6. Juni 2007
Treffpunkt Kassel, Kulturbahnhof, Gleis 1. Der 1965 in Mae Hong Son (Nordost-Thailand) geborene Künstler
Sakarin Krue-On trägt Schieberkappe, Sweatshirt und Jeans. Die fünf Wochen in Kassel scheinen ihn nicht groß verändert zu haben. Er wirkt genau wie bei unserem letzten Treffen in Bangkok vor einem Dreivierteljahr: ruhig, freundlich und aufmerksam. „Should we have dinner before we start the interview?“, fragt er mich. Also sitzen wir mit seinem Team, dem IT-Spezialisten
Noraset Vaisayakul, dem Techniker
Suwicha Dussadeewanich, dem Maler
Pha-Jin Chankeaw und
Chamrus Ta-On, dem Experten für den Reisanbau, um einen Tisch und bestellen Gnocchi. Sobald das Essen da ist, reißen alle ihre Augen auf. Pha-Jin Chankeaw zückt ein Blatt Papier und zeichnet das fremde Arrangement in Tusche. Als er dann kostet, schauen alle verzückt, wie er den kleinen Kloß aus Kartoffeln und Mehl in seinem Mund nach rechts und links bewegt. Schließlich ein befreiendes Lachen, in das alle einstimmen. Jede Geste, jede Handlung ist Teil eines größeren Ganzen, an dem der Einzelne – und sei es auch nur beobachtend – teilnimmt.
Teilnahme und Gemeinschaft in ihrer verbindenden wie bindenden Funktion sind nicht nur für die thailändische Kultur charakteristisch, sondern auch für die künstlerische Praxis von Sakarin. Seine Kunst entsteht nicht nur im Team, sondern bezieht auch das Publikum aktiv mit ein. Sakarin will bewegen. Er geht der Frage nach, „how to make something happen“, wie er während des Essens mit verschmitztem Lächeln erläutert. 1999 initiierte er die Aktion Lotus Pod, bei der Passanten drei Skulpturen auf einer sonst der staatlichen Repräsentation vorbehaltenen Prachtstraße mitten in Bangkok umherrollen durften. Bei diesem Ereignis ging es ihm, wie er mit großem Ernst betont, um nichts weniger als „to make people move their own history by themselves”. Eine für die thailändische Kultur ungewöhnliche Intention – setzt sie doch voraus, dass das Individuum überhaupt die Möglichkeit hat, sich Geschichte anzueignen und die Gesellschaft mitzugestalten.
Sakarins Kunst steht für den Versuch, thailändische Tradition in zeitgenössische Kunst zu überführen. Ihn interessiert es, politische und spirituelle Gesten seines Landes an ästhetische Ereignisse anzubinden. In seinen Installationen, Wandgemälden, Videos und Objekten greift er zunächst traditionelle Techniken und mythologische Erzählungen auf. Dabei gilt das ironisch-kritische Potential seiner Arbeiten vor allem den kapitalistischen Einflüssen und dem Konsumwahn im Spiegel der ursprünglich buddhistisch geprägten Gesellschaft Thailands. Kann Sakarin daher als ein spiritueller Aufklärer bezeichnet werden?
Dem europäischen Publikum wurde er durch seine Arbeiten für die 50. Biennale in Venedig 2003 mit dem Titel Träume und Konflikte. Die Diktatur des Betrachters bekannt. Die Biennale war die erste, an der Thailand überhaupt mit einem eigenen Länderpavillon teilnahm. Der Kurator, Apinan Poshyananda, lud dazu sieben Künstler ein, darunter Kamol Phaosavasdi und Sakarin Krue-On. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich als Exporteure von Thai-Exotica ausgeben. Doch hinter dieser geschickt inszenierten Fassade setzen sie sich mit den sozialen und kulturellen Widersprüchen ihres Landes auseinander: der Beschwörung buddhistischer Traditionen auf der einen und der Flucht nach vorn in den Turbokapitalismus auf der anderen Seite. Beides sind Tendenzen, die das heutige Thailand nachhaltig prägen.
Sakarins erste Einzelausstellung fand 2000 in Bangkok an einem populären Ort zum Trinken und Lesen statt, dem „About Café & Studio“. Kein ungewöhnlicher Ort, um Kunst in einem Land an die Öffentlichkeit zu bringen, in dem Medienberichterstattung stark reglementiert und zensiert ist. Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst sind im Land des Lächelns nicht nur aus ökonomischen Gründen bevorzugt in Shopping Malls und Universitäten zu finden. Für die Ausstellung in Bangkok entstand in thailändischer Kreidetechnik das Wandgemälde Temple, auf das auch Roger M. Buergel und Ruth Noack bei ihrer Recherchetour in Südostasien im Mai 2006 aufmerksam wurden. Genau daran schließt seine für die documenta 12 produzierte Wandmalerei Nang Fa im Treppenhaus der Neuen Galerie in Kassel an. „Nang Fa” bedeutet „Engel” und steht für ein Wunder. Für ihn sei die Göttin Nang Fa ein Symbol der Hoffnung, fügt der Künstler erklärend hinzu.
Was kann eine in der buddhistischen Tradition stehende Arbeit wie diese freisetzen? Unabhängig von einer religiösen Lesart erzeugt die sich über drei Stockwerke erstreckende Darstellung in der Fantasie Maßstabsverzerrungen und Freiräume, die für Sakarins poetische Bildproduktion konstitutiv sind. Die Wandmalerei ist nicht permanent, da sie aus weißer pudriger Kreide, der so genannten „Din So Pong”, hergestellt ist. Es entstehen Bewegungen und Verzeitlichungen, in denen wir unser zirkulierendes Begehren und unsere eigene Wahrnehmung erkennen können.
Sakarins Wunsch, Ästhetik mit Ethik zu verbinden – die „Herausstellung einer Ethik des Miteinanders“, wie Roger M. Buergel sagen würde – wird besonders deutlich in seiner zehnstufigen Terrassenanlage unterhalb des Schlosses Wilhelmshöhe. Sein Vorschlag, ein Reisfeld im Bergpark anzulegen, ist politisch motiviert. Er beruht auf der Einsicht, dass der grassierende Kapitalismus auch in Thailand bald zu einem Rückgang der Vielfalt der Reissorten und zum Zusammenbruch der Nachbarschaftshilfe bei der Reisernte führen wird. Sein Interesse gilt dem Clash der Kulturen: Asien trifft auf Europa. Das Zusammentreffen des Heterogenen erzeugt dabei einen Bedeutungsüberschuss. Selbst die Straße zwischen Schloss und Reisfeld erscheint in diesem Zusammenhang als wohl kalkulierter Schnitt, als etwas Trennendes und zugleich Verbindendes, das Synergien freisetzt.
Sakarins Reisfeld ist von Anfang an das Initial einer Ereigniskette, in der Verzeitlichung, Entmaterialisierung und Vernetzung einander bedingende Momente ein und desselben Prozesses sind. So bekamen er und sein Team beim Anlegen der Terrassen bereits lokale Kartoffeln von Passanten angeboten. Der Gedanke von
Jean-Luc Nancy, dass das Sein immer ein „Mitsein“ sei, das unterschiedliche Singularitäten verbinde, wird in diesem Projekt Wirklichkeit.