Selbstkastration vor dem Galerieklosett
Sies + Höke Galerie
Von Gerrit Gohlke

Sam Windett: „Zephyr“ / Etienne Chambaud: „Le Musée Décapité“ - Sies + Höke Galerie, Düsseldorf. Vom 3. bis 28. September 2010

Wer jetzt das Parterre der Galerie Sies + Höke betritt, sieht mit einem Mal alles, was an Kunst Kopfschmerzen macht. Da hat der 30-jährige Etienne Chambaud mithilfe zweier Strukturingenieure, eines Achitekturbüros und einer mexikanischen Glas-Design-Manufaktur ein Monstermobile an die Galeriedecke gehängt, an dem fast das Gebäude zusammenbricht. Der historisch belesene Künstler will so das Museum und die Guillotine zusammendenken und hat ein sündhaft aufwändiges Glaskristallbeil an eine stählerne Stange gehängt. Das Glas wiegt schwer. Es drückt die Stange steil zur Decke, wo im Gleichgewicht weitere Holme schweben, von denen herab Stahlkabel als Zugseile durch das Zwischengeschoss gefädelt sind – an ihren Enden bilden sich Schlingen. Die sympathische Galerieassistentin weist auf die unterschwellig subtile Gewalttätigkeit hin und erklärt die Beobachtung des Künstlers, wonach entwicklungsgeschichtlich das postmoderne Museum die Funktion der Guillotine übernimmt. Während die Assistentin spricht, wiegt der Draht sich durch die löcherige Decke und eine der Schlingen schwingt als Aufforderung zur Selbstkastration im Toilettenraum vor dem Galerieklosett auf und ab. Chambaud denkt dabei an de Sade, die Assistentin an die verführende Kraft des Gleichgewichts. Und das wogende Eisen wird zur Prüfung auf der Suche nach dem versteckten Schatz.

Oben nämlich, im 1. Stock, sind acht intime Leinwände zu sehen, die gerade jenes unbegreifliche Gleichgewicht erzeugen, um das sich Chambaud so steil und prätentiös bemüht. Sam Windett ist eine Entdeckung für die deutsche Kunstszene und man fragt sich, wie man dieses musikalische Spiel um Flachheit und Farbauftrag, diese rohen Spurrillen im zähen Material und die amulettartig ikonischen Motive in eine beschreibende Formel fassen soll. Seltsam, wie Windett seine Motivgespenster über die Tafeln schweben lässt, als seien sie Teile einer selbstverständlichen Bildtradition. Dabei wurden diese farbigen Morpheme aus Konturen alltäglicher Gegenstände destilliert. Es mag noch so viel Kunstgeschichte in den Bildern stecken, am Ende sind diese Bilder anrührender Eigenbau. Man kann sich ihnen nur durch vergleichende Meditation annähern, weil es für konkrete Bedeutungen mit jedem weiteren Blick weniger Anhaltspunkte gibt. Lautlos und undurchdringlich sind diese stillschweigend abgeschliffenen Bilder. Bei Chambaud stößt man sich den Kopf am Stahl. Bei Windett kann der Blick Gymnastik machen. Man muss nicht aufs Galerieklo wollen, um zu wissen, was schöner ist.

Sam Windett
Reflector (before), 2010
Öl auf Leinwand
50 x 35 cm
Courtesy of The approach, London; Sies + Höke, Düsseldorf
Foto: Diana Hunnewinkel

Sam Windett
Still life, 2010 
Öl auf Leinwand
50 x 35 cm
Courtesy of The approach, London; Sies + Höke, Düsseldorf
Foto: Diana Hunnewinkel

Etienne Chambaud
La Veuve Célibataire, 2010
Kristallglas, Stahl
Maße variabel
Ausstellungsansicht „Le Musée Decapité“ in der Galerie Sies + Höke, 2010
Courtesy of Sies + Höke, Düsseldorf

Etienne Chambaud
La Veuve Célibataire, 2010
Kristallglas, Stahl
Maße variabel
Ausstellungsansicht „Le Musée Decapité“ in der Galerie Sies + Höke, 2010
Courtesy of Sies + Höke, Düsseldorf

Etienne Chambaud
Vordergrund: La Veuve Célibataire, 2010
Kristallglas, Stahl
Maße variabel
Ausstellungsansicht „Le Musée Decapité“ in der Galerie Sies + Höke, 2010
Courtesy of Sies + Höke, Düsseldorf

Sam Windett / Etienne Chambaud

Es ist ein Balanceakt, und den hält er unbeirrt durch: Sam Windett (geb. 1977 in London) hat sich auf den schmalen Grat zwischen Figuration und Abstraktion begeben. Der Maler ist Mitglied mehrerer handfest zeitgenössischer Bands, doch seine Gemälde und Skulpturen sind wie klassische Stillleben aufgebaut und verschleiern ihre Motivik. /
Etienne Chambaud gilt als Künstler, der Kunst über Kunstwerke macht. Hinter jedem Werk steht ein Bezug. Seine Formen führen imaginäre Dialoge mit Geschichte und Tradition. So entstehen Rätselspiele voller Zitate und Referenzen. Sie sind zugleich Untersuchungen über Natur und Wirkung heutiger Kunst.

Sam Windett
Ausgewählte Einzel- und Gruppenausstellungen:

2010 Billion Watt Bulb, Marc Foxx Gallery, Los Angeles, USA (solo)
2010 OWL STRETCHING TIME, Galerie Nordenhake, Berlin, D
2009Studio Voltaire presents, Galerie BolteLang, Zürich, CH
2009 Jerwood Contemporary Painters, Jerwood Space, London und andere, GB
2008 Bon Tracker, The Approach E2, London, GB (solo)

Etienne Chambaud
Ausgewählte Einzel- und Gruppenausstellungen:

2010 On Hospitality, Labor, Mexiko-Stadt, MEX (solo)
2009 Color Suite, Palais de Tokyo, Paris, F (solo)
2008 Made by ECAL, L´Espace Lausannois d’Art Contemporain, Lausanne, CH
2007 Rooms, Conversations, Frac Île-de-France, Le Plateau, Paris, F

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