Vermutlich ist dieses große, schweigsame Epitaph die langweiligste Ausstellung der DC Open. Sechs Buchseiten hängen an den Wänden der Galerie. Sie sind sogar am Fuß des Blatts mit zentrierten Ziffern nummeriert, als könne der Besucher blättern oder habe der Künstler befürchtet, seine Galeristin hänge die Tafeln womöglich verkehrtherum auf. Die hellen Rahmen rund um die großzügig gesetzte Schrift verwässern ein wenig die Erhabenheit der Serifen-Typografie und münzen sie in gebügelte und gestärkte Konzeptkunst um. Hier hängen einfach Worte im sonst leeren Ausstellungsraum und passen zum frisch gewachsten, düster gebeizten Parkett. Hier wird auf 1,70 m hohen Tafeln Schrift zur Geste gemacht.
Dabei ist der Inhalt in dieser Ausstellung nicht weniger Geste als die Form. Luis Camnitzers mannshohe Tafeln sind eine lange, absatzlose Aneinanderreihung einzelner Sätze aus Abschiedsbriefen. Die Briefe wurden von Gefangenen unmittelbar vor der Hinrichtung aus dem Todestrakt texanischer Gefängnisse geschrieben. Camnitzer hat für seine Pigmentdrucke (fast) nur solche Sätze aus dem Wortmaterial herausgefiltert, in denen das Wort „Liebe“ vorkommt. Anrührend könnte das sein, bleibt aber fremd und kühl, weil das Auge, wenn es an den Lettern hängenbleibt, die konzentriertesten und verzweifeltsten, manchmal flehentlich vertrauensvollen Botschaften liest, ohne Urheber und Kontext zu kennen. Aus Politik und Tod, Vergeltungswahn und Justiztechnokratie hat ein Filter starre Kunst gemacht.
Nicht in der Empathie also, sondern im Editionscharakter der Werke liegt die Botschaft dieser Arbeit. Die Künstlersignatur wandelt Tragik und Wut in die Noblesse teuer verkaufter Pigmente um. Das konnte Camnitzer, dieser surrealistische Trapezkünstler der tückischen Aussageverschiebung, schon immer. Er kann mitten in der politischen Aussage die Künstlichkeit an der Kunst hervorkehren. Ursula Walbröl aber hat den oft so komischen, unterhaltsam gewitzten Camnitzer auf eine Schrift reduziert und so die radikalste Ausstellung der DC Open gemacht. So überlegt wie starr. Es gibt heute wenige Künstler, die so abgeklärt, überzeugend und unverkitscht über das Politische reden, weil sie darüber reden, wie Kunst sich das Politische aneignet. Damit einen Galerierundgang zu infiltrieren, zeigt, dass Künstler und Galeristin sich gut verstehen.









