Christiane Möbus bei Anselm Dreher, Berlin

Die Entschiedenheit der Konfitüre

Hans-Jürgen Hafner
28. Mai 2010

Christiane Möbus: „Tableau“ – Galerie Anselm Dreher, Berlin. Vom 17. April bis 26. Juni 2010

Ein Kunstwerk ist immer auch ein Ding. Trotz aller Wert- und Gültigkeitsbehauptungen. Damit aber tut sich die Kunst auch nach gut hundert Jahren Readymade notorisch schwer. Sie findet es geradezu unheimlich. Dabei hat Marcel Duchamp diese Problematik besonders zugespitzt auf den Punkt gebracht, als er ebenso provokant wie praktisch vorschlug, einen Rembrandt doch einfach zum Bügelbrett umzufunktionieren. Kunstwerke sind, trotz oder vielleicht sogar aufgrund aller in sie investierter Veredelungstaktiken, schnöde Sachen.

Nicht weniger merkwürdig scheint bis heute, wenn ganz banale Dinge Kunst werden. Doch weniger der Transfer von der Dingwelt in den exklusiven Kreis der Kunst ist dafür von Belang. Diese historische Errungenschaft namentlich des Readymades sagt über die Kunst im ästhetischen Sinne weniger aus als über ihren Charakter als Institution. Wenn sich Dinge, samt der in ihnen vereinten Qualitäten, plötzlich aus der Sphäre der Kunst heraus wieder an uns richten, wenn deshalb – weil sie Kunst sind – ihr Dingsein unserer Verfügung entzogen ist oder uns als Präsenz im eigenen Recht ganz direkt gegenübertritt, dann gerät der Grund, auf dem wir sonst sicher zu stehen glauben, immer noch ein wenig ins Wanken. Für dieses Phänomen müssen wir gar nicht die Dingmagie der Surrealisten bemühen oder, wie oftmals in der Kunst der 1980er-Jahre, über das Leben des Dings als Ware nachdenken, die sich von unserem Begehren nährt. Allerdings scheinen die beiden Aspekte in den Arbeiten von Christiane Möbus (Jg. 1947) nach- bzw. vorauszuklingen.

Ihr, im weitesten Sinne, bildhauerisches Projekt verzichtet früh auf jegliche plastische Erfindung oder objekthafte Setzung. Anfang der 1970er-Jahre beginnt ihre künstlerische Produktion und scheint bereits früh zu profitieren von den Diskussionen um Form, Gestalt und Material, wie sie damals unter konzeptuellen Vorzeichen geführt werden. Insofern passt, dass Möbus’ bildhauerischer Ansatz auf Formen des Arrangements, der theatral oder narrativ aufgeladenen Inszenierung setzt. Sie basiert ihre Arbeiten auf Fundstücke, mit denen sie zwischen Materialität und Metapher oszillierende Installationen, Bezugsfelder aus Sachen und Begriffen herstellt. Dinge rufen, als sie selber, Assoziationsräume auf, wie auf Bananenblättern ausgelegte Kakaobohnen. Gefundene Kleidungsstücke, Mäntel, Röcke, Hüte, führen – um Stickereiapplikationen und darauf gesetzte Titel formal wie inhaltlich geweitet – ihre individuellen Geschichten fort. Tierpräparate, etwa ausgestopfte Raben oder Eisbären, werden zu teils offensiv narrativen Tableaus, wie im bekannten Ensemble Auf dem Rücken der Tiere (1990/94): wo ein kurios zusammengewürfeltes Bestiarium die Arche – ein schwarzes, mast- und führerloses Holzschiff – trägt, die sie ja selber vor den Fluten retten sollte.

Im Rückblick sind viele von Möbus‘ Arbeiten schwer datierbar. Wirken, wie etwa ihre Arche-Paraphrase, in ihrer geschwätzigen Materialverliebtheit altmodisch, sind aber im besten Fall erstaunlich frisch, konzeptionell scharf geblieben. Vielleicht auch, weil es Möbus, anders als etwa Katharina Fritsch, nie um die schwierige psychologische Seite des Findens und Arrangierens, ums Idiosynkratische des Dings an sich ging; Möbus andererseits dem ausufernd Fantastischen einer Rebecca Horn mit dem realen Rest, der banalen Sachlichkeit des Dingseins ihrer Fundstücke erfolgreich widerstand. Entsprechend sehenswert ist deswegen auch die Schau, in der die diesjährige Gabriele-Münter-Preisträgerin parallel zu ihrer Werkschau im Martin-Gropius-Bau mit gänzlich neuen Arbeiten bei Anselm Dreher gezeigt wird.

„Tableau“ ist diese Ausstellung lakonisch betitelt. Und der Titel ist Programm. Tische, die zugleich den formalen „Grund“ abgeben und inhaltlich „Gegenstand“ einer Reihe von sachlich-dingfest-thematisch-poetischen Bildern sind, formen den konzeptionellen Dreh- und Angelpunkt der Schau. Vier unterschiedliche, in ihrer Einfachheit beinah skizzenhafte Tischskulpturen oder -arrangements – auf Basis von Eiermann-Tischen mit fein laminierten, intensiv dunkel getönten Tischplatten – hat Möbus in der traditionsreichen Galeriearchitektur in der Pfalzburger Straße eingerichtet. Da kann es unverschämt simpel zugehen, wie in Regensburg (2010), einem Tischensemble, das sein kleines Kabinett beinahe vollständig ausfüllt und auf rotbraunem Laminat vier extravagant-schwarze (Trachten-)Hüte mit eleganten Hutbandfaltungen in Szene setzt, auf eigens angefertigten, verchromten Huthaltern. Oder jene Kontinentalverschiebung (ebenfalls 2010) aus zwei aneinander, aber unterschiedlich hoch gestellten Eiermann-Tischen, unter deren Platten wie von ungefähr Zweige von Nordmanntannen befestigt sind.

Der Knaller der Schau ist allerdings Eins zu eins (2010). Wieder sind zwei Tische, mit diesmal homogen umleimten Tischplatten subtil unterschiedlicher Färbung, Stoß an Stoß gestellt. Sie tragen jeweils eine Art mittig aufgesetzter, scheinbar in surrealer Schwebe gehaltene Sockelkonstruktion – ein kleines Tischchen auf dem großen Tableau, quasi in Analogie zum Bild im Bild. Darauf thronen würdig gealterte, voluminöse Konfitüredosen aus Blech, die ganz und gar in üppigem italienischem Design gehalten sind. Die noch aufgeklebten D-Mark-Preise lassen das Alter dieser Edel-Konservendosen zwar erahnen, die Qualität ihrer Gestaltung lässt zudem auf die ihres Inhalts schließen. Doch ist es das Spiel von Form und Grund, das Gespräch der Formen und Volumen, das aus solch höchst banalen Dingen einen Dreh ins Erratisch-Wunderbare herauszukitzeln vermag. Es ist die Art und Weise, wie die Dinge hier aufeinanderstehen und zueinander in Beziehung treten, der Abgleich der Differenzen, zwischen zwei seriell, doch augenscheinlich höchst sorgfältig, markant individuell konfektionierten Konfitürebehältern. Es ist es das zutiefst Lapidare der künstlerischen Setzung – vor allem ist es die grundsätzliche Virtuosität, die in der Art mitschwingt, wie mit wenigem Material und behutsamer Geste ein zwingend-präsentes Bild zuwege gebracht wird, das von nichts anderem als von kleinen Unterschieden und dennoch auch von Zeiten und Orten, von Willkür und Entschiedenheit zu handeln scheint. Präsent, pointiert und passgenau ins Hier und Jetzt gesetzt – so kommen diese Arbeiten, so kommt diese Ausstellung daher. Eigentlich erstaunt hier nur eines: dass Möbus’ zu Recht preisgekröntes Werk in der künstlerischen Diskussion dieser Zeit nicht präsenter ist. Aber vielleicht ändern die aktuellen Ausstellungen ja etwas daran.


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