Der documenta-Künstler Artur Zmijewski

Die Welt ist kein sicherer Ort

Belinda Grace Gardner
8. März 2007
Als „Künstler Z“ gehörte Artur Żmijewski neben „Künstler A“ (dem spanischen Koch Ferran Adrià) zu den wenigen Positionen, die bei der ersten programmatischen Pressekonferenz zur documenta 12 im Januar 2006 in Kassel bekannt gegeben wurden. Der 1966 geborene und in Warschau lebende polnische Künstler ist Autor zahlreicher semi-dokumentarischer Filmarbeiten, die oft um Fragen gesellschaftlicher Konditionierung und tradierter Verhaltensnormen kreisen und bereits international ausgestellt wurden. Auf der Pressekonferenz waren die Journalisten mit der ultra-schrägen Klangaufnahme aus Żmijewskis Film Gesangsstunde II von 2003 konfrontiert, der den zweiten Teil eines Projekts mit einem Chor gehörloser Jugendlicher darstellt, die in diesem Fall Bachkantaten zur Aufführung brachten. Ein bisher buchstäblich unerhörtes Erlebnis, das Konsternation und eine Fülle widersprüchlicher Emotionen auslöste.

Żmijewski befasst sich mit den Energiefeldern, die sich zwischen gesellschaftlichen Regel- und Ausnahmezuständen eröffnen. Für ihn repräsentieren die Gehörlosen, die Bachs Kantaten in eine andere, fremde Dimension überführen, eine „unumstößliche Andersartigkeit“. Dies entspricht der von dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett beschriebenen Produktivkraft individueller „Otherness“, die es anzuerkennen statt auszugrenzen gilt. „Es geht darum, die Tatsache, dass sie anders sind, wirklich zu akzeptieren“, sagte Żmijewski über den Chor der Gehörlosen in einem Gespräch 2005 in der Warschauer Tageszeitung Gazeta Wyboreza. Das Projekt Gesangsstunde, das neben dem Film Fangen von 1999 und einer noch im Werden befindlichen Arbeit im Rahmen der documenta 12 gezeigt wird, ist charakteristisch für Żmijewskis wiederholte Fokussierung verschiedener Ausprägungen dieses Andersseins. Und es passt, wie Żmijewskis gesamtes Werk, paradigmatisch zu dem thematischen Stichwort „Das bloße Leben“ – einem der drei „Leitmotive“ der documenta 12.

Żmijewski, der ursprünglich von der Skulptur her kommt und an der Warschauer Kunstakademie neben Kommilitonen wie Katarzyna Kozyra und Paweł Althamer als Schüler von Grzegorz Kowalski studierte, befasste sich nach seiner Hinwendung zum Medium Film immer wieder mit behinderten oder anderweitig „versehrten“ Menschen; oft bis zur Schmerzgrenze seiner Rezipienten und weit darüber hinaus. In Auge um Auge (1998) beispielsweise übernimmt ein Mann mit „intakten“ Gliedmaßen die Funktion eines „Ersatzteillagers“ für seinen einbeinigen Gegenpart in einer Reihe von absurd wirkenden Handlungsabläufen. Spazieren gehen (2001) wiederum kreist um einen gelähmten Mann, der sich auch mit Hilfestellung nicht aus eigener Kraft fortbewegen kann.

Der Film Karolina (2002) dokumentiert acht betroffen machende Minuten aus dem Leben der 18-jährigen, letal kranken Karolina, deren gesamtes Knochengerüst brüchig ist und die zur Linderung ihrer Pein starke Dosen Morphium einnimmt. Diese filmische Momentaufnahme, die wie viele Arbeiten des Künstlers an Tabus rührt und eine fast unerträgliche Ausweglosigkeit vermittelt, zielt weniger darauf, das tragische Schicksal einer Sterbenden vorzuführen. Vielmehr sucht Żmijewski der jungen Frau, die sich freiwillig auf ein Zeitungsinserat hin für die Dokumentation gemeldet hat, ein Stück Selbstbestimmtheit durch ihr Agieren vor der Kamera zu ermöglichen. Dennoch bleibt Karolina eine für das Publikum schwierige, „unerlöste“ Darstellung, ganz im Sinne Żmijewskis, der im genannten Zeitungsgespräch zu bedenken gibt: „Die Welt ist kein sicherer Ort.“

Auf dem schmalen Grat zwischen Selbst- und Fremdbestimmung bewegt sich auch der Film 80064 (2004); eine von mehreren Arbeiten, in denen sich Żmijewski im Anschluss an einen Israel-Aufenthalt 2003 mit historisch-politischen Inhalten beschäftigt hat. In besagtem Film lässt sich ein einstiger Gefangener des Konzentrationslagers Auschwitz von dem Künstler überreden, sich seine Gefangenennummer neu eintätowieren zu lassen. Die bizarre Situation, die Żmijewski hier in Szene setzt und von der man nicht sicher weiß, ob sie dem tatsächlichen Wunsch des Protagonisten entspricht, lässt sich – positiv gewendet – als ein Befreiungsakt deuten: Durch Inbesitznahme der Nummer, die ihm durch die Nazis aufgezwungen wurde, wird das ehemalige Opfer zum Handelnden.

Strategien der Wiederholung oder des „Reenactment“, die kathartischen Effekt haben können, kommen in den jüngeren Arbeiten Żmijewskis zum Tragen. Żmijewski selbst behauptet, eine Kunst zu favorisieren, die „keine Kunst ist“ und weitgehend mit per Anzeige akquirierten Darstellerinnen und Darstellern aus dem realen Leben arbeitet. In größerem Stil stellte er in Repitition das so genannte „Stanford Prison Experiment“ nach, das der amerikanische Psychologe Philip Żimbardo 1971 ausführte. In dem Forschungsprojekt der Universität Stanford wurde untersucht, wie sich Menschen, die zuvor die Rollen von Inhaftierten und Wärtern übernommen haben, unter Gefängnis-Bedingungen verhalten.

Während das Original-Experiment Anfang der 1970er Jahre eskalierte, greifen in Żmijewskis Replik subversive Energien, die die früheren Resultate gesellschaftlicher Konditionierung im Zeitsprung der dazwischen liegenden Dekaden außer Kraft setzen. Mit der Filmaufzeichnung des wiederholten Experiments war der Künstler 2005 bei der Venedig-Biennale im polnischen Pavillon vertreten. Zeitgleich präsentierte Adam Szymczyk, der Żmijewski im Zuge seiner Mitarbeit im Center of Contemporary Art und in der Foksal Gallery Foundation in Warschau frühzeitig entdeckte, in der Kunsthalle Basel das verwendete Filmset: eine Gefängniskonstruktion, in die das Publikum durch Einweg-Spiegel hineinschauen konnte, wobei der dazugehörige Film im benachbarten Kino lief.

Eine zunächst sehr düstere Variante der Wiederholung bringt der erwähnte Kurzfilm Fangen zur Anschauung, der bei der documenta 12 zu sehen sein wird. In einem Keller – eine ehemalige Gaskammer der Nazis, wo sich die Spuren des tödlichen Gases in die Wände geätzt haben – spielt eine Gruppe von unbekleideten Frauen und Männern verschiedenen Alters Fangen. Das Spiel, das etwas beklommen beginnt, erhält im Verlauf des Films eine Eigendynamik, die zwischen Aggressivität, Zurückhaltung und Ausgelassenheit changiert. Die Umdeutung des Orts im Zuge der Aneignung generiert auch hier wieder ein kathartisches Moment. Und doch gehen, wie bei allen Arbeiten von Artur Żmijewski, die Handlung und die Bilder nicht eindeutig auf, bleibt die Realität des vor dem Spiel liegenden Schreckens bestehen und wird in ihrer Nachhaltigkeit womöglich umso akuter greifbar.


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