23. Oktober 2010
„Das Potosí-Prinzip. Wie können wir das Lied des Herrn im fremden Land singen?“ – Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Vom 8. Oktober 2010 bis 2. Januar 2011
Was für ein Mordsbrocken von Ausstellung! „Das Potosí-Prinzip“ ist eine reichhaltige Schau, engmaschig gestrickt und thesenreich argumentierend. Leicht machen es uns die Kuratoren nicht. Man kann sich zwar mit Riesenvergnügen in Parcours oder Katalog hineinstürzen, wird dabei von den Machern aber ziemlich nachdrücklich an die Hand genommen, was nicht selten über die Schmerzgrenze hinausgeht. Zudem tritt diese Schau mit einem dezidiert politischen Wirkungsanspruch auf. Eine Ausstellung als kulturhistorische und kapitalismuskritische Bildungsreise. Ziel der Kuratoren ist es, eine Urszene der Globalisierung zu beleuchten sowie deren gegenwärtige Auswirkungen unter die Lupe zu nehmen. Dafür wird fast alles aufgeboten, was es an künstlerischen Strategien gibt: Hier finden sich partizipative Funktionsästhetik und überwältigende Gesamtkunstwerkansätze, kunsthistorisches Expertenwissen und kämpferische Agit Prop-Attitüden, dokumentarische Fleißarbeit und künstlerische Fiktion zugleich. Ein Riesenunterfangen wie das von Alice Creischer, Max Jorge Hinderer und Andreas Siekmann gemeinschaftlich kuratierte „Potosí-Prinzip“ kann eigentlich nur schiefgehen. Vor allem, wenn dabei auch noch persönliche Faszination und manch aufklärerisch frommer Wunsch mit im Spiel sind. Wo soll man da bloß beginnen?
Am besten ganz konkret beim Aufhänger des Projekts, dessen Kräftezentrum das bolivianische Städtchen Potosí ist. Anfang des 17. Jahrhunderts zählte die im Zuge der „Conquista“ gegründete Bergbausiedlung zu den bevölkerungsreichsten Städten der Welt – weit vor Madrid oder London. Grund war der unter spanischer Kolonialherrschaft systematisch betriebene Silberabbau in den Minen des Hausbergs von Potosí, dem Cerro Rico, bei dem massenhaft indigene Arbeitskräfte unter sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen verschlissen wurden. Für das Kuratorentrio bildet Potosí das Inbild des modernen Kapitalismus: Karl Marx’ berühmte Formel der „ursprünglichen Akkumulation“, der Scheidung von Produzent und Produktionsmittel, sie sei hier erstmals Wirklichkeit geworden. Die historische Richtigkeit dieser These mag infrage stehen, die daran geknüpften Beobachtungen, die darum gestrickte Ausstellungsfiktion sind frappant. Denn das Silber von Potosí, das für einige Dekaden in spanische Schatzkammern spült, diente einerseits ganz unkapitalistisch stagnativ als repräsentativer Schmuck und liturgischer Zierrat, es ließ das Königreich Spanien an sich selbst ersticken. Andererseits aber setzte es auch einen globalen Kapitalfluss in Gang, den eine überraschende Flut an weltweit kursierenden Bildern begleitet. Was Creischer/Hinderer/Siekmann hierbei in den Blick nehmen, ist die Funktion dieser Bilder, ihre ambivalente Rolle als Herrschaftsmittel und zugleich als künstlerische Artikulationsform, in die sich konkrete Lebensbedingungen einschreiben – bis in die Gegenwart hinein.
Tatsächlich sind die historischen Fund- und Exempelstücke, Malereien, Altarbilder, Chroniken des sogenannten andinen Barock hochgradig faszinierend, wenn auch in der bedrängenden Enge dieser Schau leider alles andere als gut einsehbar. Dennoch sind diese nach flämischen und spanischen Vorbildern von indigenen wie spanischen Künstlern manufakturierten Bildwerke, die kaum über die Grenzen Südamerikas hinaus bekannt wurden, das große Kapital der Schau. In ihnen amalgamiert das – meist religiös motivierte – „offizielle“ Bildprogramm mit lokaler Kultur und individueller Anschauung: so etwa in Virgen del Cerro, einer anonymen Bildtafel von 1720, die den Silberberg Cerro Rico in einer Art animistischer Umdeutung mit dem Corpus der Jungfrau Maria verschmilzt, der vor lauter Minen- und Stolleneingängen wie von Wunden übersät aufklafft und zum Schauplatz für Streitigkeiten zwischen Minenbetreibern oder Glücksrittern wird. Faszinierend auch, wie das historische Stadtpanorama in der riesig dimensionierten Descripción del Cerro Rico e Imperial Villa de Potosí (1758) des Gaspar Miguel de Berrío zugleich architektonisch-technisches Stadtmodell und Reportagemalerei wird, die uns das städtische Leben in seinen vielen Verrichtungen schildert, nur dass merkwürdigerweise jeder Hinweis auf (Minen-)Arbeit und Produktion fehlt. An dieser Stelle greift auch das durchgängige und oft genug forciert wirkende kuratorische Verfahren, lokale Historie neben zeitgenössische internationale Kunst zu stellen. Denn Harun Farocki macht uns in seinem fürs „Potosí-Prinzip“ kommissionierten Zweikanal-Film Das Silber und das Kreuz (2010) mit den Mitteln bildkritischen Close Readings jenes Stadtpanoramas und direkter Recherche am Schauplatz Potosí das sichtbar, was de Berríos Bild unterschlägt.
Geradezu unverbindlich werden die Korrespondenzen zur Gegenwartskunst, die zumeist von den Kuratoren für die Schau in Auftrag gegeben wurde, wenn etwa Matthijs de Bruijne ein Update seines 1000dreams.org-Projekts (2009-2010) einbringt, für das er, relativ unspezifisch, Traumerzählungen von zufälligen Bekanntschaften während einer Chinareise aufzeichnet. Auch der Beitrag von Konstanze Schmitt und Stephan Dillemuth zusammen mit der Gruppe Territorio Doméstico lässt es an künstlerischer Stärke missen. Hier wird die Praxis dieser Aktivisten, die für die Rechte nach Spanien migrierter, südamerikanischer Hausangestellten kämpfen, zur Nacherzählung re-installiert. Doch ob sich das leider allzu echte Problem der „Sichtbarkeit“ gesellschaftlicher Randgruppen so leicht in die Darstellungskonventionen der Kunst überführen lässt, wie es die angeeigneten Requisiten dieses Triunfo de las domésticas activas (2010) vormachen möchten?
Im Großen und Ganzen geht diese Schau aber hervorragend auf als Geflecht der Bezüglichkeiten. Dies ist eine ihrer Stärken – doch auch ihr wunder Punkt. Die Kuratoren halten nämlich nicht immer die nötige Distanz ihren Zutaten, den verschiedenen Bild- und Wissensressourcen gegenüber ein, die sie zum Beleg ihrer These verflechten. Zugleich erlauben sie sich allzu bereitwillig, den Betrachter dirigistisch von Tagesordnungspunkt zu Tagesordnungspunkt zu führen. „Das Potosí-Prinzip“, das zwischen Geschichte und Gegenwart, Kunst und Ökonomie, postkolonialem Diskurs und globaler Perspektive hin- und herspringt, zwingt uns, mit den Augen seiner Kuratoren zu sehen. Kaum ein Exponat, das sich selbst, aus der Anschauung heraus erklären würde. Kaum eine Arbeit, ob historisch oder aktuell, zu deren Verständnis wie zu ihrem Stellenwert für die Schau wir nicht hilflos-dankbar bei den sorgfältig gestalteten Ausstellungsführern oder gleich beim Dokumente-reichen Katalog Zuflucht nehmen müssten. Da gibt es Lupen, Ferngläser, Gerüste – kaum ein schauerlicher partizipatorischer Kniff bleibt uns erspart, um uns vom Schauen zum Lesen, zum regelrecht didaktisch instrumentalisierten Perspektivwechsel zu zwingen. Das ist, wer die kuratorische Praxis von Alice Creischer und Andreas Siekmann als Teil und Wesenszug ihrer künstlerischen Projekte kennt, ebenso lästig wie konstitutiv.
Und doch – man nimmt es hin. Denn einerseits ist die Schau vom Parcours bis in die Publikation hinein handwerklich sauber, präzise adressiert und nach besten Kräften verantwortet. Und andererseits geht „Das Potosí-Prinzip“ in der Tat uns alle an. Es zeigt die historischen Kontinuitäten eines ökonomisch-kulturellen Prozesses, der in seinen Auswirkungen bis heute furchtbar ist. Der Zusammenhang von globalem Kapital und individuellem Leben ist für den größten Teil der Menschheit um nichts weniger prekär geworden. Dass kulturelle Produktion als Herrschaftsmittel missbraucht wird, wie sich gerade die Kunst komplizenschaftlich ans globale Kapital schmiegt und regelrecht strukturell im Gleichklang mit den herrschenden Verhältnissen existiert, auch davon gibt uns diese Schau einen präzisen Eindruck. Dadurch wird aber auch die Selbstverpflichtung dieser Ausstellung als kritische, kuratorisch-künstlerische Praxis wie auch ihre Leistungsfähigkeit als ästhetisch-didaktisches Modell überprüfbar. Und in dieser Hinsicht fällt die Bilanz des „Potosí-Prinzips“ gar nicht mal so schlecht aus. Respekt.