Christie’s Impressionist & Modern Art Herbstauktionen in New York enttäuschen

Ausgetanzt

Walter Robinson
3. November 2011

Manchmal muss ein Auktionator das Aufrufen der Lose schneller vornehmen, als ihm lieb wäre. Und so verhieß die rasche Geschwindigkeit der Bietaufforderungen auf den ersten New Yorker Herbstauktionen bei Christie’s am vergangenen Dienstag, den Impressionisten und der modernen Kunst gewidmet, denn auch keine guten Nachrichten: Bei einem Gesamtumsatz von 140,7 Millionen US-Dollar fanden von 82 angebotenen Losen nur 51 einen neuen Eigentümer – das entspricht einer Quote von 62 Prozent. Im Klartext heißt das: Mehr als ein Drittel der Stücke fand gar keinen Käufer. Nach dem bereits im Mai dieses Jahres wenig begeisternden Gesamtergebnis von 156 Millionen US-Dollar in der entsprechenden Auktion, bedeutet der Erlös eine weitere Ernüchterung für die Sparte.

Auch Los 18, die berühmte Bronze Petite danseuse von Edgar Degas, 2000 bei Sotheby’s London für 11,5 Millionen und erst im Jahr 2009 in einem anderen Abguss für 18,8 Millionen US-Dollar verkauft, gefiel niemanden zum dem doch recht hohen oberen Schätzpreis von 35 Millionen US-Dollar. Da half es auch nicht, dass Christie’s seinen erfahrenen Vorzeigeauktionator Christopher Burge an den Start gebracht hatte. Der legte zunächst eine kleine Kunstpause ein, bevor er das Bietgefecht eröffnete: „15 million to start, 16 million, 17 million, 17.5 million, 18 million, 18.5 million against you, 18.5 million, 19 million on the phone, no? What is it then, 18.5 million, not yours, last chance, fair warning. The hammer comes down and. . . .“ Kein einziges Gebot. Die zwischen 1878 und 1818 entstandene Bronze ging zurück an ihren Einlieferer.

Und so ging es denn auch weiter. Tapfer schlug sich Burge von Los zu Los, doch so recht wollte keine Kaufstimmung aufkommen. Selten sah man eine qualitativ so hochwertig besetzte Auktion mit derartig vielen Rückgängen. Waren die Schätzungen zu hoch gesetzt, die Einlieferer in ihren Erwartungen zu raffgierig oder alle einfach zu optimistisch? Mit der Krise des Euro habe das Ganze jedenfalls nichts zu tun gehabt, versicherte Conor Jordan, Experte bei Christie’s, nach der Auktion. Viele der Käufer seien Europäer und der Rest der Klientel so international, dass Derartiges keine Rolle spiele.

Dennoch wollten weitere Toplose einfach nicht über den Tisch gehen: Ob nun das 1942 entstandene, Gemälde La robe violette von Henri Matisse für geschätzte 4 bis 6 Millionen US-Dollar oder Maurice de Vlamincks dynamischere Soleil d’hiver, geschätzt auf 5 bis 7 Millionen US-Dollar, Pablo Picassos kleinformatiges Porträt von Marie-Thérèse Femme endormie von 1935 für 12 bis 18 Millionen US-Dollar oder Alberto Giacomettis Femme de Venise von 1956/57 zu 10 bis 15 Millionen US-Dollar: Nichts ging mehr. Ganze sieben Werke von Picasso fanden keine Käufer. Ein Los des Künstlers jedoch bahnte sich seinen Weg doch noch durch den Dschungel der Nichtverkäufe: Das Porträt Dora Maars, La femme qui pleure I von 1937, entstanden als Kombination aus Radierung, Zeichnung und Aquatinta, verkaufte sich für sagenhafte 5,1 Millionen US-Dollar. Die Arbeit stammt aus einer 15er-Auflage und wurde von einem „wichtigen mexikanischen Sammler“ eingeliefert. Ein Rekordpreis für Drucke des Künstlers bei gleichzeitiger Verdopplung des oberen Schätzpreises.

Christie’s zweiten Triumph des Abends bildete der Verkauf von Der gestohlene Spiegel entstanden 1941 aus Max Ernsts Hand. Die verträumte Landschaft mit zwei Figuren, die mutmaßliche Abbildungen von Ernsts Geliebten Leonora Carrington und Gala Éluard, ist einem Gemälde The Attirement of the Bride aus der Sammlung Peggy Guggenheims sehr ähnlich. Drei Telefonbieter schlugen sich um das preislich mit 4 bis 6 Millionen US-Dollar vollkommen unterschätze Gemälde – verkauft wurde es für mehr als 16,3 Millionen US-Dollar an einen europäischen Privatsammler. Auch dies ein Rekord für Werke des Künstlers.

Zu den Verlierern der Auktion zählen indes verschiedene Museen, die sich durch die Verkäufe von Arbeiten aus ihrer Sammlung Großes erhofft hatten. So lies das Art Institute of Chicago eine Landschaft Camille Pissaros versteigern - für rund 1,2 Millionen US-Dollar und damit unter dem zuvor veranschlagten unteren Schätzpreis von 1,5 Millionen US-Dollar, ebenso wie eine Alabasterfigur von Barbara Hepworth für 650.500 US-Dollar – hier immerhin konnte der obere Schätzpreise von 400.000 US-Dollar übertroffen werden.

Das Museum of Modern Art hatte mehr Glück: Paul Delvauxs großes Gemälde Les Mains konnte für rund 6,6 Millionen US-Dollar versteigert werden, nahe am unteren Schätzpreis. Der Auktionsrekord für den Künstler liegt derzeit bei 9 Millionen US-Dollar. Ein guter Zeitpunkt um sich die Frage zu stellen, wie viele Arbeiten von Delvaux das MOMA überhaupt besitzt? Das versteigerte Exemplar kam jedenfalls erst 2007 durch eine Schenkung in die Sammlung. Das online-Inventar des Museums listet gerade vier Einzelarbeiten des Künstlers auf. Ist ein solcher Verkauf da wirklich vertretbar? Es schüttelt einen, bedenkt man, welche Art von zeitgenössischer Kunst das Museum mit dem Erlös einkaufen wird.

Die vollständigen, illustrierten Auktionsresultate finden Sie hier: Fine Art Auctions Report


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