12. September 2011
DC Open oder abc? Das fragte sich die Kunstwelt am vergangenen Wochenende, mal wieder im Spannungsfeld zwischen dem Rheinland und Berlin, denn zeitgleich fanden in der deutschen Bundeshauptstadt gleich drei Kunstmessen statt. Wer sich nun gegen diese und für das Köln-Düsseldorfer Eröffnungswochenende und das Programm von insgesamt 69 Galerien im Rahmen der DC Open entschieden hatte, wurde nicht enttäuscht. Zum dritten Mal beging man den gemeinsamen Saisonstart, diesjährig mit einigen eigenwilligen Kooperationen. So bespielen Rafael Jablonka und Priska Pasquer unter dem Namen Jablonka Pasquer Projects den ehemaligen Ausstellungsraum von Linn Lühn, die in Düsseldorf ihr Galerieprogramm fortsetzt.
Sparsam und äußerst subtil greift Henrik Olesen in die Galerie und das Antiquariat von Daniel Buchholz ein: Entlang der Wand verlaufen nahezu unbemerkt mit Krempen angebrachte, graue Stromkabel. Bloße Teilstücke oder Abschnitte einer Leitung, die wie Überreste eine Funktionalität nur andeuten und diese zugleich aufheben. Der Clou: Es handelt sich eigentlich um Polyurethan-Abgüsse von Kabeln, die zwar die Bewegungsverläufe von herab- und durchhängenden oder aber eng an der Wand befestigten Kabeln genau wiedergeben, aber eben in massivem Material gegossen sind. Die erstarrte Flexibilität dieser vorgetäuschten Kabelstücke, deren Titel Cast 1-6 auf die physische Einschränkung durch einen Gipsverband verweist, führt in ihrer metaphorischen Suggestivität zur Thematik der Freiheit und Knechtschaft, der die gemeinsame Ausstellung von Henrik Olesen und Danh Vo bei Buchholz unterstellt ist. Um seine Auseinandersetzung mit den Begriffen voranzutreiben, greift Danh Vo auf die New Yorker Freiheitsstatue zurück. Er hat den schematischen Aufriss ihres Kopfes, der im Zuge der ersten umfangreichen Restaurierung 1894 entstanden war, fünffach auf einen Goldgrund übertragen. In diesen formal identischen Werken, die sich jedoch in der Titelgebung unterscheiden, legt Vo nicht nur die Konstruktion des Kopfes offen, sondern auch die kulturelle Konstruiertheit des Konzepts „Freiheit“.
Eine ungewöhnliche Allianz geht die Galerie Christian Nagel ein, die ihre Kölner Ausstellung nun im Reisebüro „Diko-Reisen“ präsentiert. Eröffnet wird die „Reisebürogalerie“ mit Arbeiten von Anja Sopic. Sopic bewegt sich zwischen Kunst und Design und stellt die Verwendung von Material hinsichtlich der Erfüllung eines von vornherein festgelegten Zwecks infrage, um stattdessen Assoziationsspielräume zu eröffnen. In ihren stoffbespannten Wandarbeiten und möbelähnlichen Objekten befreit sie das Material aus jeder funktionalen Gebundenheit. Obwohl das Ensemble aus Stuhl, Lampe und Regal zunächst einer klassischen Wohnzimmersituation zu entsprechen scheint, ist die Zuweisung nicht eindeutig. Man könnte meinen, dass in spielerischer Umkehrung des bekannten Leitsatzes von Louis Sullivan „form follows function“ hier die Funktion der Form folgt.
Wie Sopic distanziert sich auch Eli Cortiñas in der Galerie Michael Wiesehöfer von der originären Zweckgebundenheit eines bestimmten Materials. Für sie sind viele Dinge `Zeichen´ der Zeit und oftmals mit einer gewissen Piefigkeit des Populären behaftet: Bilderrahmen vom Flohmarkt, Bücher über Astronomie und Kartografie, Fotografien, Szenen und Tonspuren aus Hollywoodfilmen, eine Blumentopfhalterung, Handarbeitshefte, ein alter Lautsprecher und Pornozeitschriften aus der ehemaligen DDR. In Papierarbeiten, einer Videoinstallation und Objekten, die sie allesamt als Collagen begreift, verwertet Cortiñas verschiedene Vorlagen und betreibt durch humorvolle, formalästhetisch perfekt ausgeführte Kombinationen ihre Entfremdung vom ursprünglichen Kontext. Insbesondere die klischeehafte Darstellung von Geschlechterrollen wird hinterfragt und einer neuen Bewertung unterzogen. Cortiñas erlaubt sich die „Frechheit, alles miteinander zu verbinden, ohne Rücksicht auf Verluste“. Und das strahlen ihre Arbeiten auch aus.
Ein absolutes Highlight im wortwörtlichen Sinne ist die Präsentation von
Zoe Leonard bei
Gisela Capitain. Denn tatsächlich kreist in dieser alles ums Licht. In einem stark verdunkelten Raum fällt durch eine kreisrunde Aussparung Tageslicht. Während sich das Auge den Lichtverhältnissen anpasst, entwickelt sich ein zunehmend scharfes Bild, was als umgekehrtes Abbild der gegenüberliegenden Straßenseite erkennbar wird. Fußboden, Wand und Decke werden zur einheitlichen Projektionsfläche einer Realität außerhalb. Vom Trottoir mit seinen vorbeiziehenden Passanten, über die Bäume vor einem Haus, die Fassade entlang schweift der Blick bis zum Himmel. Die intensiven Minuten der reinen Betrachtung ähneln einem optischen Zu-Sich-Kommen. Mit dem jahrtausendealten Verfahren der Camera obscura stellt Leonard ohne Pathos und mit der leisen Poesie der einfachen Mittel den Sehvorgang selbst dar.
Höchste Ansprüche an den Sehsinn stellen die Werke von
Alexander Gorlizki in ihrer Kleinteiligkeit und Detailfülle. Seit 16 Jahren arbeitet der Künstler mit einer Werkstatt indischer Miniaturmaler zusammen, die seine Ideen und Zeichnungen umsetzt. Bei
Kudlek van der Grinten sind nun nicht nur gerahmte Papierarbeiten, die aus dieser Kooperation hervorgehen, zu sehen, sondern auch das Durcheinander einer dichten Ansammlung von Arbeits- und Archivmaterial des Künstlers. Der Herstellungsprozess wird hier nebst Produkten gleich mit ausgestellt. Gorlizki schöpft aus vielfältigen Bildwelten, verbindet die Ornamentik persischer Malerei und viktorianischer Stickerei mit Fabel- und Hybridwesen sowie abstrakten, amorphen Formen und Ausschnitten von Fotos. Man ist erstaunt, dass man angesichts der technischen Perfektion feinster Miniaturmalerei auf zum Teil alten oder wurmstichigen Papier an den Wahrheitsgehalt der Darstellung glaubt, die sich aber sogleich als reine künstlerische Fiktion enthüllt.
Während Gorlizki die Meisterschaft künstlerischen Handwerks sucht, war für den Amerikaner
James Castle, der 1977 starb, das Handwerk ein notwendiges Mittel zur systematischen Erfassung der Welt. Der Künstler fertigte zeitlebens unzählige Zeichnungen an, von denen eine umfangreiche Auswahl in der
Galerie Karsten Greve ausgestellt ist. Für Castle, der taub war und ohne Kontakt zur Kunstwelt lebte, ersetzten Zeichnungen die Sprache. Wie besessen scheint er seine Beobachtungen notiert, ein Bildarchiv angelegt zu haben. Auf kleinen gefundenen Papierstücken trug er Farbe auf, die er aus Speichel und Ruß anmischte, um mit unverstelltem Blick seine vertraute ländliche Umgebung wiederzugeben. Nicht nur in der Zeichnung vergegenwärtigt er bestimmte alltägliche Strukturen wie die Balkenkonstruktion eines Dachbodens oder die Fassade eines Hauses, sondern auch in zusammengenähten Papierobjekten. Durch seine Fähigkeit der Reduktion auf das Wesentliche bis hin zur Abstraktion wird der bloße Reiz des Naiven übertroffen.
Um ein Bildarchiv kreist ebenfalls die Ausstellung von Jochem Hendricks bei Thomas Rehbein. Der Künstler hat ein großes Konvolut an Film- und Fotoaufnahmen der Frankfurter Polizei erhalten, das Kriminalfälle der 1970er- und 80er-Jahre dokumentiert. Die Negative hat er von Magdalena Kopp, in hochwertigen Silbergelatineabzügen auf Barytpapier entwickeln lassen. Kopp ist Ex-Mitglied der Frankfurter Revolutionären Zellen, Ex-Frau des Terroristen Carlos und zudem gelernte Fotografin. Zu sehen sind neben Hausräumungen, Bombenattentaten, Demonstrationen und Terroranschläge auch ein Banküberfall mit Geiselnahme in vielen Einzelbildern, sowie dem dazugehörigen Einsatzplan der Polizei. Für Hendricks schließt sich durch diese Kooperation ein Kreis, der Polizei und Terrorismus zusammenführt und in dem Späher und Ausgespähte Plätze tauschen: mit der Sichtung polizeilichen Materials begibt sich die ehemals unter ständiger Beobachtung stehende Kopp zusammen mit dem Künstler in die Position des konspirativen Beobachters.
Bei Kewenig sind Pavel Peppersteins gezeichnete Zukunftslandschaften zu sehen, die er 2009 für den russischen Pavillon der Biennale von Venedig entworfen hatte. Seine visionären Szenarien wirken wie Illustrationen oder Comics, in denen traditionelle, kulturgeschichtlich besetzte Zeichen und Symbole als Protagonisten imaginärer Zusammenhänge auftreten. So erscheint auf einem Blatt ein schwarzes Quadrat als Großer Schwarzer Kubus-Sitz der russischen Regierung im Jahre 2099. Mit dem immer wiederkehrenden Verweis auf den Suprematisten Kasimir Malewitsch als Aushängeschild einer genuin russischen Kultur, befragt Pepperstein die kulturelle Identität seines Landes, nicht jedoch ohne eine gehörige Portion Selbstironie. In seinen „Science-Fiction“- Kulturlandschaften führt er den kulturellen und gesellschaftspolitischen Wandel oft ad absurdum.
Trotz der Anziehungskraft des Berliner Kunstherbstes, die den durch den Wegfall des Art Forums erhofften Besucherzuwachs etwas eindämmte, herrschte im Rheinland reger Betrieb. Wenngleich das große internationale Publikum nicht in Scharen herbeiströmte, lässt sich für die teilnehmenden Galeristen das DC Open Wochenende mit den Worten des Mitinitiators Thomas Rehbein als „gelungene überregionale Veranstaltung“ verbuchen. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Insgesamt wird in der zunehmend zuversichtlichen Galerieszene Kölns eine Veränderung antizipiert, die mit der dräuenden Enge in Berlin für Künstler und Kuratoren zusammenhängt und dem Rheinland zugutekommen soll. Man scheint zu wissen und zu warten, jedoch nicht untätig. Insgesamt wird mehr auf Kooperation denn auf Konkurrenz gesetzt. Die gesteigerte Qualität der dritten DC Open blieb unter Sammlern wie Kritikern nicht unbemerkt und ließ „die guten alten Kölner Zeiten“ wiederaufleben, wie man vielerorts hörte.
Henrik Olesen/Danh Vo: „Master-Slave Dialectic” – Galerie Daniel Buchholz, Köln. Vom 2. September bis 22. Oktober 2011
Anja Sopic: „Off Empire, Diko Reisen – Reisebürogalerie, Köln kuratiert von Christian Nagel“ – Galerie Christian Nage, Köln. Vom 10. September bis 29. Oktober 2011
Eli Cortiñas: „Street girls bringing sailors in must pay in advance I“ – Galerie Michael Wiesehöfer, Köln. Vom 9. September bis 5. November 2011
Zoe Leonard: „Available Light“ – Galerie Gisela Capitain, Köln. Vom 9. September bis 29. Oktober 2011
Alexander Gorlizki: „Terms an Condition Apply” – Kudlek van der Grinten, Köln. Vom 10. September bis 30. Oktober 2011
James Castle – Galerie Karsten Greve, Köln. Vom 9. September bis 25. Oktober 2011
Jochem Hendricks: „Crime - Terror – Riots” – Thomas Rehbein Galerie, Köln. Vom 9. September bis 15. Oktober 2011
Pavel Pepperstein: „Landscapes of the Future - The Venice Biennale Installation“ – Kewenig Galerie. Vom 9. September bis 29. Oktober 2011