Auch Künstler sind Menschen. Sie räumen das Geschirr weg. Sie telefonieren. Und sie langweilen sich, wenn sie mit lästigen Menschen telefonieren. Das sieht man zum Beispiel bei Sigmar Polke, der zahllose „Telefonzeichnungen“ verfertigt hat. Würde man Polkes Kritzeleien mit medizinischen Grafiken von Gehirnwellen kurzschließen, kämen dabei wohl die Zeichnungen von Jorinde Voigt heraus. Zumindest bei einer ersten Betrachtung. Hinter Voigts methodisch-unruhigen Aufzeichnungen verbirgt sich nämlich bei näherem Hinsehen ein komplexer, geordneter Kosmos.
Tatsächlich geht es bei diesen zwei mal drei Meter großen Monumentalzeichnungen um eine optische Orts- und Zeitbestimmung, die Voigt allerdings lieber mit den musikalischen Termini „Notation“ oder „Partitur“ umschreibt. Abstrakte Linien, die mit dem Buntstift über das Blatt gezogen werden, bilden Wellen, Kreise, Ballungszentren, überkreuzen und verschlingen sich. Manchmal werden diese Linien von Zahlen unterbrochen, wodurch der Eindruck eines wissenschaftlich motivierten Vorgehens vermittelt wird. Aus diesem Gegensatz, zwischen einer vermeintlichen methodischen Exaktheit und einem lässigen, spontan wirkenden Strich, beziehen die Zeichnungen auch ihre Spannung. Wissenschaftlich? Spontan? Wie geht das zusammen?
Aber tatsächlich hält sich Voigt an Fakten. Jeder Gegenstand, der die Aufmerksamkeit der Künstlerin erweckt, wird durch eine Linie repräsentiert, deren Farbigkeit der des jeweiligen Objekts entspricht. Nach und nach setzt Voigt so Strich an Strich, wobei jeder Linie eine Zahl zugeordnet wird, aus der sich die Abfolge des Gesehenen ablesen lässt. Das ist die Suche nach Totalität, ohne der Empirie mehr abzuverlangen, als ihr zuzumuten ist. Am Ende führt die akribische Aufzeichnung zu einem visuellen Ergebnis, das sich hinter einer verrätselten, subjektiv erscheinenden Oberfläche tarnt. Das ist eine Kunst, die sich entschieden hat, ihre eigenen Grenzen ernst zu nehmen. Ein Beweis, dass Seriosität schön sein kann.












