15. Oktober 2009
Cornelia und Holger Lund: „Audio.Visual: On Visual Music and Related Media“, Arnoldsche Verlagsanstalt, Stuttgart 2009, 320 Seiten, in Englisch und Deutsch. 25,8 x 17,2 cm, ISBN-13: 978-3897902930. Euro 39,80Wenn in der Kunst vom Wechselspiel zwischen „High Culture“ und „Low Culture“ die Rede ist, denkt man gewöhnlich an Duchamps Urinal, an Warhols Plattencover, an Modeboutiquen im Kunstmuseum, an wissenschaftliche Aufsätze im „Playboy“ oder an die avantgardistische Forderung nach einer Durchdringung von Kunst und Leben. Aber, mit David Bowie gefragt: „Don’t you wonder sometimes ‘bout sound and vision?“ Gerade im Bereich der audiovisuellen Künste steht das nonchalante Changieren zwischen hochkulturellen Lofts und subkulturellen Nischen seit jeher auf der Tagesordnung. Die Anthologie „Audio.Visual: On Visual Music and Related Media“ widmet sich solchen Grenzgängen und -überschreitungen. Beleuchtet werden darin weniger die Differenzen, als vielmehr die Analogien, Genealogien und Schnittstellen zwischen Avantgarde und Mainstream, Club und White Cube, Kunst und Industrie, Unterhaltung und Unterricht.
Bereits der Titel „Audio.Visual“ signalisiert, dass ungeachtet der Themenbreite Wert auf analytische Sorgfalt gelegt wird. Statt das geläufige Oxymoron „Visual Music“ voranzustellen, trennen die Herausgeber Cornelia und Holger Lund das Sichtbare vom Hörbaren einfach durch einen Punkt, der beide Seiten zugleich verbindet – Audio.Visual. Kleine Geste, große Wirkung. Schlägt man das Buch auf, so wird überdies deutlich, dass Lund & Lund nicht darauf angewiesen sind, intellektuellen Anspruch durch sinnliche Kargheit zu unterstreichen. Im Gegenteil. Der zweisprachige Band (Englisch/Deutsch) erscheint in opulenter Aufmachung und stellt selbst eine Art Kunstwerk dar. Angenehm rau liegt das mehrfarbige Papier in der Hand, die typographisch ansprechend aufbereiteten Texte sind durchsetzt von Fotostrecken und einem konstruktivistisch anmutenden Designparcours. Fast wundert man sich, dass beim Öffnen keine Melodie ertönt. Es ist, als hätte das Herausgeberpaar die Forderungen des Literaturwissenschaftlers Leslie A. Fiedler gerade mit Blick auf das Layout ernst genommen: Wer über postmoderne Ästhetik publiziert, der sollte dafür einen Stil wählen, der dem hybriden Gegenstand angemessen ist. Schwergefallen ist es ihnen sicherlich nicht, haben die Lunds doch interdisziplinäre und interinstitutionelle Ansätze bereits früher in Veranstaltungen wie „Exploring Party – Party as Art“ (Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 2007) aufgegriffen und ausgebaut.
Inhaltlich reicht das Spektrum der Textbeiträge in „Audio.Visual“ vom Absoluten Film der 1920er- und 1930er-Jahre bis hin zum zeitgenössischen VJing mit Vertretern wie dem Designbüro Pfadfinderei oder dem Produzenten-Musikduo Modeselektor. Damit hebt sich die Zusammenstellung bewusst von den Ausstellungskatalogen zu „Visual Music“ (2005, Los Angeles) oder „Vom Klang der Bilder“ (1985, Stuttgart) ab, welche primär auf die kanonisierte Kunst der Moderne setzten. In Sandra Naumanns präzise recherchiertem Aufsatz „Seeing Sound: The short films of Mary Ellen Bute“ wird jedoch deutlich, wie stark die Verzahnung zwischen Populärkultur und avantgardistischer Experimentierfreude, zwischen Ökonomie, Wissenschaft und progressiver Kunst bereits in der Frühphase audiovisueller Künste war. So liefen Mary Ellen Butes lichtrhythmische Kompositionen in den 1940er- und 1950er-Jahren einerseits als Vorfilme von Hollywood-Produktionen, andererseits wurden sie im New Yorker Museum of Modern Art zusammen mit Werken von Hans Richter und Fernand Léger ausgestellt.
Henry Keazor wiederum untersucht mit kunstwissenschaftlichem Sachverstand, wie sich Live-Auftritte und Musikvideos von Popbands nicht nur wechselseitig beeinflussen, sondern im Begriff sind, ineinander überzugehen. Am Beispiel von Coldplays Video zum Song „Speed of Sound“ verweist er zudem auf die lange Tradition, in der die Synchronisierung von Bild und Klang steht, von der auch Mark Romanek, Regisseur des Videos, massiv Gebrauch macht. Die vermeintliche Geschichtslosigkeit der Popkultur erscheint hier weniger als Problem ihrer Ästhetik selbst, sondern vielmehr als Folge einer Rezeption, die sich weigert, die impliziten und expliziten historischen Referenzen zu erkennen.
Natürlich variiert, wie bei allen Sammelbänden, die Qualität der einzelnen Aufsätze. Hervé Vanel etwa nimmt in seinen „Notes on Nicolas Schöffer“ theoretische und kritische Positionen zu Schöffers Werk vorweg, noch bevor er den unbeleckten Leser wissen lässt, wie dieses überhaupt beschaffen ist. Doch den Gesamteindruck trübt das nicht. So ist hervorzuheben, dass die notorischen Begriffe „Synästhesie“ und „Gesamtkunstwerk“, die im populären Diskurs über Visual Music oftmals zu sorglos gebraucht werden, in „Audio.Visual“ zum einen selten vorkommen, zum anderen überwiegend kritisch reflektiert und historisch kontextualisiert werden. Hier geht es eher um Warhol als um Wagner. Hervorgehoben seien auch die zahlreichen Essays, die nicht aus der Denkfabrik der Universität, sondern von Praktizierenden aus den audiovisuellen Künsten selbst stammen. Ihre Beiträge mögen nicht immer von vollendeter terminologischer Schärfe sein, doch sie konterkarieren die academical correctness durch eine heuristische Komponente und geben dem Buch einen subjektiven, unkonventionellen Drift.
Der französische VJ Laurent Carlier beispielsweise pflegt einen knappen, manifesthaften Ton und eignet sich in seinem Essay „VJing between Image and Sound“ die Simulationstheorie seines Landsmanns Jean Baudrillard an: „The real is increasingly the result of processes of design and simulation. The distinction between the natural and the real is no longer current. The same holds for music. We live in electro-acoustical environments.“ (Das Reale wird zunehmend zum Ergebnis von Prozessen im Bereich Design und Simulation. Die Unterscheidung zwischen dem Natürlichen und dem Realen besitzt keine Gültigkeit mehr. Das Gleiche gilt für die Musik. Wir leben in elektro-akustischen Environments.) Andere Autoren geben Einblicke in die Maschinenhallen ihrer Praxis, erinnern sich an die 512K-Speicherkapazität des Amiga (Yves Schmid Dornbierer) oder fachsimpeln über Overheadprojektoren (Birgit Schneider). So bleibt auch die technologische Dimension nicht außen vor. Mit der beigelegten DVD schließlich werden selbst eingefleischte Phänomenologen milde gestimmt, die nicht nur Begriffe, sondern auch sinnliche Wahrnehmung fordern. Das Material reicht von historischen Werken Walter Ruttmanns bis hin zu Gegenwartskünstlern wie Bruce McClure oder Friedemann Dähn.
Lund & Lund wollen audiovisuelle Künste nicht deduktiv bestimmen, sondern vielmehr auf induktive Weise herausfiltern, was unter dem Label Visual Music derzeit firmiert – und wie es firmiert. Das ist ihnen in jeder Hinsicht gelungen. Ihr richtungsweisendes Buch weicht ab vom patronisierenden Gestus vieler geisteswissenschaftlicher Publikationen und bietet stattdessen eine offene Plattform für unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Perspektiven auf ein Phänomen, das alle Bewohner des urbanen Raums betrifft.