Es ist so weit, die Identitätspolitik kehrt zurück. Doch im Jahr 2010 hat der Kampf um die breitenwirksame Anerkennung von Andersartigkeit ein anderes Problem als noch, sagen wir, 1989. Außerdem ist das Prinzip verfeinerter Individualisierung zu einer bevorzugten Ware des Netzwerkkapitalismus geworden. „Sich zu unterscheiden“ ist erwünscht, bis hin zur sexuellen Orientierung. Nur politisch sein, das darf man dabei nicht. Die feministische Theoretikerin Judith Butler brachte diesen Konflikt auf den Punkt, als sie jüngst den Zivilcourage-Preis des Christopher Street Days ablehnte. Der CSD sei zu kommerziell und nicht kritisch genug.
Damit ist auch schon gesagt, worum es in Rebecca Ann Tess’ Ausstellung „Not Dad Yet Sad!“ geht. Um Geschlechterstereotypen. Um vom Mainstream abweichende, ungenormte Sexualität, weil wir die alle brauchen. Und um deren Bilder – oder besser: die Abwesenheit dieser Bilder. Dad Dracula is Dead etwa bedient sich bei älteren Filmen wie „Dracula’s Daughter“ (1936), „Anders als die Anderen“ (1919) oder „Mädchen in Uniform“(1931). Aus diesen präpariert die Künstlerin mit chirurgischer Präzision, pädagogischer Totalüberzeugung und allerlei Verfremdungsmitteln jene Szenen heraus, die einen queeren Subtext formulieren. Dabei kommt auch die Infanteriewaffe des künstlerischen Geschlechterdiskurses zum Einsatz: das Re-Enactment, die historische Re-Inszenierung also. Sichtbar inszeniert sind deshalb auch die Fotografien aus der Serie „From The Green Belt“, die im grellen Scheinwerferlicht Bilder lesbischer „Cruising Areas“ entwerfen, subkulturell verabredete Zonen für den sexuellen Spontankontakt. Cruising Areas für Männer? Kennt man. Für Frauen, weniger. Hier wird das Prinzip doppelter Ausgrenzung schulbuchmäßig zu Ende gedacht.
Was diese Ausstellung interessant macht, ist ihr Beharren auf einer kritischen Haltung. Tess benutzt ästhetische Strategien aus einer Zeit, als die Genderdebatte auch in der Kunst noch inhaltlich geführt wurde. So wird „Not Dad Yet Sad!“ zu einer Art Revision der klassischen Gender- und Identitätspolitik. Als deren halb lebendiger Wiedergänger stellt sich die Schau einer Gegenwart, in der Queerness viel von ihrer Subversivität verloren hat, ohne dass die politischen Probleme wirklich gelöst wurden, mit denen man sich jahrelang abgemüht hatte. Es geht also darum, „anders anders zu sein“, wie der Soziologe Ulrich Bröckling einmal sagte. Und das heißt bei Tess: politisch.











