Der Bilderatlas im Wechsel der Künste und Medien

Vis-à-vis der Bilder

Michael Mayer
2. August 2006
Sabine Flach, Inge Münz-Koenen, Marianne Streisand (Hg.): Der Bilderatlas im Wechsel der Künste und Medien. Wilhelm Fink Verlag, München 2005.
386 Seiten. 49,90 Euro

Ob eine Theorie des Bildes (noch) möglich ist? Tatsächlich scheint nicht nur die sattsam beklagte Bilderflut die ungetrübte Sicht zu vereiteln. Auch die innere Differenzierung unterschiedlicher Bildtypen macht es zunehmend heikel, von einer einheitlichen Vorstellung des Bildes auch nur zu träumen. Zum veritablen Dilemma wird das Ganze indes erst, wenn zugleich die eminente kulturelle, politische, praktische wie ideelle Bedeutung der Bilder deutlicher denn je vor Augen tritt.

Welcher Atlas noch all diese Bilder schulterte? Einer, der es wagte und darunter fast zusammengebrochen wäre, war bekanntlich Aby Warburg. Doch sein Bilderatlas Mnemosyne als Versuch, Bilder anhand so genannter „Pathosformeln“, universeller Ausdrucksformen menschlicher Passionen in der Kunst, zu arrangieren, scheiterte. Die Verweiszusammenhänge wucherten ins Uferlose, eine einigende Mitte gab es nicht. Die in der Reihe „Trajekte“ vom „Zentrum für Literaturwissenschaft“ herausgegebene Anthologie nimmt Warburgs Abenteuer gleichsam zum Muster und Ernstfall, um an ihm die Frage nach dem Bild „im Wechselverhältnis zu seinen Funktionen für Visualität, Diskurs, Gedächtnis, Institution, Apparat“ aufzuwerfen und die Bedingungen seiner Produktion, seiner Sichtbarkeit und Figurativität zu thematisieren. Dabei macht das durchgängig hohe Reflexionsniveau, die argumentative Eloquenz und konzeptionelle Redaktion der Beiträge die Lektüre des Bandes zum Gewinn.

Die sich an Warburgs singulärem Experiment entzündende Frage nach der Möglichkeit von Theorie überhaupt vis-à-vis der Bilder bleibt jedoch aus.

Heiner Müller fand dafür seine eigenen Worte: „Stattdessen der lebenslange Sehzwang, das Bombardement der Bilder (Baum Haus Frau), die Augenlider weggesprengt.“


Mehr im Dossier  Macht der Bilder

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