Christof Zwiener und Enrik Hüpeden bei Michael Wiesehöfer, Köln

Immer eine Frage des Standpunkts

Ludwig Seyfarth
4. März 2008
Die Moderne ist tot. Es leben ihre klassischen Mittel. Nicht nur als historische Referenz, sondern auch als Wahrnehmungsreflektion und Experiment mit dem Handlungsraum Kunst. Zum Beispiel in den Arbeiten Christof Zwieners. Seine Installationen basieren auf Fäden, die er durch einen Raum oder einen Raumabschnitt spannt. Die Fäden folgen den Umrissen von Körpern, die der gelernte Bildhauer jedoch nicht als kompakte Volumen begreift, sondern durch den Verlauf der Fäden gleichsam als Zeichnung im Raum entstehen lässt. Dieses Vorgehen erinnert an den Einsatz von Fäden als Hilfsmittel der Wiedergabe räumlicher Volumina auf der Fläche, wie sie auf Albrecht Dürers berühmten Darstellungen zum perspektivischen Zeichnen zu sehen sind. Die Perspektive spielt auch bei Zwiener eine große Rolle, denn das geschlossene Volumen ergibt sich bei vielen Arbeiten nur von einem bestimmten Standpunkt aus, von dem aus räumlich hintereinander liegende Fäden sich optisch zu der geschlossenen Form zusammensetzen.

Dies ist auch bei der Installation Vom Wesen der Abstraktion der Fall, die Zwiener bei Michael Wiesehöfer erstmals zeigt. Als „Rahmen“ dient hier eine sechseckige Raumbühne, von der drei Seiten als Wände errichtet sind. Vor ihnen bildet eine komplexe Struktur aus Fäden in ihrer Mitte einen vom Künstler als „philosophisches Diagramm“ bezeichneten Körper, dessen platonische Form als „Sinnbild für das Schöne und Ideale“ (Zwiener) - wie gesagt - nur aus einer bestimmten Position heraus visuell erfahrbar ist. Schwarze Pappen bilden an den drei Wänden jeweils einen dunklen Hintergrund, der als Kontrast die hellen Fäden in ihren Konstellationen, die vor einer weißen Wand optisch fast verschwinden würden, deutlich hervortreten lässt.

Eine noch zentralere Rolle spielt der schwarze Hintergrund für Zwieners zweiten Ausstellungsbeitrag: eine Folge von Fotografien, die auf Fred Sandbackstwenty-two constructions from 1967 basiert, einer Serie von Lithografien des vor allem durch seine Arbeiten mit Woll- oder Acrylfäden arbeitenden Bildhauers. In einer Ecke seines Ateliers hat Zwiener jeweils ein Blatt aus Sandbacks Serie aufgehängt und vor ihnen Fäden angebracht, die in unterschiedlicher Raumtiefe eine räumliche Konstruktion darstellen, welche die Figur auf Sandbacks Blatt gleichsam räumlich abpausen, aber nur durch den geraden Blick durch einen Projektionskanal ihren Konturen folgen. Anschließend hat Zwiener anstelle der Sandback-Arbeit jeweils einen schwarzen Hintergrund aufgehängt und rechtwinklig an die Nebenwand einen zweiten. Dann hat er jeweils zwei Fotos gemacht, die nun als Diptychen zu sehen sind. Das linke Foto entspricht stets dem Originalmotiv Sandbacks, das rechte ist jeweils eine um 90 Grad versetzte Ansicht, bei der die einzelnen Fäden in ihrer Verteilung im Raum sichtbar werden. Die auf dem Foto erscheinenden weißen Striche sind die Abschnitte der Fäden, die aus der Frontalansicht heraus zu der nachgebildeten Figur gehören. Die räumlich außerhalb liegenden Abschnitte sind jeweils schwarz eingefärbt und verschwinden vor dem dunklen Hintergrund.

Eine völlig andere Konzeption des Verhältnisses von Betrachter und Bild/Raum liegt den Gemälden und Wandbildern des in Köln lebenden Enrik Hüpeden zugrunde. Seine historische Referenz sind, anders als Zwieners minimalistische Experimente an der Grenze der Wahrnehmbarkeit, die oft vehementen Effekte der Op Art. Deren irritierendes Spiel mit räumlichen Wirkungen und Flimmereffekten greift Hüpeden vor allem in einem blau-schwarzen Wandbild auf, das sich vom  Galerieraum im Erdgeschoss bis in einen kleineren Kellerraum erstreckt. Unterschiedliche Ansichten ergeben sich durch die Bewegung der Betrachter durch die Räume und über die Treppe. Die ganze Wandmalerei ist von keiner Position aus vollständig zu sehen. Optische Flimmereffekte ergeben sich nicht nur durch die unterschiedlichen Schräglagen der ineinander geführten, schwarzen und blauen Streifen, sondern zusätzlich auch durch den Blick durch die Stangen des Treppengeländers auf das Wandbild.

Die ebenfalls gezeigten Tafelbildformate Hüpedens, alle in Acryl auf Leinwand ausgeführt, sind meist von Relationen starker Farben geprägt, die an das Kolorit von Siebdrucken erinnern, das für die Op Art der 1960er Jahre eine zentrale Rolle spielte. Es spielen aber auch Anklänge an den Konstruktivismus und an die Abstraktion der 1950er Jahre hinein.

Hüpedens kraftvolles und seit über zehn Jahren konsequent entwickeltes Werk ist bislang in der aktuellen Diskussion um ein Revival abstrakter Richtungen der Moderne erstaunlicherweise kaum beachtet worden. Werken Christof Zwieners  hingegen begegnet man immer häufiger auch in größeren Gruppenausstellungen, obwohl sein komplexes Spiel mit dem Ephemeren noch weniger in aktuelle Trends einzuordnen ist. Die Doppelausstellung bei Wiesehöfer, die mit ihrem Titel an eine thematisch verwandte Schau 2005 in der Galerie anknüpft, gibt nicht nur einen Einblick in die aktuelle Arbeit beider Künstler, sondern steckt mit der Wahl zweier sehr unterschiedlicher, sich aber gerade dadurch auch gegenseitig interessant beleuchtender Positionen beispielhaft das breite Spektrum ab, in dem sich die erstaunliche Wiederbelebung und das Weiterdenken der oft totgesagten abstrakten Moderne heute abspielen.


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