19. Juli 2011
Da kann man nur gratulieren. Schneller als erwartet hat die Kunsthalle Mannheim einen Mäzen für ihren auf 67 Millionen Euro geschätzten Neubau gefunden, der den maroden Mitzlaff-Bau aus den Achtzigerjahren an der Rückseite des historisch gewachsenen Komplexes ersetzen soll. Ihren Retter, der 50 Millionen Euro für die Realisierung spendet, stellten Oberbürgermeister Peter Kurz und Museumsdirektorin Ulrike Lorenz heute Nachmittag auf einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz vor: Es ist die Weinheimer Hector-Stiftung II, die sich im kulturellen Bereich und in der medizinischen Forschung engagiert. Ins Leben gerufen wurde sie 1995 von dem Ehepaar Josephine und Hans-Werner Hector. Der 71-jährige Mathematiker ist Mitbegründer des Software-Unternehmens SAP und für die Mannheimer Kunsthalle kein Unbekannter. Seit Jahren fördert er sehr großzügig das Museum und verleiht gemeinsam mit der Kunsthalle alle drei Jahre den Hector-Kunstpreis. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung ging zuletzt an Tobias Rehberger, dessen poppiges Biennale-Café in den venezianischen Giardini zu erleben ist. Darüber hinaus finanzierte die Hector-Stiftung der Kunsthalle bereits 1998/99 einen Umbau von 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und 2006 das Kreativitätszentrum. Seit 2007 unterstützt sie mit 400.000 Euro jährlich die wissenschaftliche Arbeit des Museums.
Zur Sanierung der Kunsthalle hatte die Stadt Mannheim in diesem Frühjahr eine umfangreiche Studie vorgelegt. „Wir kommen hier nur mit Hilfe Dritter zu einer Lösung", machte damals Oberbürgermeister Peter Kurz deutlich. Von Anfang an plante die Stadt dafür 50 Millionen Euro von privater Seite mit ein. In diesem Zusammenhang fiel auch immer wieder der Name des Ehepaars Hector. Das großangelegte Sanierungs-Projekt und den Neubau-Gedanken forcierte Ulrike Lorenz, seit 2009 Kunsthallen-Direktorin: „Das ist der einzige Weg, das Haus in die Zukunft zu führen. Die wunderbare Moderne-Sammlung Mannheims, die Kunst des 19. bis 21. Jahrhundert präsentiert, braucht angemessene Räume, die ihrer Bedeutung entsprechen“. Neben 33.000 Blättern (Handzeichnungen, Aquarellen und Druckgraphiken) besitzt das Museum über 2.000 Gemälde und 800 Skulpturen. Den Wert der Sammlung beziffert man mit über 250 Millionen Euro. Der Schwerpunkt liegt auf dem deutschen und dem französischen Impressionismus, der Neuen Sachlichkeit, dem Expressionismus sowie dem deutschen und französischen Informel. Spitzenobjekte bei den Skulpturen des 19. Jahrhunderts sind Werke von Auguste Rodin, Edgar Degas, Honoré Daumier, beim 20./21. Jahrhundert von Wilhelm Lehmbruck, Henry Moore, Max Ernst und Mario Merz.
Anlässlich des 300-jährigen Stadtjubiläums wurde die Kunsthalle Mannheim 1907 als eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne gegründet. Ihr zweiter Direktor Gustav Friedrich Hartlaub (1864-1963) initiierte hier 1925 die epochale Ausstellung „Die neue Sachlichkeit“, die dem ganzen Stil ihren Namen gab. Den prächtigen, zweiflügeligen Jugendstil-Kernbau (Billing-Bau) an der Moltkestrasse entwarf der bekannte Karlsruher Architekt Hermann Billing (1867-1946). Bald jedoch reichte der Schauraum nicht mehr aus. Schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gab es Diskussionen um einen Ausbau, die in den späten Fünfzigerjahren wieder aufgegriffen wurden. Schließlich realisierte man 1983 den postmodernen Erweiterungsbau des Mannheimer Architekturbüros Lange, Mitzlaff , Böhm und Müller (Mitzlaff-Bau) am Friedrichsplatz für 27,5 Millionen DM. Doch schon bald konnte das kaum klimatisierbare Gebäude nicht mehr internationalen Museumsstandards genügen. „Darüber hinaus entspricht die unauffällige Nutzarchitektur an dem Hauptplatz in Mannheim nicht mehr den zeitgemäßen Ansprüchen an Architektur“, fügt Ulrike Lorenz hinzu. Seit 2010 wird die Kunsthalle Mannheim bereits generalsaniert. Das von Hermann Billing errichtete Haus ist erst 2013 wieder zugänglich. Im Mitzlaff-Bau ist derzeit die Schausammlung in komprimierter Form zu sehen. Dank ihrem neuen und alten Mäzen kann die Kunsthalle nun in die Zukunft starten – Im nächsten Jahr wird ein Architekturwettbewerb ausgelobt.