1. September 2011
Seit der britische Undercover-Künstler Banksy seine Schablonengraffiti mit politischen, gesellschaftskritischen und bisweilen sogar subversiven, vor allem aber immer humorvollen Inhalten auf der ganzen Welt an die Wände sprüht, ist der Begriff Streetart in aller Munde und wird selbst in der Kunstszene nicht mehr ganz so abschätzig behandelt wie noch zuvor: Das wilde und unberechenbare Genre schert sich meist nicht um die Regeln des Kunstmarktes und wirkt gerade deshalb besonders „authentisch“ - ein Gänsefüßchen-Begriff, der gerne überstrapaziert wird.
Gleichzeitig ist Streetart, wenn man nicht gerade in Berlin oder London lebt, häufig nur schwer zu finden – schließlich gibt es zu ihr selten Ausstellungen, kaum Führungen und nie Hinweistafeln. Ausgerechnet in Köln soll sich das nun zumindest zeitweise ändern – war doch die Domstadt in der Vergangenheit vor allem für ihre rigorose Anti-Graffiti-Politik bekannt. Die beiden Vereine artrmx und colorrevolution haben sich mit dem ehrgeizigen Ziel zusammengetan, mit CityLeaks Europas größtes Streetartfestival ins Leben zu rufen. Dafür hat Kuratorin Anne Scherer immerhin 30 internationale Künstler gefunden, die sich dazu bereit erklärten, Häuserfassaden und Giebel, Off-Locations und Galerien mit ihren Wandbildern, sogenannten Murals, Installationen und mit Leim oder Kleister aufgezogenen Plakaten, Paste-Ups genannt, die Stadt zu gestalten – kostenlos, denn Künstlerhonorare gibt es keine.
Das offizielle Festival findet vom 5. bis zum 25. September vorwiegend in Köln-Ehrenfeld und dem Belgischen Viertel statt und bietet neben Führungen und Parties auch einen Workshop und ein Symposium, vor allem aber diverse Indoor-Ausstellungen, derer es weltweit bisher nur wenige gab: In der Rheinlandhalle beispielsweise stellen ab dem 17. September lateinamerikanische Streetart-Künstler wie Herbert Baglione, Rodrigo Branco, ENIVO und Yaikel aus, im Hochbunker in Ehrenfeld zeigen ab dem 16. September Roland Schmitz, Lukas Schmidt, HOLZ51, Laguna sowie AMOSE ihre Arbeiten.
Von Letzterem kann man bereits seit einigen Wochen an der vielfrequentierten Äußeren Kanalsstraße ein großformatiges Mural quasi im Vorbeifahren bewundern. Der Franzose, der an der École Supérieure des Arts Saint-Luc in Brüssel studierte, hat die Fassade von Hausnummer 340 mit einer seiner rätselhaften, deformierten, technoiden Figuren mit dem viel zu kleinen Kopf geschmückt. Beeinflusst von Comiczeichnern, Illustratoren und Streetartists, aber auch von Künstlern wie Egon Schiele, Alberto Giacometti, Gustav Klimt und Wilhelm Lehmbruck erforscht der 32-jährige in Lille lebende AMOSE die Ausdrucks- und Dekonstruktionsmöglichkeiten des menschlichen Körpers. Das macht sich auf dem schmucklosen Gebäude der örtlichen Wohnungsgenossenschaft, die gleich mehrere Flächen zur Verfügung gestellt hat, deutlich besser als das illegale „Piece“, das sich seit Jahren an dieser Stelle befand.
Auch am Hansaring in der Innenstadt sind bereits zwei etwa 15 Meter hohe Fassaden gestaltet worden. Der Italiener BLU hat dort, übrigens ohne sich vorher eine Skizze anzufertigen, das abgetrennte Haupt der Medusa an die Wand gemalt – mit Haaren aus Tankstellenschläuchen samt Zapfpistolen der großen Ölkonzerne. Statt Blut bildet sich eine Lache aus Öl vor dem Medusenkopf. Direkt daneben hat sich das Kölner Kollektiv Captain Borderline, das beim letzten Kommunalwahlkampf in Guerillamanier selbst entworfenen Plakate von Fantasiekandidaten zu denen der etablierten Parteien an die Laternenpfahle hängte, verewigt: Ihr neues Mural zeigt einen Kinosaal, auf dessen Leinwand eine Waschmaschine zu sehen ist, in der gerade ein menschliches Gehirn gewaschen wird, während dem hirnlosen Zuschauer Konsumgüter durch den Kopf schwimmen. Subtile Kunst sieht sicherlich anders aus – doch dafür erreicht die Kunst an dieser Stelle die Besuchermassen, die täglich in den direkt angrenzenden Kölner Mediapark mit seinem riesigen Multiplex-Kino strömen.
Georg Barringhaus vom colorrevolution-Vorstand unterscheidet Streetart von Kunst im Museum: „Streetart ist häufig plakativ, provokativ und am Puls der Zeit. Man kann sich ihr nicht entziehen.“ Gleichzeitig müsse sie aber auch die kurze Aufmerksamkeitsspanne eines Passanten erregen.
Dass das nicht immer gut geht, lässt sich an der Marzellenstraße nahe des Hauptbahnhofs beobachten. Dort haben ebenfalls Captain Borderline und der Kölner Thomas Baumgärtel, der sich als sogenannter „Bananensprayer“ einen Namen gemacht hat, sich selbst als Guerillakämpfer mit Malerpalette, Steinschleuder, Pfeil und Bogen „verewigt“. Mit einer riesigen Banane als Rammbock möchten die beiden das metropolisgleiche Köln gewaltsam erobern – und das, obwohl die beiden Tore links und rechts der mittelalterlichen Stadtmauer sperrangelweit offen stehen…
Deutlich vielschichtiger arbeiten hingegen der Berliner
El Bocho, der seine urbanen Frauengesichter bereits an mehreren Stellen in Köln plakatiert hat, und das Duo
Herakut mit seinen schmutzig-melancholischen und bisweilen fotorealistischen Mensch-Tier-Porträts.
Viele Wandarbeiten werden erst während des Festivals entstehen, sodass es sich anbietet, gegen Ende von CityLeaks an einer der angebotenen Fahrradtouren teilzunehmen. Natürlich kann man sich die Arbeiten auch danach noch anschauen – allerdings weiß man nie, ob sie Jahre oder nur noch wenige Wochen zu sehen sein werden. Denn ein weiteres Markenzeichen von Streetart ist deren Vergänglichkeit.
Eine Arbeit wird auf jeden Fall gleich nach dem Festival wieder verschwinden: Anwohner haben sich über das riesige Mural des Berliners Lake an der Liebigstraße wegen expliziter Gewaltdarstellung beschwert. Zu sehen ist ein Riesenkrake mit Cowboy-Hut und Stern, der an seinen Armen diverse Marionetten bewegt – unter anderem auch Adolf Hitler und Papst Benedikt XVI. Es soll von anderen Künstlern übermalt werden.
CityLeaks Festival mit Abner Preis, Alexandra Kisselkova, AMOSE, Basko Vazko, BLU, Captain Borderline, Claudio Ethos, ComeTogether Youth, DAL, El Bocho, EMESS, ENIVO, ESCIF, Faces On Book, Faith47, Herakut, Herbert Baglione, HOLZ51, Inti, Jan Vormann, JIAR, Jim Avignon, Jon Burgerman, L.E.T., Laguna, Lake, Lichtfaktor, Lucy McLauchlan, Lukas Schmidt, Morcky, Mr. Trash, Nils Müller, OVNI, Pau Quintanajornet, Rakaposhii, Rami Meiri, RIPO, ROA, Rodrigo Branco, Roland Schmitz, Sam3, Smash137, Stefan Strumbel, Thomas Baumgärtel, Van Ray, Will Barras, Yaikel und ZEDZ, Köln. Vom 5. bis 25. September 2011