunst beim Wort nahm. Als zu politisch soll der Immobilienbesitzer die verhältnismäßig banale Botschaft empfunden haben. „Das passiert manchmal bei Leuten, die von außerhalb des Kunstsystems kommen“, hieß es dazu von Claire Fontaine-Mitglied Fulvia Carnevale unbeirrt. Und so konnte man sich fragen, was der Hauseigentümer in der Schrift wohl gesehen haben mag. Agitation? Einen Angriff auf Amerikas Werte, gestaltet als nächtlich schimmerndes Demonstrations-Transparent? Also: politisches Design? Und was hätten ordentlich ausgebildete Kommunikationsdesigner mit dieser Fassade gemacht? Um wie viel komplexere Botschaften hätte man an der Wand montieren können? Tortendiagramme der demografischen Struktur von Miami Beach? Einen ständig aktualisierten Immobilienpreisindex? Eine Vorhangfassade aus den beliebtesten Billigfurnieren der synthetischsten Diners von South Beach? Oder eine hübsch glitzernde LED-Kartographie mit einer Korrelation aus Einkommenshöhe und Kulturaffinität? Würden richtige, echte, kadergeschulte Designer nicht etwas Effizienteres auf so eine Fassade kleben als den Hinweis, die dumpfe Geldgier ersticke unsere Liebesbereitschaft?

Wer so fragt, ist nicht auf der Design Miami gewesen, der Möbelhaus-Messe für Großanleger, die in diesem Jahr tatsächlich ihren fünften Geburtstag feierte. Das sind fünf Jahre Deko-Möbel zu Schmerz-Lust-Preisen, fünf Jahre kunstvoll zerflossene Kunststoff-Stühle, fetischistische Lochraster-Chaiselongues, ironisch anverwandelte Edel-Intarsien-Kommoden oder Fellapplikationen als Revival kleinbürgerlicher Partykeller-Ästhetik. Alles durfte die Design Miami sein, teuer, schrill und hässlich, materialfetischistisch, grell und protzig, nur systemisch-analytisch, spontan und reaktionsschnell wollte sie einfach nicht werden, als hätte das Design vor sich selber Angst und müsste für alle Zeiten Sonntagsstaat tragen. Wenn sich Designer heute vor allem als Jongleure visueller Kommentierung und Lenkung betätigen, wenn sie Informationsfluten filtern, das gesellschaftliche Form-Vokabular sortieren und erneuern, so schauten die Macher der Design Miami wohl stets diskret zur Seite. Nur ein Zerrbild dieser taktischen und strategischen Aufrüstung zeitgenössischer Gestaltung konnte man auf der Messe sehen. Designer bekamen nur dann Mitspracherecht, wenn sie ihre dekonstruktivistischen Methoden oder organischen Ableitungstechniken auf Tischchen und Stühlchen projizierten, weil, nun ja, Messe-Exponate verkauft werden wollen – und verkaufen lässt sich am besten, was wohlhabende Haushalte schöner macht.

Das Ergebnis lässt sich am Publikum der Messe ablesen. Nicht nur ist die vom New Yorker Büro Aranda\Lasch gestaltete Ausstellungshalle an den Tagen nach der Eröffnung schlecht besucht. Zwischen den Messeständen kann man generell nur Designer oder Möbelliebhaber finden. Der Kunstzirkus von drüben in Miami Beach kommt gar nicht erst hierher, um einmal die Hand auf den „Cocobolo-Chair“ von Don Shoemaker zu legen oder Mineralwasser beim prunksüchtigen Automotive-Sponsor zu trinken. Das Design sagt hier nichts, es verpuppt sich nur durch unzählige dekorative Larvenstadien hindurch. Dabei wäre es ein Leichtes, hochkarätige Editionen anzufertigen, die nicht aus Massivholz oder Aluminium bestehen und Claire Fontaines reduktionistischer Systemkritik echte Information entgegenstellen würden. Attacken könnte man hier verkaufen. Attacken auf den Kunstbetrieb.

Dass diese Perspektive keine marktfremde Utopie umschreibt, beweist die Design Miami in diesem Jahr erstaunlicherweise selbst – effizienter, als Kritiker das könnten. Es gibt nämlich einen Stand, der paradiesisch wie eine Südseeinsel zwischen den kleinen, feinen Möbel-Shops steht. Graham Hudson, P. Scott Cunningham und Jim Drain treten als „Workshop Workshop“ am Ende der Halle auf und lassen unweit der weiß schimmernden Schau-Limousine des Sponsors eine Art aktivistische Robinson-Hütte entstehen, ein Materiallager als romantischer Schrebergarten, ein umzäunter Hort der Poetik, hinter dessen Schutzwall liebevolle Fanzines mit Anti-Lyrik in Kleinauflage produziert und zu Mitnahmepreisen unters Volk gebracht werden. Also, doch! Ein Lattenzaun kann Design sein (was keine neue Erkenntnis ist), und Projektwildwuchs kann die Grenzen und Schnittstellen von Gestaltung markieren; ein Zaun kann durchaus neue Denkräume schaffen.

Bei den erfrischend verspielten „Real Time“-Projekten am Stand des Designers Maarten Bas, von der Messe zum „Disigner of the Year“ gekürt, (dort stehen Menschen als lebendige Unruhe in lebensgroßen Wanduhren und zeichnen im Minutentakt das Zifferblatt neu) oder bei der hybriden Musik-Performance von Moritz Waldemeyer & OK Go wird deutlich, dass Design ohne gravitätische Aura und Radikalrhetorik Alltag und Umwelt kommentieren kann. Design hat das Talent zur Nichtverschlüsselung, zum unchiffrierten Nutzen, zur geraden Linie vom Problem zur Lösung. Design kann eine Botschaft in die Welt hinausposaunen, ohne sie in Kunst übersetzen zu müssen. Designer sind Berater und wissen, wo es weh tut. Wenn sie gut sind. Außerdem lachen sie schneller als der Kunstbetrieb. Wenn sie gut sind. Und sie sind der unbedingten Ökonomie verpflichtet (sei es auch einer Ökonomie der Verschwendung). Wenn sie gut sind. Warum soll man solche Wohltaten nicht verkaufen können, wenn man schon auf einer so feinen, noblen Messe ist?

Wer an das Gute glaubt, sieht die Design Miami dicht vor der richtigen Antwort. Ja, man kann. Solange Claire Fontaine dem Kapitalismus Herzschmerz-Fragen stellen (und dabei eine eher fade Antwort geben), könnte auch der Grafiker Cornel Windlin seine hinreißend bösen, das bürgerliche Zürich verlachenden Schauspielhaus-Plakate als Editionen verkaufen. GTF – Graphic Thought Facility aus London könnten ihre Neonobjekte anbieten, mit denen sie nicht die Liebe loben, sondern Protein-Strukturen abbilden, um im Auftrag einer Non-Profit-Stiftung öffentliche Aufmerksamkeit für die AIDS-Debatte zu wecken (wer für Marks & Spencer Kaffee-Deko gestaltet, kann genauso wirkungsbewusst seine guten Taten planen, that’s design …). Einen Schritt noch, liebe Ambra Medda, Erfinderin der Design Miami, dann kann man hier in Miami, einem Zentrum der amerikanischen Werbewelt, Objekte kaufen, die nicht im Kunstkostüm auftreten, sondern visuelles Denken demonstrieren. Oh, wie gern hätte man so etwas zu Hause, um sich von der Wunderwelt des Kunstbetriebs zu erholen und das eine oder andere Stück staatstragender Middle-Class-Malerei zu vergessen. Wie aufregend könnte die Design Miami sein, wie laborhaft und doch umsatzstark. Nein, nein, sie war nicht so, die Messe. Aber wenn sie wollte, dann könnte sie vielleicht doch. So viele Larven. Und die Messe selbst ein großer Kokon. Im nächsten Frühling wird sie ein prinzipientreuer Schmetterling sein, mit inspirierenden Ideen- und Konzept-Flügelschlägen. Nun gut, wir wissen das noch nicht so genau. Aber im Winter lümmeln wir uns auf unserem saubequemen Dave Keune-„Stealth Chair“ und lassen uns von diesem Gedanken das Herz erwärmen.


Mehr im Dossier  Art Basel Miami Beach 2009

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