2. Mai 2005
Am Motto der China International Gallery Exposition Beijing (CIGE) ließe sich noch feilen. Mit „Internationalization, Standardization and Futurity“ kommt es reichlich sperrig daher und erinnert stark an die in der Volksrepublik allgegenwärtigen Parolen staatlicher Kampagnen zur Fortentwicklung des „Neuen China“. Doch der ungelenke Reklameslogan für die zum zweiten Mal in Peking stattfindende Kunstmesse ist ernst zu nehmen; denn ernst nehmen sich auch die Veranstalter der Messe. Annähernd 90 Aussteller aus 13 Ländern bringen sie vom 2. bis 5. Mai 2005 in der Ausstellungshalle des China World Trade Center im regen Pekinger Geschäftsbezirk am östlichen Ende der Jianguomenwai Avenue unter.
Ausgesprochen selbstbewusst gibt man sich im Flyer zur Kunstmesse. Die Konkurrenz der immerhin zum neunten Mal stattfindenden Shanghai Art Fair (16. bis 20.09.2005) und der zum fünften Mal veranstalteten ART Singapore (29.9. bis 03.10.2005) lässt man nicht gelten und spricht in selbstsicherer Gigantomanie von der „wichtigsten zeitgenössischen Kunstmesse Asiens“. Aufgrund der schnellen wirtschaftlichen Entwicklung Chinas könne sich die CIGE obendrein bald zur „größten zeitgenössischen Kunstmesse der Welt“ entwickeln. Hehre Prognose für eine Veranstaltung, über die – wie so gerne in China – keine wirklich verlässlichen Zahlen zu bekommen sind. Während der vernachlässigte Internetauftritt der Messe von 50.000 Besuchern im Jahr 2004 spricht, vermeldet die Werbebroschüre 30.000 Interessierte. Aus zuvor 100 werden dort 80 Aussteller und Fotos der vor den Messeräumen Schlange stehenden Besuchermassen sollen den letztjährigen Ansturm belegen.
Dennoch – entgegen aller Krittelei hat die Pekinger Messe tatsächlich das Zeug dazu, die wichtigste Kunstmesse im asiatischen Raum zu werden. Seit dem Beitritt Chinas zur World Trade Organization im Jahr 2001 blickt die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik auf einen gewaltigen und viel beschriebenen Aufschwung zurück. Dass auch am Kunstmarkt die Mechanismen und Auswirkungen wirtschaftlicher Prosperität nicht spurlos vorüber ziehen, ist zwar Binsenweisheit, vielen Entscheidungsträgern aus dem Westen aber offenbar nicht geheuer. Ratlos steht man vor einem Handelsplatz, den man nicht einschätzen kann. Dem bizarren Missverhältnis zwischen täglich zunehmender Informationsfülle über beeindruckende wirtschaftliche Zuwachsraten in China einerseits und totaler Unkenntnis des örtlichen Marktes andererseits begegnet man im Bereich der Kunst gerne mit Totalverweigerung.
Gemessen an der Rolle Pekings als Kulturhauptstadt Chinas ist die Zahl der ausländischen Galerien trotz gelockerter Handelsbedingungen dort im Grunde immer noch gering. Beim Gang durch die Pionierarbeit leistenden Galerien der Stadt wird zudem deutlich, dass auch die ausländischen Kunstverkäufer und -vermittler vorwiegend bis ausschließlich chinesische Künstler ausstellen. Meist wird nicht der Versuch unternommen, den chinesischen Markt als Absatzmarkt für internationale Kunst auszutesten. Alexander Ochs, Galerist aus Berlin, bildet mit seinem Pekinger Ausstellungsraum White Space eine löbliche Ausnahme. Er versteht seine Ausstellungen (soeben zu Ende gegangen eine Schau mit Werken Jörg Immendorffs, gerade eröffnet die Gemeinschaftsschau The Languages of Nature mit Arbeiten des Schweizers Franz Gertsch und des Chinesen Fang Lijun) als Möglichkeit, dem örtlichen Publikum Anreize und vor allem chinesischen Künstlern neue Impulse für ihr Schaffen zu geben.
Auch Galeristen, die sich dem chinesischen Kunstmarkt zunächst ausprobierend nähern wollen, bietet die CIGE Gelegenheit, Präsenz zu zeigen. Waren im Vorjahr nur vereinzelt Aussteller aus dem Ausland vertreten, kommt man in diesem Jahr bereits auf die stolze Zahl von 17 Galerien aus dem nichtasiatischen Raum. Vier amerikanische Galerien, darunter die New Yorker Gagosian Gallery, und ein kanadischer Aussteller tragen gemeinsam mit 12 Galerien aus Europa (Schweiz (1), Österreich (1), Italien (3), Spanien (1), Frankreich (1), Großbritannien (1) und Deutschland (4)) zur Internationalisierung der Messe in ihrem zweiten Jahr bei.
Erstaunlich aber ist auch die hohe Teilnehmerzahl japanischer Galerien. Den in letzter Zeit in einer doch breiten Öffentlichkeit wieder aufkeimenden Zorn gegen Japan scheint man hier wenigstens zum Wohle der Kunstwirtschaft kurz zu vergessen. So darf Japan gleich mit 18 Galerien anreisen, darunter renommierte wie die Tomio Koyama Gallery und die Taka Ishii Gallery aus Tokio. Letztere widmet dem japanischen Künstler Ken Kagami und seinen sinistren Stoffskulpturen im Rahmen der Messe eine Einzelschau.
Der Frankfurter Galerist Lothar Albrecht hingegen zeigt überwiegend chinesische Künstler, darunter Shen Liang und Chen Wenbo. Die enormen Transportkosten hinderten ihn eigenen Angaben zufolge daran, mehr als Beispielsarbeiten von Tracey Moffatt, Naoya Hatakeyama, Oliver Boberg und Peter Bialborzeski mit nach China zu nehmen. Lothar Albrecht ist außerdem mit der L.A. Gallery Beijing auf der Messe vertreten, die er gemeinsam mit seinen chinesischen Partnern Wei Wei und Pan Xiulong im April 2005 an neuem Standort in Peking eröffnete.
Ebenfalls aus Frankfurt angereist ist Galeristin Bärbel Grässlin. Gespannt auf den Pekinger Kunstmarkt und sein Künstlerangebot zeigt sie vor Ort Arbeiten von Günther Förg, Imi Knoebel, Markus Oehlen, Manuel Ocampo, Tobias Rehberger und Franz West. Mit der New Yorker Galerie Jack Tilton und Christian Nagel aus Köln und Berlin bildet sie einen Gemeinschaftstand, an dem man die abendländische Kunstgeschichte von 1890 bis 2005 betrachten und kaufen kann. Unter anderem sind dort neben Degas, Picasso und Warhol auch Arbeiten von Jörg Immendorff, Katharina Sieverding, Albert Oehlen, Martin Kippenberger, Michael Krebber, Kalin Lindena und Stefan Müller zu finden. Christian Nagel kann sich – entsprechende Verkäufe und die Erweiterung des Kontaktnetzwerkes zur chinesischen Kunstszene vorausgesetzt – eine erneute Anreise im nächsten Jahr schon jetzt vorstellen.
China International Gallery Exposition www.cige-bj.com
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