Der künstlerische Beirat der Temporären Kunsthalle tritt zurück

Auf Grund gelaufen

Gerrit Gohlke
27. Juni 2009

Nun schlagen die Wellen turmhoch über der gestrandeten Temporären Kunsthalle Berlin zusammen. Nachdem der Stifter und Mäzen des Projekts, Dieter Rosenkranz, in mehreren Zeitungsinterviews Populismus gepredigt hatte und dabei auf Distanz zum bisherigen kuratorischen Programm gegangen war, zieht nun der künstlerische Beirat unerwartet dramatische Konsequenzen. Katja Blomberg vom Berliner Haus am Waldsee, Julian Heynen vom K21 Düsseldorf, Dirk Luckow, Leiter der Kunsthalle zu Kiel und designierter Intendant der Deichtorhallen Hamburg, sowie Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, treten mit sofortiger Wirkung zurück.

„Der Beirat gibt seiner Enttäuschung darüber Ausdruck,“ heißt es in einer Presseerklärung, „dass die ursprüngliche Idee, mit einer Temporären Kunsthalle an einem zentralen Ort eine offene Plattform für die hochkarätige, internationale Berliner Kunstszene und ein künstlerischer Katalysator für eine zukünftige permanente Kunsthallenlösung für Berlin zu sein, von den Verantwortlichen nicht konsequent umgesetzt wurde.“ Das Anliegen des Beirates sei es im ersten Jahr gewesen, durch die Präsentation wichtiger Künstlerpositionen „das hohe Niveau der Kulturmetropole Berlin zu spiegeln“. Durch von jungen Kuratoren verantwortete Themen- und Gruppenschauen habe man später auch „einer jungen Generation Berliner Künstlerinnen und Künstler eine geeignete Bühne“ bieten wollen. Im Tonfall diplomatischer Missbilligung heißt es, der Beirat hoffe, „dass in einer neuen Konstellation die ursprünglichen Ziele nicht aus den Augen verloren werden.“

Gerald Matt erklärt, was übrig bleibt: „Eine tolle Idee, eine fantastische Architektur (von Adolf Krischanitz), das großartige künstlerische Signet von Gerwald Rockenschaub und, was am wichtigsten ist, die fortdauernde Diskussion um die Notwendigkeit einer Kunsthalle in Berlin.“ Mit anderen Worten: Es bleibt ein Hülle, eine Fassade und das Chaos einer nicht mit, sondern gegen die Temporäre Kunsthalle geführten öffentlichen Diskussion. Der Beirat distanziert sich damit von Dieter Rosenkranz, der die bisherige Ausstellungstätigkeit als Programm für Eingeweihte attackiert und „für jedermann verständliche“ Kunst gefordert hatte.

Die Stellungnahme aus der Temporären Kunsthalle Berlin klingt dagegen sibyllinisch. Um eine Reaktion gebeten, war dort am Freitagabend einzig der scheidende künstlerische Geschäftsführer, Thomas W. Eller, zu erreichen. Der erklärt knapp sein Bedauern darüber, „dass nun auch der künstlerische Beirat, mit dem ich stets vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, der Temporären Kunsthalle nicht mehr mit Rat und Tat zur Seite stehen werde.“ Als diplomatisches Aperçu dieser Aussage mag man das Auch interpretieren, das in ihr enthalten ist. Es bleibt nämlich so recht niemand mehr übrig auf dem sinkenden Schiff. Am Dienstag wird Eller endgültig die Brücke verlassen. Dem Vernehmen nach soll in der kommenden Woche auch der Aufsichtsrat der gemeinnützigen Cube Kunsthalle Berlin GmbH seine Ämter niederlegen. Hierfür war bislang keine Bestätigung am Schlossplatz zu erhalten. Eller verweigerte eine Stellungnahme zu dem Gerücht. Es scheint aber einsam um den populistischen Stifter und seine Notbesatzung zu werden. Es wird wohl Zeit, Rettungskommandos für die sinkende Halle vorzubereiten. Unklar ist, woher die Hilfe für ein Unternehmen kommen könnte, das erst seine Vision und dann seine Ratgeber verloren hat.


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