Corinna Schnitt bei Figge von Rosen, Köln

Ein Schälchen bürgerliches Glück

Georg Imdahl
17. Februar 2010
Corinna Schnitt: „Hänschen klein“ – Figge von Rosen Galerie, Köln. Vom 15. Januar bis 13. März 2010

Während einer ganzen Dekade, seit 1997, betrieb Corinna Schnitt den nach ihr benannten Kölner schnittraum, einen der interessantesten und agilsten Off-Spaces im Rheinland - laut Eigendefinition ein Netzwerk mit wechselnden Entscheidern. Nun fungiert der schnittraum, unter der Leitung von Lutz Becker, als kommerzielle Galerie, während sich Corinna Schnitt, die in akribisch inszenierten Videoarbeiten eine lakonische visuelle Sprache geprägt hat, auf ihre Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und ihre eigene Arbeit konzentriert.

Schnitts jüngster Film Hänschen klein (2009), zu sehen in der Kölner Figge von Rosen Galerie in einer Doppelausstellung mit der Zeichnerin Fränze Hoppe, ist wiederum geprägt von einer knappen, geradlinigen Bildsprache. Sechseinhalb Minuten lang führt eine einzige Kamerafahrt in einem kontinuierlichen Zoom-out und ohne Schnitt von einem Detail bis zur schlussendlichen Totalen. Die anfängliche Großaufnahme zeigt eine kunstvoll bemalte Meissner Porzellanschale aus dem frühen 18. Jahrhundert: darauf eine Genreszene mit Unterricht in einer Zeichenschule, die soeben von einem Schüler mit Künstlermappe betreten wird. In der Bildkartusche fällt zudem ein Brunnen in menschlicher Gestalt ins Auge – eine Figur speit Wasser aus dem Mund wie später Bruce Nauman in der bekannten frühen Fotografie Self Portrait as a Fountain (1966/67). Während die Kamera aus dem Bild zoomt und sich der Blick weitet, entpuppt sich das Porzellan, das aus dem Düsseldorfer Hetjens-Museum stammt, als Bestandteil eines üppigen Arrangements aus Tulpen, Äpfeln, Kanne und Gläsern: Dieser Bildausschnitt gibt sich als Allegorie der Malerei in der Nachfolge des Goldenen Zeitalters zu erkennen. Geschickt schlägt der Film somit eingangs nicht nur einen assoziativen Bogen vom Barock bis zur Gegenwartskunst, wodurch sich unterschiedliche temporale Ebenen überlagern. Gegeben ist mit dem realen Stillleben auch ein beglückender Anblick, ja eine Metapher sozialer Utopie, als Ausdruck von Wohlstand und Bürgerlichkeit.

Rasch werden dieser Anblick und diese Konnotation des Stilllebens im folgenden Filmverlauf aber relativiert, um nicht zu sagen enttäuscht, da sich der Ort seiner Existenz in der Kamerafahrt bildauswärts als Terrasse in einer mäßig avancierten Neubausiedlung enthüllt. Das Idyll ist als Enklave entlarvt, auch wenn es deshalb als Paradigma der Schönheit nicht außer Geltung gesetzt wird. Aber es wird unscheinbar in der Umgebung und bleibt folgerichtig unbemerkt von zwei Spaziergängern, die nun ins Bild kommen. Es folgt ein Finale mit einem klassischen Brecht‘schen Verfremdungseffekt: Einer der beiden Passanten geht auf die Kamera zu, wendet sich geradewegs an den Betrachter und singt das Lied, das dem Film seinen Titel verleiht – bevor er treppabwärts aus dem Bild abtaucht. „Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein ...“ Die Überraschung ist perfekt. Man bleibt verblüfft zurück: Soll das Kinderlied tatsächlich als Pointe für eine Parabel des Perspektivismus herhalten? Für die Formulierung bürgerlicher Wunschträume, für die ewige Suche nach dem Glück, in der Heimat, in der Ferne? Immerhin: Mit allzu viel abgehobener Theorie möchte die Künstlerin ihre Arbeit offenbar nicht überfrachtet sehen.

Formal erinnert Hänschen klein an Michael Snows Kunstfilmklassiker Wavelength aus dem Jahr 1967. Hier führt die Blickbewegung indessen bildeinwärts, um nach sehr langen 45 Minuten ein anfangs nicht erkennbares Detail als finales Motiv und Telos des Films zu adeln – eine Fotografie mit Meereswellen, die an der Wand hängt. Den Zoom-out als lineare Bewegung, die das Bild und seinen Kontext erklärt, hat Corinna Schnitt bereits ähnlich in ihrer Arbeit Das nächste Mal (2003) erprobt: Zwei Kinder liegen auf einer scheinbar bukolischen Wiese in freier Natur, die sich als Insel inmitten eines mehrspurigen Kreisverkehrs herausstellt.

Zu einem Exempel der modernen urbanen Einrichtung wird auch der bei Figge von Rosen gezeigte Film Spielplatz (2007). Hier bleibt eine Kletterburg aus Kunststoff und Metall, die aus dem Œuvre Martin Honerts in die Realität entstiegen scheint, fast durchweg menschenleer und ungenutzt: keine Kinder, kein fröhliches Treiben. Zudem schirmt die Künstlerin den Ort mit einer hellen Wand effektvoll von seinem Hintergrund ab – und stellt ihn so als stehendes Bild heraus. Allein das wechselnde Tageslicht, der Schattenwurf der Bäume und dann und wann ein verloren wirkendes Kind oder eine vereinzelte Spaziergängerin hauchen diesem Spielplatz mäßiges Leben ein. Der 15-Minuten-Film wechselt zwischen Realzeit, wenn denn einmal ein Mensch in den Bildraum tritt, und Zeitraffer, wenn der Platz sich selbst genügt. Schnitt verkürzt einen Tag lang, vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang, auf eine Viertelstunde in trockener visueller Prosa. Bewegung wird zum Grenzfall von Stillstand. So erscheint der Spielplatz in Schnitts Video als dystopischer Ort, nicht als Verlockung zum Spiel. Als Bild aber bannt er auch ohne Action den Blick. Schnitts Filme bespiegeln Schnittstellen privater und öffentlicher Existenz und klopfen exemplarische gesellschaftliche, städtische Strukturen auf ihre normierende Funktion ab.  Ihre Stärke liegt darin, diese sozial-psychologischen Bestandsaufnahmen passgenau mit den formalen Mitteln zu verschränken, die das Medium Film bereitstellt.


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