Das Geistige in der Kunst

Einhundert Jahre ist es her, dass Wassily Kandinsky seinen Essay „Über das Geistige in der Kunst“ verfasste, geschrieben 1910, veröffentlicht 1912. Sein Begriff von einer „inneren Notwendigkeit“, aus der heraus ein Künstler sein Werk schaffen müsse, ist seitdem nicht weniger relevant – aber heute scheinbar kaum noch aktuell.


Beuys verstand Kunst als Instrument zur Befreiung des Menschen. Das gesamte Leben wollte er in der künstlerischen Gestaltung aufgesogen wissen. Dieses Mittel, das das Ende der Moderne und aller Traditionen einleitete, nannte er „Soziale Plastik“ – ein Verständnis, das bei Leonardo beginnt und bis heute relevant ist.

Kandinsky lässt grüßen. Nicht nur dem Modernismus, selbst der Postmoderne hat er entscheidende Stichworte geliefert, auch wenn deren Geist mit seinem „Geistigen in der Kunst“ nicht mehr viel gemein hat. Mit seiner Selbsteinschätzung, er sei der erste, der jemals ein abstraktes Bild gemalt habe, lag er allerdings ziemlich falsch.

Copy and Paste ist en vogue – und das nicht nur in der Politik. Die junge Künstlergeneration bedient sich heute wie selbstverständlich bei der Stilgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Moderne dient ihr als eine Art Steinbruch, aus dem man sich das besorgt, was man gerade gebrauchen kann. Wie viele Künstlergenerationen müssen wir noch über uns ergehen lassen, die sich im Zitieren der Klassischen Avantgarde verheddern?

Kandinsky – ein Okkultist? Einer, der im Geistigen auch die Schatten der „Geister“ miteinbezog? Das will der Kunstbetrieb von heute mit seinem Hang zu Mixed Media und Migrationsthemen nicht wahrhaben. Hier wird das Geistige eher wie ein hochprozentiges Getränk goutiert, während junge Outsider-Adepten mit Harry-Potter-Gesten daherkommen.

In Wiesbaden zeichnet die Ausstellung „Über das Geistige“ den Einfluss des deutschen Expressionismus auf die „New York School“ nach. Sie schließt damit endlich eine Lücke in den Neuerungen der Kunstgeschichte, die Amerika gern für sich reklamiert.

Was andere belächeln, ist für ihn tiefer Ernst: Die Transzendenz in der Kunst. Björn Dahlems filigrane Skulpturen erzählen von Romantik, Reliquien und Relativitätstheorie – und hüllen die aufgeklärte Welt in einen Schleier aus Pathos und Poesie.