Wie kann ich etwas so Unvorstellbares wie den Holocaust, wie kann ich überhaupt den Tod visuell darstellen? Diese Frage treibt Christian Boltanski, den französischen Künstler mit jüdischem Hintergrund, seit Jahren um. Ihr geht er mit einer solchen Hartnäckigkeit nach, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass er auch andere Themen kennt. Doch tatsächlich wendet er sich in der Kölner Kewenig Galerie nun einem neuen Problemfeld zu.
Rostige, mit Etiketten versehene Blechkästen versperren den Weg in die Galerie. Als blickdichte Mauer, in mehreren Reihen aufeinandergestapelt, nehmen sie fast den gesamten Raum ein. Ein Lager? Ein ramponiertes Archiv? Der Tod scheint auf den ersten Blick allgegenwärtig in dieser morbiden Umgebung, und das liegt nicht nur an der schwarzen Umrandung der Etiketten, auf denen jeweils ein Name steht. Und doch geht es gerade nicht um den Tod, sondern um den Verlust der Arbeit, das Sterben der Industriegesellschaft. Denn auf den Etiketten sind Namen von Arbeitern und Arbeiterinnen einer alteingesessenen Teppichfabrik im englischen Halifax aufgeschrieben. Sie schloss 1982. Zwölf Jahre, nachdem ihre Angestellten in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden, entstand The Work People of Halifax 1877 – 1982. Boltanski bat die Betroffenen damals, persönliche Gegenstände, die etwas mit ihrer Arbeit zu tun haben, in die Kästen zu legen. Leihgaben sollten das sein. Heute ist das Archiv leer und damit im Grunde seiner Essenz beraubt. Boltanski präsentiert uns die Hülle eines Werks.
In einem anderen Raum der Galerie sind alte, abgetragene Kleider auf dem Boden ausgebreitet. Jedes Kleid ein Schicksal – Personnes, so der Titel dieser Inszenierung. Allzu schnell kommen einem die Kleiderberge in Auschwitz in den Sinn. Boltanski hat uns gut konditioniert. Routiniert werden hier Bilder hergestellt, routiniert Assoziationen abgerufen. Erinnert, getrauert, geklagt wird in diesem Werk immer nach demselben ästhetischen Muster. Dabei ist der Tod in seiner gnadenlosen Schreckensherrschaft jedes Mal einmalig. Sollten nicht auch die Bilder einmalig sein, die wir ihm entgegenhalten? Für einen Moment mag man vermuten, dass hier die Kunst mit ihrer Sucht nach einer unverkennbaren Handschrift der Erinnerung im Wege steht. Dass die Erinnerung treuhänderisch bei den Betroffenen in besseren Händen wäre als bei den Hochleistungssportlern der ästhetischen Disziplin.









