Die Chiffren der Wahrnehmung
Galerie Christian Lethert
Von Noemi Smolik

Jorinde Voigt: „Superdestination“ - Galerie Christian Lethert, Köln. Vom 3. September bis 23. Oktober 2010

Auch Künstler sind Menschen. Sie räumen das Geschirr weg. Sie telefonieren. Und sie langweilen sich, wenn sie mit lästigen Menschen telefonieren. Das sieht man zum Beispiel bei Sigmar Polke, der zahllose „Telefonzeichnungen“ verfertigt hat. Würde man Polkes Kritzeleien mit medizinischen Grafiken von Gehirnwellen kurzschließen, kämen dabei wohl die Zeichnungen von Jorinde Voigt heraus. Zumindest bei einer ersten Betrachtung. Hinter Voigts methodisch-unruhigen Aufzeichnungen verbirgt sich nämlich bei näherem Hinsehen ein komplexer, geordneter Kosmos.

Tatsächlich geht es bei diesen zwei mal drei Meter großen Monumentalzeichnungen um eine optische Orts- und Zeitbestimmung, die Voigt allerdings lieber mit den musikalischen Termini „Notation“ oder „Partitur“ umschreibt. Abstrakte Linien, die mit dem Buntstift über das Blatt gezogen werden, bilden Wellen, Kreise, Ballungszentren, überkreuzen und verschlingen sich. Manchmal werden diese Linien von Zahlen unterbrochen, wodurch der Eindruck eines wissenschaftlich motivierten Vorgehens vermittelt wird. Aus diesem Gegensatz, zwischen einer vermeintlichen methodischen Exaktheit und einem lässigen, spontan wirkenden Strich, beziehen die Zeichnungen auch ihre Spannung. Wissenschaftlich? Spontan? Wie geht das zusammen?

Aber tatsächlich hält sich Voigt an Fakten. Jeder Gegenstand, der die Aufmerksamkeit der Künstlerin erweckt, wird durch eine Linie repräsentiert, deren Farbigkeit der des jeweiligen Objekts entspricht. Nach und nach setzt Voigt so Strich an Strich, wobei jeder Linie eine Zahl zugeordnet wird, aus der sich die Abfolge des Gesehenen ablesen lässt. Das ist die Suche nach Totalität, ohne der Empirie mehr abzuverlangen, als ihr zuzumuten ist. Am Ende führt die akribische Aufzeichnung zu einem visuellen Ergebnis, das sich hinter einer verrätselten, subjektiv erscheinenden Oberfläche tarnt. Das ist eine Kunst, die sich entschieden hat, ihre eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Ein Beweis, dass Seriosität schön sein kann.

Jorinde Voigt
Horizont-Studie 1, 2010
Tinte und Polychromos (120 mögliche Farben) auf Papier
36 x 51 cm
Courtesy of Galerie Christian Lethert, Köln

Jorinde Voigt
Superdestination, 2010
Tinte und Polychromos auf Papier
36 x 51 cm
Courtesy of Galerie Christian Lethert, Köln

Jorinde Voigt
Horizont-Studie 2,2010
Tinte und Polychromos (Reduktion V / 120 mögliche Farben) auf Papier
36 x 51 cm
Courtesy of Galerie Christian Lethert, Köln

Jorinde Voigt
Melodie / Territorium / Airport / Kontinentalgrenze / Rotation, 2010
Tinte, Bleistift auf Papier
150 x 260 cm
Courtesy of Galerie Christian Lethert, Köln

Jorinde Voigt
Grosse Melodie / Horizont
Melodie, Zäsur, Himmelsrichtung / Territorium, Zentrum, Wasser, Airport; Konstruktion, Dekonstruktion; N, S, O,
W; Position (identisch) Zentrum; Kontinentalgrenze, mögliche Farben des Horizonts,
2010
Tinte und Bleistift auf Papier
202 x 300 cm
Courtesy of Galerie Christian Lethert, Köln

Jorinde Voigt

Jorinde Voigt (geb.1977 in Frankfurt a.M.) liebt das geordnete Chaos. Sie übersetzt ihre Wahrnehmung der Außenwelt in konzentrierte Diagramme oder musikalisch anmutende Notationen. Auf manchen ihrer Blätter scheint das Zeichenwerkzeug wie unbewusst über das Papier zu gleiten. Andere Werke folgen einer strengen Formalität. Sie verstehen sich als eine Art Bestandsaufnahme der Umwelt, künstlerische Modelle eines Gesamtzusammenhangs, von dem wir entfremdet sind.

Ausgewählte Einzelausstellungen:

2010 STAAT/Random I-XI, Gemeentemuseum Den Haag, NL
2009 BHWF Byrd Hoffman Watermill Foundation, Watermill Brooklyn Gallery, New York, USA
2004 EPM – emotion per minute, Cité Internationale des Arts Paris, F

Ausgewählte Gruppenausstellungen:

2010 Emporte-moi / Sweep me off my feet, Musée national des beaux-arts du Québec, CDN
2009/08 Blick nach vorn. Ankäufe der Sammlung Zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland 1998-2008, Martin-Gropius-Bau, Berlin, D
2007 Tales from the Travel Journal Vol.I, Contemporary Art Centre Vilnius, LIT

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