23. September 2009
Eigentlich ist das
art forum berlin die privilegierteste Messe der Welt. Keine andere Stadt übt gegenwärtig eine so große Anziehungskraft auf Künstler aus wie Berlin. In keinem anderen Kunsthandelszentrum lässt sich einfacher eine Galerie eröffnen als in dieser Metropole billiger Mieten. Es gibt keine Kapitale im globalen Kunstzirkus, in der sich Experimente, Visionen oder Provokationen zu geringeren Gestehungskosten produzieren ließen als an den Ufern der Spree. Noch immer ist Berlin nicht zur Weltstadt geworden, aber es ist die größte Wohngemeinschaft der Kunst. Die Avantgarde ist tot, aber in Berlin feiert sie jeden Tag Auferstehung. Man müsste die neuen Ko-Direktoren der Messe,
Eva-Maria Häusler und
Peter Vetsch, also beglückwunschen zu ihrem neuen Job, der sie vom Messegiganten
Art Basel, Weltmarktführerin unter den Kunstmessen, ins raue Berlin geführt hat. Man müsste, traut sich aber nicht recht. Schließlich ist da die Rezession und sind da die Berliner Standort-Krankheiten, gegen die sich unter Krisenbedingungen nur mühsam ankämpfen lässt.
Denn noch immer sind die Sammler in Berlin rar. Das Einkommen ist niedrig. Jeder weiß, dass der hiesige Bürgermeister seine Stadt arm genannt hat, um berlintypisch aus dem Missstand besondere Attraktivität abzuleiten. Weil die Stadt für Kreative sexy ist, verkauft sich Kunst auf einer Messe aber noch lange nicht von selbst. Künstler sind Anbieter, nicht Kunden der Messe, und die Verzahnung des Galerienstandortes Berlin mit seiner Messe war zuletzt eine traurige Scheidungsgeschichte, obwohl das art forum berlin von seiner ehemaligen Direktion viele kuratorische Impulse erhalten hatte und vielen neuen Märkten gegenüber vorausschauend aufgeschlossen war. Am Ende fanden die Händler der Stadt und die Messemacher nicht mehr zusammen. Die neue Leitung hatte vor allem die Hausaufgabe zu erfüllen, abgewanderte Galerien wieder an Bord zu holen. Dieses Problem scheint zunächst gelöst. Unter den ausgewählten 130 Galerien, für die sich das „Selection Committee“ – bestehend aus Bärbel Grässlin (Galerie Bärbel Grässlin, Frankfurt am Main), Mehdi Chouakri (Galerie Mehdi Chouakri, Berlin), José Freire (team gallery, New York), Georg Kargl (Georg Kargl Fine Arts, Wien), Nicky Verber (Herald St., London) und Paolo Zani (ZERO, Mailand) – entschieden hat, sind auch viele Abtrünnige auszumachen. Ein pragmatischer Ansatz scheint hier vertrauensbildend gewirkt zu haben. Ob sich die nach einem krisenhaften Jahr bereits wieder wachsenden Erwartungen der Galeristen dabei erfüllen werden, wird man in den kommenden fünf Tagen sehen.
In diesem Jahr heißt die Free-Style Sektion in neuer Klarheit „focus“ (mit den Galeristen Robert Meijer und Jocelyn Wolff als Berater des Auswahlgremiums). Es gibt Außenraumprojekte. Die Messe bittet eine Non-Profit-Organisation zum Ausstellerkreis hinzu (in diesem Jahr das Studio Voltaire aus London). Auch um die Sammler hat man sich bemüht und ein „Host Committee“ als ideellen Beirat ins Leben gerufen, auch wenn es im Hintergrund ein deutliches Rumoren darüber gibt, dass die Einladungspolitik der Messe in diesem Jahr etwas sehr selektiv ausgefallen ist. Insgesamt aber herrscht Klarheit am Berliner Funkturm. Die neue Messeleitung hat nicht nur die Erfahrungen eines globalisierten Messeriesen mitgebracht, sondern auch vertiefte Kenntnisse der Probleme und Schwierigkeiten, mit denen die Basler Messe an verschiedenen Standorten fertig werden musste. Hier ist eine Direktion am Werk, die Bodenständigkeit beweisen will, um wachsen zu können. Es muss sich nun zeigen, ob der launische Berliner Kunstbetrieb Geduld mit seiner neuen Messe hat – und ob beide Seiten das Kapital des Produktionsstandortes Berlin nutzen können. Es gibt wenige Standorte, an denen sich das klassische Messegeschäft und eine sich stetig verändernde Galerielandschaft enger verbinden ließen als hier.
artnet wird die Messe vor der eigenen Haustür mit einem Live Blog begleiten. In ständigen Aktualisierungen bieten wir Informationen über neue künstlerische Positionen, Preise, Verkäufe und Personen an. Folgen Sie ab morgen unserer stündlich ergänzten Berichterstattung. Unser Magazin wird der Liveticker des frisch reformierten art forum berlin sein.