Das Vermittlungsprogramm der documenta 12

Ausgestellte Gesprächskultur

Petra Reichensperger
24. Mai 2007
Wer 1955 die erste documenta besuchte, konnte sich anhand eines aktuellen Benimmbuches vorbereiten: „Begleitet ein Herr eine Dame in eine Ausstellung, so wird es für ihn ratsam sein, sich einen Katalog zu beschaffen, damit er der Dame möglichst die Erläuterungen zu geben imstande sei, die sie von ihm erwartet.“ Seitdem hat sich in Sachen Kunstvermittlung auch in Kassel vieles getan. Aber wie sieht es heute aus?

„Die documenta wird mit Sicherheit einer der letzten Orte sein, an denen sich die Paradigmen zur Kunstvermittlung ändern können“, verkündete Carmen Mörsch vor fünf Jahren. Die Oldenburger Juniorprofessorin für Kulturwissenschaft gilt als ausgewiesene Expertin für die Geschichte der Kunstvermittlung. „Aus logistischen und ideologischen Schwierigkeiten heraus“ habe die documenta die Rolle beispielhafter Kunstvermittlung an die kleinen Institutionen verloren. 2002 glaubte Mörsch noch, „dass es wichtig ist, in den kleinen Kunstvereinen anzufangen, gute Beispiele zu produzieren, die man dann vielleicht irgendwann in 20.000 Jahren auf die Großevents anwenden kann.“ Doch so pessimistisch scheint sie nicht mehr zu sein, denn nun ist sie für die documenta als wissenschaftliche Beraterin für die Vermittlung und als „Begleitforscherin“ tätig. Gemeinsam mit Roger M. Buergel und seinem Vermittlungsleiter Ulrich Schötker soll sie im Großen ermöglichen, was seit langem viele Kritiker nur noch den Orchideenblüten zutrauen wollen.

Dabei lässt der künstlerische Leiter selbst keinen Zweifel daran aufkommen, dass Vermittlung jenes Kriterium sein soll, an dem sich Konsum von kritischer Praxis unterscheidet: „An der Vermittlung scheiden sich die Geister“, meinte Buergel schon im November 2006, „am Ethos der Vermittlung erkennt man den Unterschied zwischen einer bloßen Konsumhaltung und einem emanzipatorischen Anspruch. Hier unterscheidet sich die Ausstellung von Disneyland, vom Uniseminar, von der Diskothek, vom Louis-Vuitton-Shop.“ Oder sie unterscheidet sich eben nicht. Schötker, ein erfahrener Pädagoge, wies bei der damaligen Pressekonferenz in der Berliner Neuen Nationalgalerie der klassischen Ausstellungsführung die zentrale Bedeutung beim Wissenstransfer zu. Ästhetische Erfahrung brauche Zeit und eine wirksame Versprachlichung. Keine der offiziellen Führungen werde daher weniger als zwei Stunden dauern. Es ist, als solle das Großevent endlich zur Pilgerreise werden. Daher wird nicht nur eine interaktive, selbstkritische und experimentelle Kunstvermittlung prophezeit, die Vermittlung wird auch erstmals selbst zum sichtbaren Ausstellungsstück.

Zu diesem Zweck wird die Ausstellungsarchitektur mit hoher Symbolkraft um einige „Palmenhaine“ als Inseln der Kontemplation und Kommunikation ergänzt. So soll auch räumlich die Chance genutzt werden, den Status der Kunstvermittlung wie jenen der Kunstvermittler neu zu befragen. Auch wenn heute kein Förderantrag ohne ein überzeugendes Vermittlungskonzept Aussicht auf Bewilligung hat, werden die interpersonellen Vermittler und die eigentlichen Produzenten selten in die grundlegende Ausstellungskonzeption einbezogen. Ihre Funktion galt zu lange als Decorum und bloße Dienstleistung.
Im Gegensatz dazu ist bereits in der Vorbereitungszeit der diesjährigen documenta eine produktive Doppelbewegung zu beobachten. Carmen Mörsch berichtete in ihrem Vortrag eindrücklich, wie „die Kunst in die Stadt Kassel hinein dringt und Bürger der Stadt in die Ausstellung dringen“. Roger M. Buergel und Ruth Noack betonen unermüdlich die Notwendigkeit, Initiativen und Netzwerke mit unterschiedlichstem Wissen in globaler wie lokaler Perspektive für einen produktiven Austausch zu nutzen. So soll etwa über den Beirat und das weltweite publizistische Netzwerk hinter den documenta magazines der Gestaltungsraum für die Ausstellung erweitert und die Reflexion über Kunst und ihre Vermittlung angeregt werden.

Dem 2005 gegründeten Beirat kommt dabei offenbar besondere Bedeutung zu. Er soll dem Ufo documenta zur sicheren Landung auf Kasseler Boden verhelfen. Ziel des vierzig Mitglieder umfassenden Beirats ist es demnach, die Bedeutung der drei Leitfragen für die fragmentierte und noch immer von den Spätfolgen ihrer Kriegszerstörungen gezeichnete Stadt Kassel zu untersuchen; einer gebauten Identitätskrise, die heute die höchste Dichte an Selbsthilfegruppen in Deutschland aufweist. Es geht darum, „Ideen und Ansätze der documenta 12 in die Stadt, die Betriebe oder Schulen hineinzutragen“, damit Bürger eigene Formate dazu entwickeln können, erklärt Ayse Güleç, Sprecherin des Beirates. Gemeinsam mit ihren Kollegen will sie zu den Leitfragen schon vor Ausstellungsbeginn „Nachhaltigkeit“ stiften.

Die Möglichkeit einer Veränderung scheint in der Gründung des Beirats, der Vernetzung der Magazine und der Entwicklung von spezifischen Vermittlungsprojekten auf: Nicht mehr „Kultur für alle“, sondern „Kultur durch alle“ lautet die gegenwärtig noch vage und zumindest arbeitsrechtlich in alten Strukturen verharrende Verheißung. Die Kunstvermittlung der documenta 12 entgegen der Behauptung nicht integraler Bestandteil des Ausstellungsprojekts, sondern, wie schon bei der documenta 11, ein „outgesourcter“ Nebenzweig. Erneut hat sich die Leitung für die Zusammenarbeit mit x:hibit, einem Anbieter aus Berlin, entschieden. Das Budget für die Vermittlung wurde ebenfalls nicht angehoben, so dass all die neuen Aktivitäten und spezifischen Vermittlungsprojekte, die während der Ausbildung der Vermittler entwickelt wurden, über Drittmittel finanziert werden müssen. Und auch die proklamierte Zusammenarbeit der Vermittlung mit der Künstlerischen Leitung auf Augenhöhe zeigte schon relativ früh erste Reibungsflächen. So gab es hinter den Kulissen trotz aller guten Worte und Kooperationen Schwierigkeiten bei der Formulierung der Themen für die Besucherführungen, sobald differenzierte Inhalte jenseits der abstrakten Leitfragen festzulegen waren.

Wenn der „Sinn der Kunst erst zugedacht“ werden muss, wie es in der Selbstdarstellung der documenta 12 zum Thema Bildung heißt – sollte dann wirklich die künstlerische Leitung Vordenker der Vermittlung sein? Carmen Mörsch sieht es dialektisch: „Was aus der derart einverleibten Position heraus bleibt, ist der Versuch, Kunstvermittlung auf der documenta 12 trotz oder gerade wegen der Umarmung der Institution als Praxis zu konzipieren, die es im Sinne Michel Foucaults darauf anlegt, ‚nicht in dieser Weise regiert zu werden’.“ Wie diese fast paradoxe Aufgabe in Kassel gelöst werden kann, wird sich bald zeigen.


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