Daniel Knorrim im Rumänischen Pavillon auf der 51. Venedig-Biennale

Hier macht die Geste des Künstlers Sinn

Astrid Mania
7. Juli 2005
Von der „Europäischen Influenza“ erfasst, ist der Rumänische Pavillon Patient und Ansteckungsherd zugleich: In dem leeren Gebäude, das nichts weiter als sich selbst und die Spuren vorangegangener Ausstellungen präsentiert, stehen die Türen sperrangelweit offen, auf dass die Grippe ausgetrieben, aber auch verbreitet werde. Daniel Knorr als Künstler und Marius Babias als Kurator verweigern jegliche materielle Repräsentationsform, offerieren stattdessen den leeren Raum als Ort der Reflektion und Infektion. Hierzu geben sie dem Besucher einen umfangreichen Reader an die Hand, in dem Kunstkritiker, Kunsthistoriker, Künstler und Philosophen Symptome und Historie der „Pandemie Europa“ beleuchten und den Identifikationsprozess der Staaten des ehemaligen Ostblocks kritisch kommentieren.

Die Situation Rumäniens wird dabei exemplarisch als die eines jener Staaten diskutiert, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf der geopolitischen und kulturellen Landkarte hin- und her geschoben und entsprechend immer wieder mit einem neuen Begriff versehen werden. Dieser impliziert zumeist vorgefasste Bilder, Klischees und Vorurteile von Außen. So gilt Rumänien bisweilen als osteuropäischer oder auch mitteleuropäischer Staat, dann wieder als Balkanland, wurde von einem postkommunistischen zu einem EU-Anwärterstaat.

Alexander Kiossevs Begriff der Selbstkolonisierung, der im Reader an mehreren Stellen diskutiert wird, benennt dagegen eines der Symptome, die mit dem Prozess der Identifikationsbildung von Innen heraus einhergehen. Die Kunst spielt in diesem Komplex eine wesentliche Rolle, da auch sie vor dem Hintergrund ihrer vorherigen Inanspruchnahme durch das totalitäre Staatssystem sich neu definieren und in eine neue Geschichte einschreiben muss. Mit ihrer visuellen Verweigerung entziehen sich Knorr und Babias der produktiven und affirmativen Rolle der Kunst bei der Schaffung eines neuen Status quo und stellen diese stattdessen dem Betrachter zur Disposition.

Der Rumänische Pavillon ist in vielfacher Hinsicht einer der reflektiertesten Beiträge zur Venedig-Biennale überhaupt. Mit ihrem Nachdenken über die Rolle von Kunst und ihrer daraus folgenden Absage an das Objekt sabotieren Knorr und Babias auch das obsolete System der nationalen Pavillons, das die venezianische Kunstschau noch immer prägt. Die Absurdität und Fragwürdigkeit des länderweisen Kunstkräftemessens und der aufgeblähten Budgets wird so aufs Schönste vorgeführt. Somit entzieht sich Knorr auch den Wucherungen des Kunstmarktes, der gerade auf dieser Biennale ausgesprochen gut zu gedeihen scheint. Daniel Knorrs Arbeit ist ein wirklich gelungener Beitrag im Kontext der jüngsten Diskussion um und Begeisterung für das unsichtbare, entmaterialisierte Kunstwerk. Hier ist es kein Effekt heischender Habitus, hier macht die Geste des Künstlers Sinn.

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