11. September 2009
Es wird Herbst, und die Kunstszene erwacht aus dem Sommerschlaf. Gleich in mehreren Städten markieren konzertierte Eröffnungsaktionen den Auftakt zur neuen Jahreszeit. Auch Frankfurt am Main hat einen solchen Galerienrundgang, der hier ganz unspektakulär „Saisonstart“ heißt und 39 Teilnehmer hat. Während das Rheinland mit
Düsseldorf Cologne Open so etwas wie das Comeback seiner Galerien feierte, hat sich der mittlerweile 15. „Saisonstart“ in Frankfurt als krisenfeste Präsentationsplattform der Galerien erwiesen. Obwohl
Michael Neff, Direktor beider Ausgaben der
fine art fair frankfurt, den Herbsttermin der Kunstmesse aufs Frühjahr verlegte und die Galerienszene am Main seit dem Vorjahr nun ganz ohne eigene Kunstmesse auskommen muss. Droht das Galerienwochenende der Städte Düsseldorf und Köln nun zur Konkurrenzveranstaltung zu werden? „Nein“, so der Frankfurter Galerist
Uli Voges: „Die Sammler aus dem Rheinland kommen doch nach wie vor zu uns nach Frankfurt. Eine Konkurrenzsituation sehe ich von daher nicht.“
Tatsächlich gehörte die Eröffnung des 350 Quadratmeter großen Showrooms der Voges Gallery, unter neuer Adresse zwischen Bankenviertel und Museumsmeile, zu den herausragenden Ereignissen des Wochenendes. Ein ganzes Jahr hatten die aufwendigen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen der Räume auf zwei Etagen angedauert, die Rede ist von 1,2 Millionen Euro Kosten. In der Auftaktausstellung „Phänomenom“ stellt Manfred Peckl nun unter Beweis, dass seine Collagenbilder und Skulpturen inzwischen selbst die Raumhöhe einer Kunsthalle bewältigen. Gleich am Eingang der Galerie lässt Peckl auf seiner großformatigen Wandcollage, beklebt mit Tausenden geschredderter Papierstreifen aus den Seiten von Sternkarten, das Weltall wild durcheinanderwirbeln. Auch seine Fiberglasskulpturen hat der Künstler in eine neue ungegenständliche Dimension überführt. Versperrte 2007 noch die Nachbildung eines Gebirgsgletschers den Eingang der Galerie, hat Peckl nun eine Art Meteoritenhagel auf den schicken weißen Galerieboden herabregnen lassen. Doch bei aller handwerklicher Fleißarbeit, wo ist bei den neuen Arbeiten der anarchische Querdenker Peckl geblieben, wie er sich etwa an seinen frechen Pin-Up-Collagen zeigte? Womöglich lassen sich die nichtfigurativen Themen besser in die Bankenlobbys hinein verkaufen? „Eine Arbeit von Manfred Peckl haben wir für 17.000 Euro noch am Eröffnungsabend verkauft.“ Voges klingt optimistisch. Die Situation am Kunstmarkt habe sich entspannt. Dafür sei die Art Basel im Juni ein wichtiger Gradmesser gewesen: „Es besteht wieder ernsthaftes Interesse unter den Sammlern, Kunst zu kaufen.“
Weniger rosig beurteilt Galeristin Eva Winkeler die ökonomische Situation vor Ort: „Im Dezember habe ich letztmals ein Werk an eine der ansässigen Großbanken verkaufen können.“ Doch nicht nur Unternehmenssammlungen wie die der großen Banken seien mit Einkäufen zurückhaltend. „Die jungen Sammler bleiben derzeit aus, und anders als das Rheinland verfügt Frankfurt nicht über eine gewachsene Struktur an alteingesessenen Sammlern.“ Für Eva Winkeler, die seit fünf Jahren ihre Galerie in Frankfurt betreibt, war dies Grund genug, im Rahmen der „DC Open“ einen Showroom in Köln zu eröffnen. Noch bis 2. November sind dort Arbeiten des Frankfurter Städelabsolventen Peyman Rahimi zu sehen. In Köln erwartet die gebürtige Rheinländerin mehr Interesse an den Aktivitäten ihrer Galerie seitens der Museen. Aber selbst in finanziell schwierigen Zeiten ist die Galeristin mutig genug, Newcomer zu präsentieren. Zurzeit Claudia Wieser, die ein gekonntes Spiel mit dem realen Galerieraum treibt: fiktiv durch eine Fototapete erweitert, durch architektonische Fragmente oder durch eine Wandstruktur aus Keramik verändert.
Turbulent geht es in der L.A.Galerie in der Domstraße zu. Die 1990 von Lothar Albrecht gegründete Galerie nutzte den „Saisonstart“, um einen Querschnitt aus den vergangenen 124 Ausstellungen vorzustellen. Dieser Blick ins Archiv beschert ein Nebeneinander an unterschiedlichen, teils fast vergessenen Kunstmarktströmungen aus den letzten dreißig Jahren. So hängen Schwarz-Weiß-Fotografien der spanischen Filmemacherin Mabel Palacín, in der Ästhetik der 80er-Jahre Punk-Ära, dicht über den lieblich-erotischen Bildmotiven des Chinesen Wilson Shieh und gleich gegenüber von Fotografien Calum Colvins. Nach fünf Jahren gab Lothar Albrecht 2007 seine Dependance in China auf. Wie reagiert der kuntsmarkterprobte Galerist auf die global schwierige Wirtschaftslage? „Wir überlegen mehr denn je, an welcher Messe wir teilnehmen. An der ArtBasel Miami Beach im Dezember 2009 zum Beispiel nicht.“
Auch die auf junge Videokunst spezialisierte Galeristin UlrikeAdler fährt ihre Kunstmesseaktivitäten momentan zurück. Erst im Frühjahr 2010 will sie an der nächsten Messe teilnehmen. Ihre New Yorker Dependance hat sie ebenfalls gerade aufgegeben. Sind das alles Versuche, sich der Schnelligkeit des Kunstmarktes zu entziehen? Ulrike Adler verneint und räumt ein: „Unsere Galerie hat 2009 einen ebenso großen Umsatz gemacht wie im Vorjahr. Allerdings bin ich vorsichtig.“ Seit der Eröffnung im Jahr 2003 hat Adler ein Gespür für junge Durchstarter bewiesen, so etwa mit den Videoarbeiten von Alex McQuilkin oder Nathalie Djurberg. Die in New York lebende Performerin Clarina Bezzola, zum „Saisonstart“ gezeigt, ist erneut eine junge Künstlerin mit Reibungspotenzial. Insbesondere die Videos Swiss Miss und Inside Out als auch Bezzolas Installationen und selbst die genähten Kleiderobjekte versprühen bei ihrem Spiel mit Klischees von Weiblichkeit einen abgründigen wie auch feinsinnigen Humor, den man bei so vielen anderen Arbeiten während des Galerienrundgangs in Frankfurt vermisste.
In der nachbarschaftlich gelegenen Galerie von Alexander Lorenz flackert bisweilen ein Hauch subtiler Ironie auf. Laura Kuch, in London lebende, ehemalige Städelschülerin, hat kleine, unscheinbar ausschauende Installationen geschaffen, die den Moment des Flüchtigen, den kalkulierten Zufall auskosten. Bisweilen rutscht das Spiel mit der Ironie freilich ins banal Nichtsagende ab, etwa wenn Kuch eine Taschenlampe über einem leeren Blatt Papier baumeln lässt und ihrer Arbeit den suggestiven Titel Komposition in Gelb, Rot, Blau gibt. Viel leichthändiger ist dagegen Kuchs Temporäre Zeichenmaschine, ein mit Tinte gefüllter Eimer, der durch stete Wassertropfen zum Überlaufen gebracht wird und Restspuren der Tinte auf darunterliegendem Aquarellpapier hinterlässt.
Während Galeristin Martina Detterer neue installative Arbeiten des ehemaligen Städelschülers Peter Rösels zeigt, bespielen die Newcomer Andreas Diefenbach, Michael Moos und Stephen Suckale den Galerieraum von Kai Middendorff in der Niddastraße. Wer nicht das Abarbeiten junger Künstler an den Konzepten der Avantgarden bis in 1960er-Jahre hinein suchte, wurde bei einem der schon etablierten Maler fündig. Herbert Brandls allesamt 2009 entstandenen großformatigen Gemälde, ausgestellt in der Galerie Bärbel Grässlin, überzeugen durch ihre Komposition und Ehrlichkeit: Die recht großformatigen Bilder wollen nicht mehr sein, als sie sind: ein expressives Farberlebnis. Über die Hälfte der Arbeiten, so heißt es, habe man am Eröffnungsabend der Ausstellung verkauft. Doch selbst in der Galerie Grässlin vernimmt man zurzeit vorsichtige Worte. Nach den schlechten Verkäufen während der Frieze Art Fair 2008 in London setzt die Galerie in diesem Jahr auf das kommende art forum berlin. Zum Saisonstart warb ein Modell des Stands schon einmal für die ausgestellten Künstler: Herbert Brandl, Imi Knoebel, Reinhard Mucha, Tobias Rehberger und Stefan Müller sind mit von der Partie.