17. Juni 2008
Chris Reinecke - "Kunst muss sein, 1959 bis heute" bei Jet, Berlin. Vom 31. Mai bis zum 5. Juli 2008
Dass die interessanteren und oft nachhaltigeren Ausstellungsprojekte in Berlin weniger in den großen Institutionen, den Museen und Kunstvereinen mit ihren eigentlich präzise definierten Repräsentations- und Vermittlungsaufträgen zu finden sind, daran sollten wir uns mittlerweile gewöhnt haben. Egal, ob es einfach nur um praktizierte "Zeitgenossenschaft" geht oder der Blick am allseits und gründlich Etablierten vorbei gesucht wird - meistens sind es die kommerziellen Galerien, diverse Off-Räume oder durch Produzenteninitiativen erschlossene Ausstellungsmöglichkeiten, wo genau das passiert, was die Vermittlung und das Sprechen über Kunst heute überhaupt relevant und spannend macht. Gemeint ist nicht die ewig bedingungslose, auf Quoten aller Art oder den Dienst an der persönlichen sozialen Bezugsgruppe zielende Reproduktion irgendwoher übernommener kuratorischer Standards. Gemeint ist die reflektierte Setzung und Neuverhandlung ästhetischer Grundfragen, die Suche nach Herausforderungen, das qualitätsversessene, aber spielerische Experiment, in dem sich die gesellschaftlich getroffene Übereinkunft Kunst immer noch als nützliches Projekt erweist - ein Projekt, das in den Berliner Institutionen aber heute höchstens noch als Gastspiel ankommt.
Wer Inspiration und Herausforderung sucht, muss sich in die Hand institutioneller Nomaden begeben. Ob deren Auftrittsort dann ein Verein oder der private Sektor ist, ist fast schon egal. Manchmal ist es auch die Mischung aus beidem, die sich als produktiv erweist. So verhält es sich etwa bei Lena ZiesesJet-Projekt, von dem immer noch niemand weiß, ob es eigentlich eher eine Galerie oder eher ein Projektraum sein will. Dort - und nicht etwa in der NGBK mit ihrem Realismusstudio oder wenigstens im Werkraum des Hamburger Bahnhofs - ist nun eine Retrospektive Chris Reineckes (geb. 1936) zu sehen, die trotz ihrer überschaubaren Größe dazu anregt, einen im Rahmen der offiziellen Kunstgeschichte bislang ebenso notorisch wie wirksam marginalisierten künstlerischen Ansatz erneut zur nötigen Diskussion zu stellen. Es ist eigentlich nicht zu fassen, wie wenig Reineckes ebenso interessanter wie schwer zu verortender Ansatz zwischen Fluxus und Agit-Prop, performativ-aktionistischen und konzeptuellen Arbeitsweisen und partizipatorischen Modellen neben einer eher konventionelleren Bildproduktion bisher kritisch gewürdigt wurde.
Zwar ist Chris Reineckes Engagement in der virulenten Düsseldorfer Szene der späten 1960er Jahre recht gut aufgearbeitet. Ihre Rolle bei den - zusammen mit ihrem damaligen Ehemann, dem zehn Jahre jüngeren Jörg Immendorff initiierten und mittlerweile berühmt gewordenen - LIDL-Aktivitäten wurden etwa 2000/2001 in einer Ausstellungstour mit den Stationen Düsseldorf, Karlsruhe und München und in der Publikation Chris Reinecke: 60er Jahre - LIDL-Zeit (Köln 1999) ist detailliert dokumentiert. Trotzdem finden sich bis heute kaum Arbeiten der Künstlerin in öffentlichem Besitz. Beinah völlig unbekannt sind Reineckes künstlerische Arbeiten, die nach ihrer zeitweilig totalen Abkehr von der Kunstwelt entstanden sind, nach ihrem Rückzug zugunsten direkter politischer Arbeit also. Seit Anfang der 1980er Jahre entstehen wieder kontinuierlich neue Werke.
Natürlich kann ein kleiner retrospektiver Überblick, wie er derzeit bei Jet zu sehen ist, nicht sämtliche Versäumnisse kompensieren. Die LIDL-Phase wird ohnehin weitgehend ausgespart. Trotzdem versucht die Ausstellung einen dezidierten Blick auf die "Künstlerin" Chris Reinecke in ihrem gesamten Schaffen. Dafür holt die Schau weit aus und schlägt einen Bogen von ganz frühen, noch während der Akademiezeit entstandenen figurativen Zeichnungen wie Schwester (1955) bis hin zu den aktuellen Zeichnungsarrangements der "Mappa Mundi"-Reihe. Obwohl deutlich entfernt von den Performances, Aktionen und auch den häufig ephemeren, nur für spezifische Zusammenhange gültigen Objekten der 1960er Jahre zeigen auch die aktuellen Arbeiten Reineckes das Interesse daran, Kunst nicht statisch über Werke oder Artefakte, sondern prozessual und modellarisch aufzufassen. Die beiden "Mappa Mundi"-Tableaus sind aus einzelnen, meist ornamental abstrakten Blättern zusammengesetzt: Ohne feste Ränder oder eine stabile motivische Struktur bilden sie eher einen speziell für den jeweiligen Kontext so zustande gekommenen Zustand ab. Sie sind Kalendarium und Tagebuch; freies, automatisches Notat und eine Art kartografische (Selbst-)Aufzeichnungen, die - frei im Raum installiert - umrundet werden können, ja förmlich zum Blättern, Lesen, Begreifen einladen.
Auch wenn die Ära LIDL zugunsten sonst vernachlässigter Werkentwicklungen umgangen wird, dokumentiert die Ausstellung die damals entfaltete Methode sehr anschaulich. Mit dem wellenförmig direkt an die Wand applizierten Blauen Faden von 1969 ist eines der wichtigsten "Werkzeuge" Reineckes zu sehen. Die in einer Plastikkapsel verwahrte Fadenrolle dient ihr, zugleich konkret und symbolisch, zur Demarkation; sie ist ein Mittel, um Beziehungen zu stiften oder Kommunikation herzustellen, was die Künstlerin in unterschiedlichen Aktionen erprobt. Vieles in der Ausstellung muss zwangsläufig kryptisch bleiben. In der Auswahl und aufgrund der Heterogenität der Exponate bleiben die primär dokumentarisch zu lesenden Arbeiten (wie der sehr schöne Projektentwurf me showing works, 1970) und die "Werk"-Rekonstruktionen womöglich ohne unmittelbar einsichtigen Zusammenhang. Vor kunsthistorischem Hintergrund gesehen - im Vergleich etwa zu den Ansätzen von Immendorff selber, von Verena Pfisterer oder Franz Erhard Walther -, dürfte recht schnell deutlich werden, wo einerseits das Zeittypische, aber auch das singuläre Potential, die Eigenheit von Reineckes Arbeit in punkto Form und Kontextbewusstsein zu verbuchen wäre. Aber diese Kritik kann gar nicht die beachtliche Leistung der gegenwärtigen Ausstellung betreffen, sondern ist eher eine Herausforderung an künftige, breit angelegte Aufarbeitungen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die zuständigen Stellen irgendwann zu dieser Pflichtleistung bemüßigt fühlen. Einstweilen befriedigen wir unseren Bedarf nach dem Abenteuer Kunst stellvertretend bei Jet.