Christian Janecke: Maschen der Kunst

Very Heavy on the Wire

Michael Mayer
19. Dezember 2011

Alltagsfloskeln sind manchmal tückisch. Jedermann nutzt sie, jedermann glaubt zu wissen, was damit gemeint ist. Doch danach fragen sollte man tunlichst nicht. Selbst Linguisten scheitern meist bei dem Versuch, deren Semantik randscharf auf den Punkt zu bringen. Allenfalls andere Gemeinplätze kommen einem in den Sinn, Metaphern, für die sich partout kein primärer Ausdruck finden lassen mag. Wie will man etwa einem Engländer erklären, was mit der Allerweltsformel „ganz schön auf Draht“ genau gemeint ist? „Very heavy on the wire“? Von Wortwörtlichkeit wäre also abzuraten. Aber auch ein Synonym wie „clever“ verschiebt das Rätsel nur. Denn was wiederum sollte das näherhin sein? Gewitzt? Und was bittschön wäre das?

Womit man auch schon mittenmang in dem Schlamassel steckt, der das dem Leser gleich auf dem Buchdeckel entgegenprangt und die Lektüre hartnäckig begleitet. Um „Maschen der Kunst“ geht es also; und es ehrt den Autor, dass er sich schon eingangs seines schmalen Bändchens redlich müht, Licht ins Nebulöse seines Titels zu bringen. „Wer von einer ‚Masche‘ spricht, meint in der Regel wenig Schmeichelhaftes: ein probates bis abgegriffenes Mittel zu aufwandsarmer Effekterzielung.“ So weit, so gut, mag man meinen. Doch dürften, so der Autor, besagte „Maschen“ als, künstlerische Strategien zur Durchsetzung auf dem Kunstmarkt seinerseits nicht zu kleinteilig verstanden werden. Sie sind mehr als bloße individuelle Marotten oder Präsentationsmaxime, deren Allgemeinheitsgrad jedwede Typisierung blockiere. Sie sind weder als neutrales Mittel, Prinzip oder Muster, noch als Kniffe, Tricks oder schlichte Manöver fassbar. „Aus dieser insgesamt verzwickten Zwischenstellung wird, [...] etwas plausibler, warum ich am flapsigen Begriff der ‚Masche‘ festhalte.“ Nicht ganz, mag man antworten. Und liest dann doch mit gewissem Vergnügen die 36 Fallbeispiele, mit denen der Autor die Routinen pointiert, die sich bei Künstlern zur Steigerung der eigenen Celebrity einschleichen.

Darunter finden sich nicht nur brillant geschriebene Miniaturen über die Possen eines Kunstbetriebs, der längst stillschweigend den merkantilen Erfolg eines Werks mit dessen ästhetischer Qualität gleichsetzt. Vor allem ist die Kritik am Authentizitätsdelirium künstlerischer Public Relation in eigener Sache, die Christian Janeck, Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach übt, durchweg solidarischer Natur. „Künstlerische Originalität und Innovation werden nirgends verhöhnt. Vielmehr dürften sie eher erkennbarer werden. Indem nämlich das an den Werken einer Masche Verhaftete abziehbar wird.“

So erlaubt die alphanumerische Verschlagwortung dem Leser ein kurzweiliges und unsystematisches Schmökern durch Stichworte, die aus einem gewissen Originalitätszwang des Autors resultieren. Doch sie sind durchaus sprechend: Unter „Durchschnittchen“, „Beiläufigkeitskultivierung“, „Eleganzerzwingung“, „Partizipationsfolklore“ oder „Kostpröbchenkunst“ entfaltet Janecke sein kunterbuntes Potpourri an Karikaturen mehr oder minder gelungener Selbstvermarktung. Unter „Kunsthochschulkunst“ etwa wird die „Hassliebe“ abgehandelt, „mit der sich junge angehende Künstler einem auf ihre Ausbildungsstätte bezogenen, wie auch immer diffusen oder auch nur noch eingebildeten Erbe stellen“. Die dabei verinnerlichten Klischees werden ebenso dekuvriert wie bei einer „Kunstmessenkunst“, deren Typik mit der von Kunstmessen kongruiert. Beliebt sei hier etwa das „Hantieren mit unüberbietbaren Gegensätzen, so wenn vielleicht ein konstruktivistisch anmutendes Gestänge mit Fell überzogen wird, ohne dass der Künstler von Meret Oppenheims Pioniertat gewusst hätte. Transluzentes, Glibberiges, spektakuläre Materialien schieben sich in den Vordergrund, aber auch kalkulierte Geschmacklosigkeiten, etwa Hitler als Bettvorleger.“

Womit man endlich beim eigentlichen Ernst der ganzen Chose angekommen wäre. Denn ist die Frage, der sich der Autor nicht stellen mag und die sich doch stellt, nicht tatsächlich die, ob die eher verharmlosend als „Masche“ titulierten Präsentationsroutinen nicht längst begonnen haben, sich an die Stelle der künstlerischen Produktivität, ja der Kunst selbst zu setzen? Natürlich wird man antworten, dass nicht alle das öde Spielchen um Gunst und Aufmerksamkeit des medial induzierten Publikums gleichermaßen mitspielen. Doch die, die es nicht tun, zahlen oft einen hohen Preis. Und haben Künstler, die mitspielen, haben Kunstbetrieb, Kunstmarkt und –kritik sich nicht längst in die Maschen, deren sie sich zu bedienen glauben, heillos verstrickt?

Christian Janecke: „Maschen der Kunst“, zu Klampen! Verlag, Springe 2011. 237 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-86674-159-1, 19,80 EUR


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