„Design. Halt. Kunst.“ bei Neumeister, München

Zwei Inseln auf Tuchfühlung

Evelyn Pschak
20. Juli 2011

„Design. Halt. Kunst.“ mit Heiko Bartels, Andri Bischoff, Alexander Blank, EL ULTIMO GRITO, Nitzan Cohen, Hardy Fischer, Konstantin Grcic, Britta van Mehren, Alexander Müller, Welf Oertel, Axel Schmid, Sebastian Schönheit, Judith Seng, Katrin Sonnleitner – Galerie Neumeister, München. Vom 24. Juni bis 30. Juli 2011

Der Künstler und Grafiker Anton Stankowski hat es schon vor Jahrzehnten proklamiert: „Ob Kunst oder Design ist egal – nur gut muss es sein.“ Kein paragonaler Wettstreit, kein Ausspielen von Funktionalität versus Zweckfreiheit, ja noch nicht einmal eine Differenzierung der Disziplinen. Gar so weit gehen die beiden Kuratorinnen Courtenay Smith und Cornelia Büschbell nicht, wenn sie in der Galerie Neumeister 14 Design-Positionen zur Schau „Design. Halt. Kunst“ vereinen. Die beiden suchen nach der „Anbindung des Kunstbereichs, dieser ‚Insel der Seligen’ an andere Gebiete“, prüfen die Schnittstelle, präzisiert Büschbell, die selbst Künstlerin ist und beim ersten Teil der Ausstellung 2010 – der Umkehrung „Kunst. Halt. Design“ – mit von der Partie war.

Damals suchte Kunst nach Wegen in die Funktion. Nun sperren sich Designer dem unüberlegten Konsum, indem sie ihre Objekte unhandlich, funktionserschwerend oder zumindest reichlich schrullig gestalten. „Nach den Strategien der Kunst“ hätten sie Ausschau gehalten, fügt Büschbell hinzu, „nach Selbstinszenierung oder Hyperfunktionalismus.“ Und greift zur Erläuterung den Tuchtisch (2010) des Bauhaus-Dozenten Welf Oertel auf, der Polyamidgewebe über einen Schraubstock im Tischfuß festzurrt, bis sich eine tragfähige ebene Fläche ergibt: „Ein Tuch so fest zu spannen, bis man es als Tisch nutzen kann, das ist eigentlich kein Designgedanke.“ deutet Büschbell. „Es geht nicht mehr um Funktion, sondern darum, Funktion bis ins Absurde auszureizen, um den Umgang mit ungewöhnlichen Materialien, darum, das Unmögliche möglich zu machen und dabei metaphorische Bilder zu schaffen.“ Es sind viele junge Designer, geboren in den Siebziger- und Achtzigerjahren, die hier gezeigt werden: Der sperrige Strickteppich 300 (2008) von Sebastian Schönheit (Jg. 1984) für die etwas andere Kuschelecke etwa. Wie von Riesenhand gefertigt wirkt sein Teppich aus Polyamidseil, das handarbeitende Ungeheuer hat ihn noch nicht beendet, steckt die überdimensionale Stricknadel doch in den letzten Maschen. Die kleinen Massivholz-Hocker der Serie Trift (2009/2011) von Judith Seng geraten derweil dank nur hälftig behandelter Oberfläche zum Zwitter aus Industrieprodukt und Naturstoff. Und beim PuzzlePerser fügte die 31-jährigen Katrin Sonnleitner 6600 Gummipuzzleteile in DIY-Manier zu einem ornamentalen Orientteppich zusammen. Das gefällt auch den anwesenden Kunst- und Designstudenten – und darum geht es: Designaffine Hipster sollen erst über die niedrigere Schwelle einer Galerie und schließlich ins nahe Auktionshaus gelockt werden.

Ausstellungsinitiatorin Courtenay Smith ist im Hause Neumeister für angewandte Kunst ab 1945 verantwortlich: „Wir sind dabei zu sondieren, wer unsere Kunden von morgen sind. Dazu präsentieren wir mindestens zweimal jährlich Ausstellungen für eine Generation, die eben erst anfängt, Kunst und Design zu sammeln.“ Eine Generation, die geboren wurde, als das älteste Ausstellungsstück der Düsseldorfer Designergruppe Kunstflug entstand: Das Geröllradio (Unikat von 1986) von Heiko Bartels und Hardy Fischer wirkt in den Ausstellungsräumen neben den Jungdesigner-Objekten schon wie ein Klassiker: „Mehrheitlich ist die Ausstellung von jungen Entwerfern bestückt, dann kommt Konstantin Grcic in der Mitte und schließlich wir als Senioren“ scherzt Bauhaus-Professor Bartels und führt aus: „Das Geröllradio entstand, als wir uns mit dem Verschwinden der Volumina im Produktdesign beschäftigten. Die Bauteile der Unterhaltungselektronik wurden immer kleiner, sodass viele Designer befürchteten, sie könnten mit der Minimalisierung der zu umhüllenden Technik ihre Daseinsberechtigung verlieren. Unsere Reaktion darauf war Gestaltung und wir entwarfen mit dem Geröllradio ein Statement zum Verschwinden der Dinge und haben die Verflüchtigung der Bauteile einer Hifi-Anlage bildhaft auf halbem Wege festgehalten.“ Seine Abgrenzung zum Galerieumfeld macht der Designer nicht nur über das Alter deutlich: „Ich glaube, dass der jetzigen Generation junger Designer die Utopie fehlt. Die gedankliche Welt der jungen Leute ist überwölbt von der ungeheuren Medienproduktion, die es im Design gibt. Gerade das Möbeldesign hat eine unübersehbare Medienpräsenz, daher meinen viele, sie müssten unbedingt Möbel machen, um mitzuspielen. Die meisten Entwürfe bilden aber eine bourgeoise Vorstellungswelt ab. Es werden permanent Stühle, Schränke und Hocker entworfen, ohne die dahinterstehenden Typen noch infrage zu stellen.“ Münchner Design-Titan Konstantin Grcic bezweifelt dagegen erstaunlicherweise selbst die Marktfähigkeit seines Hockers Missing Object (2004). Dem massiven Quader aus geöltem Eichenholz und Vertiefungen als Trageelement spricht Grcic jegliche Gefälligkeit ab: „Das Ding ist überhaupt nicht kommerziell, das würde niemand kaufen“, ist der Designer überzeugt. Es steht auch wirklich „Nicht verkäuflich“ auf der Ausstellungswerkliste.

Wer bisher immer gedacht hatte, dieser Kommentar würde bedeuten, dass der Künstler nicht verkaufen will, sei jetzt also eines besseren belehrt: Es heißt so, weil er es nicht verkaufen kann. Leuchten-Designer Axel Schmid kann verkaufen und dafür keine Kunst machen, noch nicht einmal beim Entwurf der Wandleuchte xyz, die als Prototyp eigens für „Design. Halt. Kunst“ entstand, wie er breit lächelnd erklärt: „Ich habe im Arbeitsprozess mit einer Künstlerin über meine Leuchte gesprochen, ihr erklärt, an welcher Problematik es gerade hängt. Sie meinte, ich bräuchte es nicht zu Ende zu führen und sollte allein die Idee und die Skizzen als Kunstwerk belassen. Aber das wäre für mich als Designer unbefriedigend gewesen. Damit habe ich mich selbst enttarnt: Auch wenn ich gerne künstlerisch gearbeitet hätte, bin ich doch wieder in die Arbeitsweise eines Gestalters abgerutscht.“ Seine Leuchte xyz, die Schattenwurf, Reflektion und Formgebung in sinnigem Buchstabenspiel vereint, hat schon ein Sammlerpaar gefunden. Die beiden haben vermutlich Stankowski gelesen.


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