25. November 2011
Danh Vo: „JULY IV MDCCLXXVI“ – Kunsthalle Fridericianum, Kassel. Vom 1. Oktober bis 31. Dezember 2011
Danh Vos in Kupfer getriebene Replik der Freiheitsstatue in New York ist als Scherbenhaufen im Kasseler Museum Fridericianum gelandet. Das Gewicht von 27,22 Tonnen stimmt, die Maße stimmen, die Dicke der nur 2,4 Millimeter dicken Haut, die Details. Das Ganze wurde aufgebockt auf Autoreifen und Holzpaletten. Aber nicht nur die Freiheit ist in Stücke zerlegt, auch das Readymade findet sich auf einer anderen Ebene wieder – in der Horizontale.
Dass das amerikanische Freiheitssymbol, das, vor dem Hafen von New York errichtet, für Legionen von Auswanderern und Migranten Hoffnung und Zuversicht bedeutete, nun am Boden liegt, ist weder eine semantische Aussage noch ein Kommentar. Es ist sozusagen deren potenzielle Möglichkeit, die vom Künstler und dem Kurator der Ausstellung, Rein Wolfs, in die Tat umgesetzt wurden. Keine Barbarei, keine Zerstörung, sondern das Ergebnis, wie ein Skulpturenkoloss aussieht, wenn er ins Museum einzieht, wenn sich dort sein Äußeres ohne das statische Gerüst einnistet.
Bei der Arbeit, die den Titel We the people trägt, stellen sich vielfache Assoziationen ein. Danh Vo schiebt sie an, wenn er im Erdgeschoss des Fridericianums als Kontrapunkt die Schreibmaschine des Theodore Kaczinski stellt, des sogenannten Unabombers, der vor mehr als zehn Jahren aus einem Versteck heraus die akademische Öffentlichkeit mit seinem sozialkritischen Manifest bedachte, mit Briefbomben bedrohte (und attackierte) und den Tod von drei Professoren verursachte. Wenn der Künstler daneben eine Zeitungsseite der „New York Times“ von 1945 legt, auf der die Vermählung von George H.W. Bush mit Barbara Pierce verkündet wird, den Eltern von George W. Bush – alles negative Reliquien von Menschen, die über Freiheit redeten, aber mit ihren Handlungen Tod und Vernichtung hervorbrachten. George Bush Senior wird im Namen der Freiheit 1991 den Irak bombardieren lassen, sein Sohn 2003 nochmals. Die Devise der Liberty bezog sich auf die Fackel in ihrer Hand: „La Liberté éclairant le monde“ („Die Freiheit erleuchtet die Welt“). Wie bitter, denkt man dabei an den Imperialismus der USA.
Der Titel von Danh Vos Ausstellung ist das Unabhängigkeitsdatum der USA „JULY IV MDCCLXXVI“ (4. Juli 1776). Das Kasseler Museum Fridericianum wurde 1779 eingeweiht, die Freiheitsstatue rund 100 Jahre später 1886. Bei ihrem Transport von Paris nach New York wurde sie in die Einzelstücke zerlegt, in denen sie jetzt zu sehen ist. Dabei spielt auch keine Rolle, dass sich der Kasseler Kunstverein im Fridericianum, schon immer ein Fremdkörper in diesem Gebäude, der inhaltlichen Symmetrie Danh Vos räumlich verweigert. Die Gegenüberstellung ist auch so überzeugend. Die weltgeschichtlichen Trümmer aus vielerlei Zusammenhängen tauchen aus dem Ozean des Vergessens kurz auf und fügen sich zu einem erschreckenden, bildhaften Mosaik, das kurz darauf wieder in den Fluten der Geschichte versinkt.
Der gebürtige Vietnamese Danh Vo aus Hanoi legt seine Netze nach allen Seiten aus: In die globalen kolonialen und postkolonialen Verstrickungen von Franzosen und Amerikanern etwa, die historischen Gleichzeitigkeiten von Kalamitäten und in seinen eigenen privaten Bereich, die Familie und die Freunde. Es sind enigmatische Settings von Artefakten, die in die Rolle von Danh Vos Kunst schlüpfen – der Kronleuchter des Hotels Majestic in Paris, wo 1973 die Friedenskonferenz zwischen den USA, Nord- und Südvietnam stattfand, die Fotos eines schwulen amerikanischen Veteranen mit jungen Vietnamesen, über ebay ersteigerte Waffen und Souvenirs aus den Nachlässen amerikanischer Vietnam-Soldaten, der Hausrat der verstorbenen Großmutter, einst von der Caritas in Deutschland gestiftet: ein Kühlschrank, eine Waschmaschine, ein Fernseher und ein Kreuz, vom Vater die Rolex. Danh Vo übernimmt zwar die Methode des Displacements und des Found Footage von Künstlern wie Marcel Broodthaers oder Mike Kelley, vor allem aber von der sogenannten Kontext-Kunst der Neunzigerjahre, von Künstlern wie Félix González-Torres oder Cady Noland – aber seine Szenarien sind von unerhörter Poesie, Komplexität und Verwirrung. Keine Strategie, sondern eine Inversion der Ready-mades zu sensuellen Stimmungsträgern. Danh Vo gelingt es, den Schleier einer schicksalshaften Melancholie über seine Bilder und Artefakte zu legen, überrascht aber auch mit dem Witz und der Unverfrorenheit, mit der er es tut. Die Vorfinanzierung von We the people kommt über die Pariser Galerie Chantal Crousel, die Fabrikation der Statur findet in China statt – ein absichtlich gesetztes Zeichen oder bloß zur Kostenreduzierung? Beides, antwortet der Künstler lakonisch im Interview. Es gibt für ihn immer mehrere, ambivalente Antworten, wenn er seine Ready-mades befragt, und er lässt den Signifikaten offen.
Wenn die Teile der Ausstellung touren, zunächst nach Innsbruck, Bozen und Schloss Dyck im Rheinland, dann ins Statens Museum Kopenhagen, nach Brasilien, ins Wexner Center for the Arts in Columbus/Ohio, das New Museum in York und schließlich ins Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris , wird sich auch der Freiheitsbegriff der Kupfer-Segmente jedes Mal automatisch ändern. Aus der amerikanischen Ikone sind viele Devotionalien geworden. Wenn man nicht an sie glaubt, bleibt erstaunlich viel Kunst übrig.