Grammatische Eleganz
Galerie Karsten Greve
Von Georg Imdahl

Joel Shapiro - Galerie Karsten Greve, Köln. Vom 2. September bis 6. November 2010

Es ist ein Faszinosum: wie man mit minimalem Aufwand und lächerlich lapidaren Mitteln Bedeutung, ja, eine schlüssige Syntax generieren kann. Diese Fähigkeit teilt Joel Shapiro mit zahlreichen Bildhauern seiner Generation. Die Arbeiten in der Galerie Karsten Greve bestätigen es noch einmal eindrücklich. Gewiss finden sich hier auch kapitale, kantige Bronzen, von denen eine überraschend auf die Katastrophe des 11. Septembers und die Zwillingstürme anspielt. Subtiler jedoch sind die von der Decke herabhängenden, langsam im Luftzug kreiselnden Assemblagen aus Holzklötzchen und Leisten, die mit Ösen und Drähten zu Figurationen verbunden sind. Der Draht darf hier und da gestisch agieren, womöglich hat der Bildhauer dabei etwas nachgeholfen; jeder kleine Nagel, scheinbar achtlos ins Holz geschlagen und noch überstehend, beansprucht die Aufmerksamkeit. Mühelos schreiben sich diese vielansichtigen Cluster, in die man sich lange und gewinnbringend vertiefen kann, in die Geschichte der Skulptur seit Kurt Schwitters und El Lissitzky ein. Ihre Fragilität lässt unvermittelt an Richard Tuttle oder Cy Twombly denken.

Noch in die abstraktesten Werke Shapiros schleichen sich anthropomorphe Allusionen ein. Shapiro macht damit kenntlich, dass er sich nicht als Hohepriester eines abstrakten, autonomen Reinheitsgebots versteht. Dogmatik gibt es in diesem Werk nicht. Das ist zugleich Shapiros Risiko. Wo er die figurativen Andeutungen zu stark werden lässt oder sie gar tatkräftig befördert, indem er die menschliche Figur zum Maßstab macht, drohen seine Arbeiten in Gliederpuppen-Banalität abzugleiten. Überzeugender sind jene Werke, die sich gegen allzu naheliegende spontane Assoziationen behaupten. Shapiro ist eben da am besten, wo er bei der Syntax bleibt und ihr nicht noch erzählerische Momente einpflanzt.

Joel Shapiro
Ohne Titel, 2003 – 2005
Holz, Casein und Draht
48,3 x 50,8 x 40,6 cm
Courtesy of Galerie Karsten Greve, Köln

Joel Shapiro
Ohne Titel, 2010
Pastell auf Papier
95 x 130 cm
Courtesy of Galerie Karsten Greve, Köln

Joel Shapiro
Ohne Titel, 2004
Holz, Casein und Draht
87 x 33 x 38,1 cm
Courtesy of Galerie Karsten Greve, Köln

Joel Shapiro
Ohne Titel, 2007
Holz, Casein
32,1 x 24,4 x 25,7 cm
Courtesy of Galerie Karsten Greve, Köln

Joel Shapiro
Ohne Titel (Detail), 2009
Holz, Casein
69,9 x 68,6 x 31,8 cm
Courtesy of Galerie Karsten Greve, Köln

Joel Shapiro

Man könnte es leicht vergessen, aber einst stand Joel Shapiro dem Minimalismus nahe. Und was geschah dann? Der 1941 in New York geborene Bildhauer verschrieb sich der menschlichen Gestalt. Der Geometrie blieb er immerhin treu. Mögen seine Skulpturen noch so menscheln, gefährlich balancieren oder mit großen Schritten den Raum durchmessen, immer sind sie Quader, Rechteck, Balken. Die Grenze zur Figuration überschritt Shapiro nie.

Ausgewählte Einzelausstellungen:

2011 Museum Ludwig, Köln, D
2010 Joel Shapiro: New Work, The Pace Gallery, New York, USA
2008 Joel Shapiro, Gana Art Center, Seoul / Gana Art Busan, Busan, ROK

Ausgewählte Gruppenausstellungen:

2005 Correspondances 03. Jean-Baptiste Carpeaux / Joel Shapiro, Musée d‘Orsay, Paris, F
1982 documenta 7, Kassel, D
1980 Biennale von Venedig, I

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