Christoph Noe, Xenia Piëch, Cordelia Steiner (Hg.): „Young Chinese Artists – The Next Generation”

Globalisierte Befindlichkeit

Andreas Schmid
17. Dezember 2008
Christoph Noe, Xenia Piëch, Cordelia Steiner (Hg.): Young Chinese Artists – The Next Generation. Prestel Verlag München, Berlin, London, New York 2008. 296 Seiten, 39,95 Euro

Ein in vieler Hinsicht ungewöhnliches Unternehmen ist er schon, der aktuelle Sammelband Young Chinese Artists – The Next Generation.Christoph Noe und Cordelia Steiner haben aus 300 Künstlerinnen und Künstlern der sogenannten Nach-75er Generation Chinas 27 Einzelkünstler und 3 Künstlerpaare ausgewählt und mit ihren Werken zur Diskussion gestellt. Auffallend ist, dass die beiden Initiatoren nicht aus dem Kunstbereich oder der Sinologie, sondern der Wirtschaft kommen. Seit 2005 widmen sie sich als Berater und Vermittler in Peking der jungen chinesischen Kunst und bieten ihr eine Plattform. Als Mitherausgeberin mit kunsthistorischem Hintergrund fungiert Xenia Piëch, die besonders auf dem Gebiet der Fotografie ausgewiesen ist.

Vielleicht liegt es an dieser Konstellation, dass die Herausgeber nicht etwa die künstlerische Qualität – so schwer diese auch zu fassen sein mag – zum Kriterium für ihre Auswahl gemacht haben, sondern die Mustergültigkeit der Merkmale, mit denen die vorgestellten Künstler ihre eigene Generation am besten repräsentieren. Um dies für die Leser besser nachvollziehbar zu machen, bietet die Publikation eine Art Zeittafel, „Kollektives Gedächtnis“ genannt, die unter den Rubriken „State Affairs“, „Popular culture“ und „Lifestyle“ die entsprechenden Ereignisse auflistet – allerdings klaffen hier bei der künstlerischen und politischen Entwicklung der VR China seit den 1970er Jahren einige Lücken. Doch liegt die Besonderheit der im Buch vorgestellten Generation darin, dass sie die erste überhaupt ist, die – sieht man von den brutalen Geschehnissen Anfang Juni 1989 auf dem Tian‘anmen-Platz ab – ohne größeren politischen Druck und in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität wie technischer Innovationen aufwuchs, und dies zumeist in der staatlich verordneten Form der Ein-Kind-Familie.

Mag auch die im Vorwort erhobene Behauptung der Herausgeber, dass die Globalisierung bisher China nur genutzt habe, ausgesprochen diskussionswürdig sein, unbestritten ist, dass es in China zu einer radikalen Veränderung von Wahrnehmungsmustern, Werten und Einstellungen gekommen ist. Zwar profitierte die chinesische „Generation Golf“ von dieser Entwicklung, zahlte indes auch ihren Preis: die Erwartungshaltungen in der Familie mussten mit eigenen Wünschen und Vorstellungen ausbalanciert werden. Der Wandel Chinas führt auch hier zu Irritationen und Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Derlei Thesen belegt das Buch immer am Einzelfall. So etwa kann die Malerin Ma Yanhong ihren Eltern ihre freizügigen Bilder nicht zeigen. Andere Künstler mögen zwar erfolgreich sein, fühlen sich jedoch oft einsam und isoliert. Dies tritt auch in dem kleinen Fragenkatalog zutage, den die Herausgeber an die Künstler ausgegeben haben. Bei der Selbstbeschreibung der eigenen Generation tauchen Begriffe wie „Glück“ und „Freiheit“ ebenso häufig auf wie „Selbstsucht“ und „Einsamkeit“. Das Lebensgefühl der Künstler zu beschreiben, die Künstler in ihrer Generation zu verorten, ist ein außerordentliches Verdienst der Herausgeber.

Für die Artikel über die einzelnen Künstler wurde eine Vielzahl von zumeist sehr kompetenten Autoren aus China und dem Ausland verpflichtet. So stellt der Band eine sehr breite Palette von Künstlerpositionen vor, die sich mit den äußeren Veränderungen wie auch der eigenen inneren Befindlichkeit beschäftigen. Nicht immer ist die Auswahl glücklich, denn manche Künstler und Künstlerinnen bleiben zu sehr der eigenen Befindlichkeit verhaftet. Ihre Arbeiten wirken dann oft privatistisch oder werden opportunistisch glatt. Trotz technischer Finesse wird die Grenze zum unreflektierten Kitsch zuweilen stark überschritten (Chen Ke, Li Jikai, Liu Ren, Han Yajuan und Wei Jia). Genau das Gegenteil ist bei den Künstlern der Fall, die national wie international etabliert sind. Die bekanntesten, wie z.B. Chi Peng mit seinen digital bearbeiteten Fotografien, Yang Yong, ebenfalls mit Fotografien, Cao Fei mit Performances, Videos und Animationen (zuletzt auf der Venedig Biennale gezeigt), oder Xu Zhen, der mit seinen erwartungsresistenten Aktionen und Performances ein absoluter Ausnahmekünstler ist, bedürfen kaum noch der besonderen Erwähnung. Dennoch sind sie als Vertreter einer einzigen Generation so bisher noch nicht vorgestellt worden.

Auf einige andere, hierzulande noch weniger bekannte Künstler sei jedoch eigens hingewiesen – etwa das Künstlerpaar Li Yu und Liu Bo mit seinen klug inszenierten Fotografien. Den Stoff für ihre Bilder liefern Zeitungsmeldungen über ungewöhnliche Vorkommnisse oder auch Verbrechen, die durch die Art des Arrangements und der Beleuchtung entdramatisiert werden. Auch die Shanghaier Gruppe Bird Head (Song Tao und Ji Weiyu) sowie die Shanghaierin Liang Yue arbeiten sich an den Veränderungen und vielfältigen Erscheinungen ihrer Stadt ganz unterschiedlich, aber künstlerisch überzeugend, ab. Berührend sind auch die poetischen Fotoarbeiten von Chen Qiulin aus Chengdu, die das teilweise Verschwinden ihres Heimatdorfes durch den Bau des 3-Schluchten Staudamms mit ihren farblich starken Arrangements einfühlend kommentiert. Mangas und Comics übten bereits in den 1990er Jahren besonders großen Einfluss auf die jungen Künstlergenerationen aus. Überzeugende Ergebnisse mit viel Humor und Können liefern besonders Tang Maohong (Shanghai) mit seinen witzigen Siebdrucken und Wu Junyong (Hangzhou) mit politisch engagierten Animationen. Innerhalb der Malerei beeindrucken die Arbeiten von Zhou Jinhua, dessen breughelhafte Szenerien zumeist aus der Vogelperspektive bei näherem Hinsehen eine ungeahnte gesellschaftskritische Brisanz entfalten. Andere Künstler wiederum liefern genug Stoff für intensive Diskussionen: Qiu Xiaofei, Wen Ling, Liu Ding, Gong Jian oder Zhang Ding. Der Pekinger Künstler Li Hui nimmt mit seinen intensiven Lichtinstallationen und beleuchteten Objekten eine ganz besondere, herausragende Position ein. In all diesen Fällen leistet die Publikation Pionierarbeit – diese Künstler möchte man kennen.

Kurz: Der in sehr guter Qualität gedruckte und gestaltete Band ist ein überaus lohnender Informationsbeitrag zur jüngeren zeitgenössischen Kunst in der VR China. Wünschenswert wäre neben der vorliegenden englischen eine gesonderte deutsche wie auch chinesische Ausgabe. Collector’s editions sind natürlich schon erschienen.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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