Birgit S. Bauer
9. Januar 2009
Nüchternheit sei nicht, was wir brauchen, schrieb vor Kurzem der Chefredakteur einer britischen Kunstzeitschrift. Die Wirtschaftskrise sei der beste Zeitpunkt für „ehrgeizige Ideen und Visionen“. Das gilt auch für die angewandteren Zweige kreativer Gestaltung. 2009 ist also das Jahr des Krisendesigns, und das ist prinzipiell ein gutes Zeichen. Inhaltlich haben Krisen dem Design immer eher gut getan als Phasen der Dekadenz. Prognosen kann und will momentan keiner abgeben, dennoch sind die meisten Events des Jahres bereits ganz ohne Einschränkungen geplant – und bezahlt. Dabei scheint die Furcht vor dem Niedergang im bodenständigen Gestaltungshandwerk geringer ausgeprägt als im Luxusgütersektor. Auch wenn mancher auf Design-Objekte spezialisierte Galerist bei dieser Feststellung kaum seinen Ohren trauen mag. Magerere Zeiten erwartet aber auch das ganz klassische Auftragsdesign.
Dieses Design produziert eben nicht vordringlich Möbel und Objekte, mit denen sich vermögende Sammler edle Kleinauflagen in die Wohnlandschaft holen. Galeriegehandelte Objekte sind nur Derivate eines industriellen Wirtschaftszweiges, dessen ökonomisches und ästhetisches Fundament anderswo liegt. Man muss sich deshalb fragen, ob nicht an der bescheidenen Kölner Möbelmesse (19. bis 25. Januar) mehr über die Aussichten zeitgenössischer Gestalter in der Rezession ablesbar ist als an noblen Editionsmessen wie in Miami. Bis zur Mailänder Messe werden die Hersteller ihre Novitäten zwar meist in der Schublade lassen. Um aber zu sehen, was der träge, aber beständige deutsche Markt so tut, wäre Köln einen vergleichenden Besuch vielleicht wert. Die Leitlinien der Evolution sind hier sowieso eher erkennbar als an den illustren Kleinserien, die im Kunstumfeld angeboten werden. Und waren die Prouvés und Le Corbusiers nicht einmal auf Möbelmessen heimisch statt in den Prestigeschauräumen spezialisierter Händler und Museen? Auf zur Einrichtungsmesse also, in Zeiten des fortgesetzten Kursverfalls?
Design ist aber keineswegs ein Produkt für europäisch-amerikanische Inneneinrichter oder die Gewinner neuer Märkte im asiatischen Raum. Im Februar zeigt Afrika auf der Design Indaba Conference (25. bis 27. Februar, Kapstadt) wachsendes Selbstbewusstsein. Marcel Wanders, Bruce Mau, Li Edelkoort, Adams Morioka, Javier Mariscal und viele andere Sprecher sind schon angekündigt. Hier präsentiert sich Design in einem jungen, lebendigen Umfeld, in denen die Ideen und Statements von Designern auch einen Beitrag zur Entwicklung des Kontinents leisten können. An die Tagung angeschlossen sind Workshops und ein Architekturprojekt, das billige, aus traditionellen Handwerken schöpfende Methoden zur Modernisierung von Slums zum Thema hat. Hier zeigt sich, dass Design und Design-Denken tatsächlich Methoden sind und nicht nur ästhetische Fingerübungen. Auf der dazugehörigen Design-Expo zeigen afrikanische Designer und Hersteller ihre Produkte. Design heißt in Afrika praktische Lebenshilfe und zum großen Teil handwerkliche Herstellung. Steht Design an diesem Ort den ortsspezifischen Interventionen einer sozial engagierten und architekturbewussten Kunst vielleicht näher als das Ornament-Chi-Chi manches künstlich auratisierten Design-Objekts, das sich nach der luxuriösen Kunstsphäre streckt?
Im April jedenfalls beginnt das traditionelle Jahreshighlight der Designszene, und es findet in Norditalien statt, nicht an den Stränden Floridas. Der Salone Internazionale del Mobile in Mailand (22. bis 27. April) erwartet, glaubt man den Prognosen des Messe-Chefs Carlo Guglielmi, weiterhin steigende Besucher- und Handelszahlen. Vor allem im Bereich Licht und Bäder gibt es noch Wachstumspotential. Wird der Markt sich – auch stilistisch – auf die finanzstarken russischen und fernöstlichen Käufer konzentrieren, oder werden wir noch mehr „poor Design“ wie von den Campana-Brüdern sehen? In Mailand spielen gelungene Inszenierungen im Rahmenprogramm der Zona Tortona auch eine große Rolle – aber hauptsächlich wird dort Design immer noch in Form von Möbeln verkauft. Luxus und Prunk wird es sicher weniger geben, die großen Marken werden den Markt konsolidieren und weniger experimentell und verspielt auftreten. Es wird spannend, welche Akzente ein stärker auf die eigenen Tugenden besonnenes Design zeigen wird.
Die Automobilmesse IAA (17. bis 27. September) und die großen Konsumgütermessen (Ambiente, 13. bis 17. Februar und Tendence, 03. bis 07. Juli, alle in Frankfurt a. M.) werden das Bild des Jahres 2009 vervollständigen. Im Sommer (8. bis 13. Juni) werden die Design Miami/Basel und später im Dezember (1. bis 5. Dezember) die Design Miami zeigen, welche Galerien und Designer von der Kunstblase übrig geblieben sind und ob sich schon Prognosen für 2010 abzeichnen. Mancher Sammler täte aber gut daran, sich in diesem Umfeld daran zu erinnern, dass die Kunstprodukte der Gestalter Ableger ernsthafterer Produktentwicklungen sind. Ließe sich vielleicht besser und billiger sammeln, wenn man sich für einen Moment von der fixen Idee befreite, sich Gestaltungsideen wie Kunst aneignen zu müssen – Aura und Hochpreise als Nebenleistung inbegriffen?
Was sagen eigentlich die Designer selbst? Innerhalb der Produkt-Design-Community wird die Krisenhaftigkeit des Marktes immerhin schon länger wahrgenommen: Für das erste Quartal haben die meisten Designer noch genügend Aufträge, manche sogar noch bis Mitte des Jahres. Die wichtigen Hersteller halten sich schon seit einiger Zeit mit der Auftragsvergabe bedeckt. Neue Entwicklungen müssen also vorerst warten. Das Tempo verringert sich. Dennoch gibt es Business as usual: BMW bringt schon im Januar auf der Detroit Motor Show den neuen Roadster Z4 mit zweigeteiltem Alu-Klappdach auf den Markt. Vom Start weg gibt es drei Motorversionen, was gegen den bevorstehenden Weltuntergang spricht. Außerdem gibt es noch immer Design für alle, wie auf der Tokyo Design Week angekündigt: James Irvine überarbeitet Bugholz Classics von Thonet für MUJI. Die Fertigung für den weltweiten Roll-out wird in Good Old Germany, im nordhessischen Frankenberg, stattfinden.
Ganz und gar nicht für alle, sondern ganz besonders wollen aber trotz allem die neuen Editionsmarken einiger Hersteller sein. Die künstliche Verknappung geht weiter: Sawaya & Moroni, Established & Sons und Meta erweitern ihre Programme auch dieses Jahr wieder. Vor allem Metas Armoire, gestaltet von Tord Boontjes, schwelgt in den Superlativen von Material, Fertigung und Preis. Obwohl die gesamte Kollektion bemerkenswerte Objekte enthält, sind diese nicht unbedingt Ausdruck zeitgenössischer Design-Befindlichkeit. Mutterhaus Mallett soll laut Financial Times bisher über 1 Mio. Pfund in das Meta-Projekt investiert haben. Für Malletts Aktionäre soll es in etwa drei bis vier Jahren Gewinne abwerfen. Genügend Zeit also, eine Krise auszusitzen. Handwerk hat schließlich goldenen Boden: Die Kollektion soll mit einigen Add-Ons mittlerweile sehr erfolgreich sein. Neue Objekte werden zur Mailänder Möbelmesse erwartet.
Über die Bedeutung der Spaltung des Design-Markts in „Kunst-“ und „Gebrauchs-“Design sind sich hingegen selbst die Kritiker nicht ganz so sicher. Wechselwirkungen mit dem Gebrauchs-Design gibt es allerdings leider immer weniger, stilistisch sind die wenigsten Objekte richtungsweisend. Dem Design fehlt hier im Vergleich zu anderen Disziplinen bislang noch die tragfähige theoretische Reflexion. Die Diskussion um die Einordnung und Entwicklung von „Kunst-Design“ wird zurzeit noch geführt. Zur Klärung tragen Debatten, wie beispielsweise mit Droog Design in Rotterdam auf der Object Rotterdam, dem Design-Ableger der ART Rotterdam (4. bis 8. Februar), bei.
Das Thema Handarbeit und Arbeit wird die Designer 2009 inspirieren: Ob in edelstem Material wie bei Meta oder im heimwerkelnden Klein-Kunsthandwerk oder in der Koch-Inszenierung der niederländischen Designerin Marije Vogelzang: Das performative Potential von Gestaltungsarbeit und Herstellung wird neu entdeckt. Postindustrielle Arbeit ist eine der kommenden Design-Antworten auf die Finanzkrise: Dank Internet kann jeder seine Kleinserien direkt an den Mann oder die Frau bringen. Vor allem Manufaktur und Handwerkliches beeinflusst das aktuelle Design und wird auch weiter interessant bleiben. Vielleicht, so die leise Hoffnung, betrachtet eine solche Rückbesinnung auf grundlegendere Debatten auch den interdisziplinären Austausch zwischen den Bereichen Design und Kunst, zwischen denen die Grenzen ja nie zementiert gewesen sind. Wie rät ein erfahrener Designer seinen Kollegen in schlechten Zeiten? „…And don't forget that recessions are a great time for the kind of research and development. You now have time for lunch. (Somewhere cheap, of course.)“ Dieser Ratschlag gilt für alle. Für Designer, Künstler und den aufgeregten Diskurs um Design und Kunst.