Der Deutsche Pavillon auf der 11. Architekturbiennale in Venedig

Trennt Müll, spart Strom!

Peter Lähn
23. September 2008
„Updating Germany. Projekte für eine bessere Zukunft“ im Deutschen Pavillon auf der 11. Architekturbiennale Venedig, Giardini. Vom 14. September bis 23. November 2008

Venedig, 12. September, gegen 16 Uhr auf dem Weg zu den Giardini: Pünktlich zur Eröffnungsveranstaltung des Deutschen Pavillons endet der venezianische Sommer. Eine mächtige schwarze Wolkenfront treibt die Besucher an einer knallgelben Gaspipeline vorbei direkt auf den in gleißendes Licht getauchten Pfeilerportikus des Deutschen Pavillons zu. Gebäude seien das Grab der Architektur, findet Aaron Betsky, der Architekturkritiker und derzeitige Chefkurator der Biennale. Andererseits scheinen die Biennale-Gäste froh zu sein, vor dem beginnenden Platzregen Unterschlupf gefunden zu haben. Dementsprechend eng geht es zu, zumal die Generalkommissare Friedrich von Borries und Matthias Böttger über 20 Projekte vorstellen, die ihrerseits nur herausragende Exempel aus 100 Projekten sind, die sich für eine bessere Zukunft engagieren.

„Updating Germany“ nennen Borries und Böttger diese Kuratorenleistung. Von der Computersprache auf den architektonischen Diskurs übertragen, zeigen sie in den Projekten unterschiedliche Aktualisierungsstrategien. So belasse die „Erhaltungsstrategie“ ein System im Status quo, Symptome würden oberflächlich behandelt, gingen den Problematiken aber nicht auf den Grund. Andererseits entstünden aus dieser Haltung oft erste sinnvolle Schritte. Die „Vermeidungsstrategie“ hingegen versuche, durch technische Innovationen Probleme zu lösen. Ein Beispiel ist die Energiesparpolitik mit ihren Verzichtleistungen und Einsparungen. Dass diese Strategie politisch schwierig umzusetzen ist, liegt auf der Hand. Obendrein könnte man sie für fatalistisch halten, denn sie behandelt ökologische, ökonomische oder soziale Transformationen – seien es nun Klimawandel, Ressourcenverknappung oder Ökomigration – als gegebene Phänomene, auf die nur noch zu reagieren sei. Das sind Patches, um in der Sprache der Informatiker zu bleiben, keine Updates. In der Software werden Löcher geflickt, für eine neue Programmversion ist dagegen die Zeit noch nicht reif. Ein Update wäre die schrittweise Weiterentwicklung, die sinnvolle Verbesserung, die nötige Korrektur, die innovative Neuerung, aber auch – die Kunden eines amerikanischen Software-Giganten wissen es – neue Fehler.

Es geht also nicht einfach um Architektur, sondern um einen erweiterten Architekturbegriff. Ernst Blochs Bemerkung aus Das Prinzip Hoffnung, dass gemalte Architektur nicht einstürze, lässt sich auf die Konzepte und Ideen der ausgestellten Projekte übertragen. Mit dem von Marcel Duchamp und Alexander Calder in die Moderne Kunst eingebrachten Prinzip des Mobiles finden die Kuratoren dabei ein adäquates Ausdrucksmittel. Fünf Mobiles sind in der Haupthalle des Deutschen Pavillons aufgehängt. Jedes steht als fragiles Fragezeichen für einen Themenschwerpunkt, der als ordnender Anker dient. In dem Themenmobile „Econic Architecture: Form follows Green?“ tänzeln zum Beispiel Tafeln über Aufbauprojekte in New Orleans (The Pink Projekt, Graft Architekten) und Burkina Faso (Schulbausteine für Gando, Diébédo Francis Kéré) um ein Projekt, das fotokatalytische Modulsysteme für umweltverschmutzte Stadträume entwickelt (Prosolve 370E, Projekt von Allison Dring und Daniel Schwaag alias Elegant Embellishments). Daneben liegt dann ein 700 Kilo schwerer Betonbrocken, der aus einem ehemaligen Flakbunker in Wilhelmsburg herausgebrochen wurde. Im Rahmen der IBA Hamburg wird das Wehrmonstrum der Nazis zu Europas größter Solaranlage umgenutzt („Energiebunker“, Städtische Initative für erneuerbare Energien, IBA Hamburg).

Für die großen theatralischen Gesten bleibt dann aber doch die gute, alte Kunst verantwortlich. Den gleißenden Eingangsbereich etwa hat sich die Künstlerin Siegrun Appelt ausgedacht. Ihre 32 Scheinwerfer verbrauchen während der Ausstellungszeit mehr als 50.000 Kilowatt. Die Wärmeentwicklung der Lichtquellen ist körperlich spürbar und war manchem Gast nach dem Regen als Haartrockner willkommen. Gemeint ist diese Verschwendung aber als Aufruf zur Energieeinsparung. Nach einer Idee des Physikers Amory Lovins, der den Begriff „Negawatt“ als Einheit für den Verzicht auf Energieleistung erfand, ist der Energieverbrauch an ein symbolisches 64 kW Negawatt Kraftwerk gekoppelt. Die Leuchtleistung nämlich wird durch konkrete Energiespenden gefüttert. Die Stadt Berlin etwa beteiligt sich an diesem Projekt, indem die Beleuchtung am Brandenburger Tor an mehreren Tagen nach einer Choreografie der Künstlerin gedimmt wird. So soll Energiesparen künstlerischen Mehrwert erzeugen.

Offensichtlich anschaulich sind die Intentionen des Pavillons darüber hinaus nicht. Man muss die Ausstellung studieren, um sie nachvollziehen zu können. Es ist kein Thesenangebot, das dem Publikum gemacht wird; es wird kein Manifest illustriert, keine Revolution inszeniert. Eher handelt es sich um ein Kundschafterverhältnis, das die Kuratoren zu ihrem Gegenstand unterhalten, um das fragile Verhältnis von Architektur, Gestaltung und Natur neugierig und respektvoll zu erkunden. Peu à peu entsteht so eine Landkarte, aus der man einen ungefähren Eindruck gewinnt, wie die Verhältnisse künftig aussehen könnten. Diesem Gestus folgt auch die unmittelbare Umgebung des Deutschen Pavillons. Nur der estnische Beitrag Gaspipe liefert einen ironischen, ja, wütenden Kommentar. Vom Russischen zum Deutschen Pavillon zieht sich eine knallgelbe, 63 Meter lange und mit dem Durchmesser von 120 cm voluminöse Gaspipeline-Röhre wie ein Bandwurm durch das Gelände. Von Wladimir Putin zu Gerhard Schröder sozusagen manifestiert diese Röhre eine ungeliebte Form der Völkerverbindung durch landschaftliche Verwüstung und Okkupation.

Die Röhre schneidet auch den Japanischen Pavillon ab, der vom Deutschen Pavillon aus allerdings noch mühelos zu erreichen ist. In der Intention ähnlich, in der Ausformulierung aber vehement anders, artikuliert der Architekt Junja Ishigami in seinem Projekt Extreme Nature: Landscape of Ambiguous Spaces eine durch und durch poetische Sicht auf das Verhältnis von Architektur und Natur. Seine Fragestellung ist nämlich die, was passieren möge, wenn Architektur und Natur sich auf gleicher Augenhöhe begegnen. In diesem Konzept sind Pflanzen gleichberechtigt zu den architektonischen Strukturen. Weder naturalisiert die Natur die Architektur noch legt sich die Architektur in Form von Ideal-Landschaften auf die Natur. Gemeinsam mit dem Botaniker Hideaki Ohba hat er die Hügellandschaft rund um den Japanischen Pavillon mit Glaskästen gestaltet. Den Pavillon selbst hat Ishigami vollkommen entrümpelt. Auf die weißen Wänden hat er kaum sichtbare Bleistiftzeichnungen gesetzt, die die ebenfalls in Bleistift aufgetragenen Texte über das „high-rise house“, die „forrest city“ und die „mountain city“ zart illustrieren. Der Japanische Pavillon galt als der sichere Anwärter auf den Goldenen Löwen (den dann aber der Polnische Pavillon davontrug). Seine Kuratoren waren über das Interesse so überrascht, dass Ihnen gar das Dokumentationsmaterial ausging.

Der deutsche, estnische und japanische Beitrag bilden gewissermaßen eine Musterecke in den Giardini, die die grüne Konzeption des Chefkurators Aaron Betsky auf ihre Weise wiedergeben. „Out There. Architecture Beyond Building“ ist das Motto der Leitveranstaltung, die im Italienischen Pavillon und auf dem Ausstellungsgelände des Arsenale stattfinden. Die Architektur vor und hinter dem Gebauten berührt natürlich auch das Verhältnis zur Natur. In der entferntesten Ecke des Arsenalgeländes, hinter den Öllagern, öffnet sich deshalb auch programmatisch der von Kathryn Gustafson gestaltete Garten Towards Paradise Garden. Die dem Phänomen und dem Möglichkeitssinn der reinen Architektur gewidmete 11. Architekturbiennale betont den spielerischen Umgang mit Architektur, losgelöst von der lastenden und tragenden Schwere der gebauten Architektur. In diesem Konzept liegen Lösungsmöglichkeiten, Antworten auf drängende Fragen der Ökologie und Ökonomie. Ebenso wird aber deutlich – und vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis –, dass auch architektonische Utopien nur einen geringfügigen Beitrag zur Wirtlichkeit der Städte beizutragen vermögen. Deshalb fragt das hundertste Projekt für eine bessere Zukunft: „Und was nun?“ Die Antwort ist ein Appell: Echte Veränderung beginnt zu Hause.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der von Matthias Böttger und Friedrich von Borries herausgegeben wird: „Updating Germany. 100 Projekte für eine bessere Zukunft“, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, Berlin 2008, 292 Seiten, 35,- Euro. Des weiteren hat der Merve Verlag eine Begleitpublikation herausgegeben: „Bessere Zukunft? Auf der Suche nach den Räumen von Morgen“, Merve Verlag, Berlin 2008, 166 Seiten, 12,- Euro. Die Autoren Matthias Böttger, Friedrich von Borries und Florian Heilmeyer befragen unter anderem Aaron Betsky, Yona Friedman, Cem Özdemir, Peter Sloterdijk und Wolfgang Tiefensee zu den Schnittstellen Kunst, Architektur, Politik, Philosophie und Natur.

Das Ausstellungskonzept wird demnächst in Folgeausstellungen in Deutschland präsentiert: Im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt DAM vom 5. Dezember 2008 bis 22. Februar 2009 und im KAP Forum, Köln, vom 9. März bis 15. April 2009.


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