22. November 2011
Dave McKenzie: „Citizen“ – Galerie Wien Lukatsch, Berlin. Vom 13. November bis 27. Januar 2012
„Citizen“ ist in den USA gerade wieder ein Schlüsselbegriff geworden. Er zeugt von der Repolitisierung der amerikanischen Mittelschicht, die nach langem Schlaf wieder zu erwachen scheint. In diesem Sinne erweisen sich die Arbeiten, die der Afroamerikaner Dave McKenzie unter dem programmatischen Titel „Citizen“ zusammengestellt hat, als hochaktuell – obwohl sie allesamt aus den letzten Jahren stammen. Dass seine Ausstellung in der Galerie Wien Lukatsch ohne seine neuesten Werke auskommt, zeigt einmal mehr, wie wichtig dem Künstler der thematische Charakter bei der Auswahl war.
Dieser Ansatz passt perfekt in McKenzies Grundkonzept: Statt sich dem Druck auszusetzen, ständig Neues zu produzieren, widmet er sich lieber der Neubewertung seiner eigenen Werke, die er fortwährend einer „Selbst-Appropriation“ unterzieht. Es gehört zum Selbstverständnis dieses Künstlers, das Dogma der Dauerproduktivität in Frage zu stellen. In einem Gespräch mit dem Kurator Ryan Inouye sagte McKenzie einmal dazu: „Ich habe nichts dagegen, mich vorwärts zu bewegen, aber bloßes Produzieren suche ich zu vermeiden, denn für gewöhnlich verhindert der Produktionsprozess das Denken. Durch die Neubewertung meiner bestehenden Arbeiten erweitere ich den reflexiven Anteil meines Werks.“
In der aktuellen Ausstellung spielt die politische Dimension dieses Vorgehens eine entscheidende Rolle. „Die Veränderung der Wahrnehmung seiner Werke, die sich im politischen Kontext verschiebt, beschäftigt McKenzie sehr stark“, so die Galeristin Barbara Wien. Ein gutes Beispiel dafür ist das Video We Shall Overcome, das bereits 2004 entstand, als McKenzie als Artist in Residence im Studio Museum in Harlem zu Gast war. Musikalisch unterlegt vom bekanntesten Song der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, folgt die Kamera dem Künstler, der sich in Bill-Clinton-Maske und dunklem Anzug auf den Straßen von Harlem winkend unters Volk mischt. Mit dieser Aktion nahm McKenzie Bezug auf den Ex-Präsidenten, der nach Ablauf seiner Amtszeit in einem symbolischen Akt ein Büro an der 125. Straße in Harlem bezog, von den Anwohnern aber nie dort gesehen wurde. Aus heutiger Sicht bezieht die Arbeit ihren beißenden Witz auch aus dem Fortschreiten der Geschichte. Angesichts der historischen Präsidentschaft von Barack Obama wird die vermeintlich so bürgernahe Geste des Ex-Präsidenten Clinton, der sich gern als erster „schwarzer“ Präsident der USA inszenierte, in ihrer gönnerhaften Herablassung bloßgestellt und endgültig der Lächerlichkeit preisgegeben.
Autobiografischen Ursprungs ist dagegen die Skulptur Politics Is the Art of Compromise (2008), in der Dave McKenzie seine Einbürgerung in die USA verarbeitet. Im paranoiden Post-9/11-Klima wurde dem gebürtigen Jamaikaner, der schon länger in New York lebt, nahegelegt, sich doch einbürgern zu lassen. Die Arbeit – ein Tisch mit zwei Briefstapeln – rekonstruiert die feierliche Zeremonie dieses Prozesses: Vom bedrohlichen Wortlaut des von George W. Bush unterschriebenen Willkommensbriefes entsetzt, vergleicht McKenzie ihn mit der sehr viel liberaleren Version, die die Bürger unter Clinton erhalten hatten. Der von beiden Präsidenten unterzeichnete fiktive Kompromiss-Brief McKenzies besteht schließlich nur noch aus Lücken und den Füllwörtern, die beiden Schreiben gemeinsam waren. Die Leerstellen und Unterschiede zu ergänzen, bleibt der Vorstellung des Betrachters überlassen, der sich bei den Stapeln bedienen darf.
Neben diesem ebenso lakonischen wie aktuellen Kommentar zur Veränderung des politischen Klimas in den USA gelingt es McKenzie auch bei Good Looking Out (2008) in subtiler Weise, jene „Kultur der Angst“ zu umreißen, die das Land seit den Ereignissen vom 11. September 2001 fest im Griff hat. Wieder war ein persönliches Erlebnis Ausgangspunkt, diesmal eine Zufallsbegegnung mit einem Betrunkenen, der an der Bushaltestelle vor sich hin brabbelte: „Good looking out / he said / They broke my Teeth out / he said / They are trying to push us out“ – Worte, die nun in einzelnen Aluminiumlettern an einem Spalier alter Fernsehantennen an der Wand hängen, unleserlich wie der Geheimcode eines Paranoikers.
Dennoch vermisst die Ausstellung den performativen Anteil von McKenzies Werk, der Marina Abramovic zu seinen Haupteinflüssen zählt. Eine Ahnung davon vermittelt das Bild Proposal (2007), das dem Betrachter in schwarzen Buchstaben den Vorschlag unterbreitet, sich doch einmal im Jahr zu treffen, bis einer keine Lust mehr hat. Ähnlich verfuhr McKenzie bereits bei I’ll Be Back, 2008-2018 anlässlich der Prospect.1 Biennale New Orleans, die nach dem Hurrikan Katrina stattfand. Die Arbeit bestand aus dem Versprechen McKenzies, im folgenden Jahrzehnt einmal jährlich in die Stadt zurückzukehren. In genial einfacher Weise durchbrach der Künstler so die routinierten, angesichts der Katastrophe fragwürdigen Gepflogenheiten des Biennale-Betriebs und zeigte damit zugleich das verbindlichste Engagement aller Anwesenden.
Wie virtuos McKenzie übrigens auch mit Mitteln der Pop-Kultur spielt, lässt sich an der Videoarbeit Present Tense (2007) ablesen, die Überblickcharakter hat. In liebevoller Stop-Motion-Animation unternimmt McKenzie einen Streifzug durch sein bisheriges Schaffen, in dem Andy Warhol, SpongeBob, Basketbälle und die Puppenvariante seines Alter Egos Dave die Hauptrollen spielen – letzteren verbindet offenbar dieselbe Hassliebe zu seiner Heimat wie McKenzie selbst.