Einfache Worte, denen Rührung nicht hilft
Galerie Ursula Walbröl
Von Gerrit Gohlke

Luis Camnitzer: „Last Words“ - Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf. Vom 3. September bis 23. Oktober 2010

Vermutlich ist dieses große, schweigsame Epitaph die langweiligste Ausstellung der DC Open. Sechs Buchseiten hängen an den Wänden der Galerie. Sie sind sogar am Fuß des Blatts mit zentrierten Ziffern nummeriert, als könne der Besucher blättern oder habe der Künstler befürchtet, seine Galeristin hänge die Tafeln womöglich verkehrtherum auf. Die hellen Rahmen rund um die großzügig gesetzte Schrift verwässern ein wenig die Erhabenheit der Serifen-Typografie und münzen sie in gebügelte und gestärkte Konzeptkunst um. Hier hängen einfach Worte im sonst leeren Ausstellungsraum und passen zum frisch gewachsten, düster gebeizten Parkett. Hier wird auf 1,70 m hohen Tafeln Schrift zur Geste gemacht.

Dabei ist der Inhalt in dieser Ausstellung nicht weniger Geste als die Form. Luis Camnitzers mannshohe Tafeln sind eine lange, absatzlose Aneinanderreihung einzelner Sätze aus Abschiedsbriefen. Die Briefe wurden von Gefangenen unmittelbar vor der Hinrichtung aus dem Todestrakt texanischer Gefängnisse geschrieben. Camnitzer hat für seine Pigmentdrucke (fast) nur solche Sätze aus dem Wortmaterial herausgefiltert, in denen das Wort „Liebe“ vorkommt. Anrührend könnte das sein, bleibt aber fremd und kühl, weil das Auge, wenn es an den Lettern hängenbleibt, die konzentriertesten und verzweifeltsten, manchmal flehentlich vertrauensvollen Botschaften liest, ohne Urheber und Kontext zu kennen. Aus Politik und Tod, Vergeltungswahn und Justiztechnokratie hat ein Filter starre Kunst gemacht.

Nicht in der Empathie also, sondern im Editionscharakter der Werke liegt die Botschaft dieser Arbeit. Die Künstlersignatur wandelt Tragik und Wut in die Noblesse teuer verkaufter Pigmente um. Das konnte Camnitzer, dieser surrealistische Trapezkünstler der tückischen Aussageverschiebung, schon immer. Er kann mitten in der politischen Aussage die Künstlichkeit an der Kunst hervorkehren. Ursula Walbröl aber hat den oft so komischen, unterhaltsam gewitzten Camnitzer auf eine Schrift reduziert und so die radikalste Ausstellung der DC Open gemacht. So überlegt wie starr. Es gibt heute wenige Künstler, die so abgeklärt, überzeugend und unverkitscht über das Politische reden, weil sie darüber reden, wie Kunst sich das Politische aneignet. Damit einen Galerierundgang zu infiltrieren, zeigt, dass Künstler und Galeristin sich gut verstehen.

Luis Camnitzer
Last Words, 2008
Rotbraune Tinte auf Papier
Je 170 x 115 cm (6-teilig); Ed. 3 + 1
Courtesy of Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf
Foto: Achim Kukulies

Luis Camnitzer
Last Words, 2008
Rotbraune Tinte auf Papier
Je 170 x 115 cm (6-teilig); Ed. 3 + 1
Installationsansicht in der Galerie Ursula Walbröl, 2010
Courtesy of Galerie Ursula Walbröl, Düsseldorf
Foto: Achim Kukulies

Luis Camnitzer

Für Luis Camnitzer (geb. 1937 in Lübeck und in Montevideo, Uruguay, aufgewachsen) müsste man einen eigenen Ehrentitel erfinden. Denn die Werke dieses Grandseigneurs der Konzeptkunst sind zwar für spielerische Elemente und bestechenden Humor offen. Camnitzer wird aber nicht müde, in seinem Werk politische Missstände und Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. Dafür setzt er gern Druckgrafik als demokratisches Medium ein. Ganz nebenbei stellt der documenta-Teilnehmer so immer auch die Machtfrage im Kunstbetrieb neu.

Ausgewählte Einzelausstellungen:

2011 Retrospektive, El Museo del Barrio, New York, USA
2010 Retrospektive, Daros Latinamerica, Zürich, CH
2003 Kunsthalle Kiel, D

Ausgewählte Gruppenausstellungen:

2010 Substitute Teacher, Atlanta Contemporary Art Center, Atlanta, USA
2009 Havanna Biennale, CU
2007/06 Living History, Tate Modern, London, GB

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