22. Dezember 2010
Zum Malerstar, so lehren Geschichte und Marketingexperten, wird auch der Tüchtigste nicht von alleine. Begabung, künstlerische Wiedererkennbarkeit, Vorbild-Qualitäten und Zeitgeistgespür sollte man selbst mitbringen. Doch für den Durchbruch braucht es das nötige Quäntchen Glück, das heißt, einen gut positionierten Entdecker, die Fürsprache wichtiger Stimmen, gute Netzwerkarbeit am Markt und den Zugang zu öffentlichen Plattformen.
Florian Süssmayr hatte Glück: Susanne Gaensheimer stolperte über seine Bilder, Chris Dercon richtete im Haus der Kunst eine Einzelausstellung aus, Rüdiger Schöttle nahm ihn ins Galerieprogramm auf, und Niklas Maak bejubelte den Künstler im werkeinführenden Katalog als Ausnahmeerscheinung.
Dem Glück kann man viel Unlauteres nachsagen. Unstetigkeit. Ein Faible für Parvenüs. Die Unausgewogenheit seiner Gunst. Doch nicht, dass es konstruierbar wäre. Das ambitionierte Demiurgen-Quartett hat es dennoch versucht und aus einem Künstler eine Kunstfigur gemacht. Heute, fünf Jahre nach der Aufregung der regionalen Presse um „Münchens schnellsten Aufsteiger“, „die lokale Kunstentdeckung“ oder den „Shooting-Star der tristesse bavaroise“, steht Florian Süssmayr ein bisschen linkisch im schicken dunklen Zweiteiler in der Galerie Rüdiger Schöttle, wo er noch bis zum 5. Februar seine Werke zeigt. Doch die endgültige Inthronisation zum Malmonarchen steht noch immer aus. Erkundigungen nach seinem langjährigen Kronprinzendasein weicht er aus. Ein „moderner Maler, ein moderner Mensch“ will er sein, kein Prinz Charles der Kunstgeschichte. Er fühle sich „auf jeden Fall privilegiert, wenn meine Arbeit wahrgenommen wird“, hangelt sich Süssmayr weiter. Das ist die Crux daran, wenn man kein gemachter Künstler sein möchte, aber ein gemachter Mann.
Der ganze Trubel begann 2004, als die damalige Lenbachhaus-Kuratorin Gaensheimer die Ausstellung des Autodidakten in einem Ladenlokal am Münchner Hauptbahnhof besuchte. Der hellsichtige Titel der Schau war „Bilder für Deutsche Museen“. Das wirkt aus heutiger Sicht wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Als wäre Süssmayr damals schon bewusst gewesen, dass seine (alt-)deutsche Motivik rund um Biertische, Wirtshaustafeln und Trachtenträger den eigenen Marktwert bestimmen und auch eingrenzen würde. Nein, nein, kommt sofort die Replik, und Süssmayr erzählt die Geschichte einer gänzlich erfolglosen Show in seiner Zürcher Galerie im Jahre 2003. Damals habe sein Galerist Jörg Stummer sich an eine ähnlich verkaufsschwache Ausstellung namens „13 Bilder für Schweizer Museen“ erinnert. An diesem „tollen Titel“ habe er sich orientiert. Und diesen „Stempel des Münchner Malers“ habe er nur, weil er so „wenig spekulativ mit der Motivwahl“ sei, ist sich Süssmayr sicher: „Ich nehme das, was am Nächsten ist“, erklärt er seine Herangehensweise. Und seine Freude darüber, „wenn ein Bild gut geworden ist, obwohl etwas so Banales darauf ist, wie der Vorhang im Treppenhaus meiner Eltern.“ Der hängt jetzt also bei Schöttle. Wie frisch aus dem Stempelkissen gehüpft, geben volkstümliche Figuren in stilisierter Tracht der schwingenden Bewegung des Stoffes nach. Eine frische Brise weht vom Treppenhaus herein – man spürt sie kaum nach so viel heißer Luft.
München hat, trotz günstig arrangierter Vorzeichen, keinen Neo Rauch bekommen. Süssmayr, für den ein Umzug nach Berlin „das Eingeständnis eines Scheiterns“ wäre, wird hier, so sagt er, „weiter die Stellung halten“. Er bleibt ein münchengemachtes Phänomen – und zeigt auf, dass lokal eingespieltes Spezltum jenseits des Weißwurstäquators schnell mal zu kurz reichen kann. Die Definitions- und Marktmacht einzelner Strategen über die Relevanz zeitgenössischer Künstler scheint – glücklicherweise – begrenzt. Begrenzter offenbar, als von den Protagonisten selbst angenommen. Dass derlei Aktionen Münchens Ruf als Kunststandort für internationale Zeitgenossen nicht festigen, dürfte inzwischen klar sein. Eine Stadt wird auch durch solche Possen zur Provinz.