„Der Westen leuchtet“ im Kunstmuseum Bonn

Zu stark gedimmt

Georg Imdahl
1. September 2010

„Der Westen leuchtet“ – Kunstmuseum Bonn. Vom 10. Juli bis 24. Oktober 2010

Kurvenreich windet sich der Rhein, und alle Romantik, die ihm seit jeher bescheinigt wird, bestätigt sich auf dieser Fotografie: Morgenröte legt sich auf den Fluss, als glühe ewige Leidenschaft. Diese pittoreske Überschaulandschaft findet sich allerdings nicht auf dem Cover einer Tourismusbroschüre, sondern der Homepage des Galeriewochenendes DC Open. Und als hätte sich auch das Kunstmuseum Bonn die neue Rheinromantik auf die Fahnen geschrieben, behauptet es „Der Westen leuchtet“. Und auch hier, bei dieser umfangreichen Gruppenschau, bleibt man unter sich. Die Schau ist Rheinland pur.

Stephan Berg, Intendant des Museums, hatte schon im Documenta-Jahr 2007 den nationalen Überblick „Made in Germany“ mitverantwortet und damit in Hannover bewiesen, wie sich junge Kunst musealisieren lässt: Mochte es dieser Ausstellung auch an Drive gemangelt haben, so erdete sie doch sinnvoll die junge Kunst aus Deutschland und relativierte den grassierenden Hype darum. Historisches Bewusstsein will Berg in Bonn jetzt mit der Entscheidung schärfen, nicht nur dem rheinischen Nachwuchs die Bühne zu bereiten, sondern auch den altvorderen Künstlern, die in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren die Szene betraten. Ob all diese gestandenen Künstler, die ständig und überall mit monografischen Ausstellungen bedacht werden, in Bonn wirklich Berücksichtigung finden mussten, wäre zu diskutieren. Regelrecht riskant aber mutet es an, diesen auch noch die Auswahl der Jüngeren zu überlassen. Erprobt wird hier nämlich ein regional beschränktes Paten-Prinzip, und damit gibt das Kunstmuseum die wichtigsten Weichenstellungen aus der Hand. Da hätte man entschieden lieber die Präferenzen der Institution kennengelernt, die ihre Kompetenzen ohne Not in zahlreiche unterschiedliche Hände gelegt hat. Mit ebenso unterschiedlichem Erfolg.

Einige Künstler fühlten sich nämlich gar nicht zum Paten berufen und mochten keine Empfehlungen aussprechen, wie Gerhard Richter, Ulrich Rückriem oder Imi Knoebel. Diese bilden jetzt, gemeinsam mit Joseph Beuys, Blinky Palermo und dem unlängst verstorbenen Sigmar Polke, einen „historischen Kern“, der überraschenderweise durch einige wenig bekannte Arbeiten reizvoll wird. Hierzu zählt ein Film Richters aus den 1960er-Jahren: Die verschwommenen Impressionen und schemenhaften Figuren, die sich darauf erkennen lassen, sind eine Fortsetzung von Richters Malerei mit den Mitteln des Films. Da, wo die Aufgabenstellung des Museums angenommen wurde, verpuffen bisweilen die Wahlverwandtschaften – dann etwa, wenn Andreas Gursky, Thomas Schütte oder Timm Ulrichs mit Bernd Kastner, Erinna König, Ursula Neugebauer kaum jüngere Künstler als sie selbst ins Spiel bringen, um diesen zu einem angemessenen Auftritt zu verhelfen. Dies mag aus Sicht der Paten und im Sinne der Solidarität aller Ehren wert sein, der Ausstellung und ihrem Versuch einer aktuellen Standortbestimmung hilft es nicht. Gursky hat seine neue Serie „Ocean“ übrigens in angemessener Reihen- und Rangfolge zuerst (und in größerem Umfang) in seiner Berliner Galerie präsentiert, bevor das Rheinland sie nun bestaunen darf. Und warum Hilla Becher als einzige Teilnehmerin zwei Künstler ins Spiel bringen durfte, bleibt ein Geheimnis; auch hier wäre eine kuratorische Intervention fällig gewesen, welche man sich – vielleicht aus falschem Respekt vor dem Alter – versagt hat.

Es gibt aber auch Beispiele einer treffsicheren Künstlerauslese, wie bei Rosemarie Trockel, deren Wahl auf ihren ehemaligen Studenten Michail Pirgelis (Jahrgang 1976) fiel. Pirgelis war schon beim letzten Kölner Kunstmarkt mit seinen Skulpturen aufgefallen: Aus Flugzeugteilen wie Einbauküche oder Gepäckfächern schneidet der Kölner Bildhauer autonome, vertikale Objekte, mit denen er souverän den Raum bestückt. Isa Genzken, die langjährige Wahlberlinerin, noch immer als Rheinländerin aufzubieten, kann nur von einem Mangel heimischer Kräfte herrühren. Dennoch: Ihre Bild-Assemblagen sind nach wie vor sehenswert und sie liefert mit Simon Denny ebenfalls ein Beispiel für eine vielversprechende Wahl – Dennys Flachbildschirme mit aufgeklebten Fotos von fiktiven Prominentenheimen in Skandinavien und im Rheinland (mit „Bewohnern“ wie Christoph Daum, Guido Westerwelle und Harald Schmidt) bestechen formal als Arrangement. TV mal ganz anders, nämlich mit statischen Bildern. Einen kraftvollen Auftritt hat Christian Keinstar, „Patenkind“ von Jürgen Klauke, mit schweren Skulpturen aus rohen Betonfragmenten, deren Moniereisen er zum Glühen bringt und gleichsam unter Strom setzt.

Bemerkenswerterweise stammt die junge Kunst hier nicht notwendig von den jungen Künstlern. Eine taufrisch anmutende, großartige Arbeit steuert Marcel Odenbach in Gestalt eines 15 Meter langen und anderthalb Meter hohen Palmenfrieses bei, dessen Blätter sich, näher betrachtet, als Fotocollage aus Bildern von Schicksalen auf dem afrikanischen Kontinent erweisen (Durchblicke, 2007). Albert Oehlen hat, inspiriert durch die Action-Painting-Schau in der Fondation Beyeler, vor einiger Zeit das Informel für sich entdeckt und malt Gefällig-Gestisches – sein Patenkünstler ist der 1975 geborene Maler Thomas Arnolds, auch er einer der wenigen Jungkünstler seiner Gattung in Bonn. Primärfarbenfroh und in strengen Kompositionen malt Arnolds Schrank und Küche, um noch einmal Neo-Geo und De-Stijl zum Leben zu erwecken, was einen zweiten Blick sicherlich lohnt.

Insgesamt aber fällt der luminöse Westen blass aus, übermäßig behäbig und viel zu museal. Ein ganzer Raum für jeden einzelnen Künstler – da fehlt es an Reibung und Konfrontation. Kräfte werden domestiziert, zumal die skulpturlastige Auslese ohnehin sehr klassisch ausfällt. Man würde gern mehr Druckwellen zu spüren bekommen, die es doch nach wie vor gibt. Zu viele gute junge und jüngere Künstler, denen das Rheinland seine Energien auch heute noch verdankt, kommen in Bonn einfach nicht vor. Da müssen dann doch wieder Köln und Düsseldorf ran. Denn diese verpasste Chance könnten nun die rheinischen Galerien mit ihrem Projekt DC Open nutzen.


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